• Porträt   "Ich kann es mir nicht so locker leisten, mal eben eine Hauptrolle abzulehnen"

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      Die Frau für die Comebacks: Katrin Saß veredelt jetzt sogar einen Degeto-Film

      Katrin Saß (52) war ein Defa-Star und nach der „Wende“ ein Niemand. Jahre später warf sie eine schwere persönliche Krise aus der Bahn. Jedes Mal kam sie zurück. In diesem Sommer ist sie gleich zwei Mal in bemerkenswerten Hauptrollen zu sehen: in dem Melodram „Liebe verlernt man nicht“ und in dem Ehekrisendrama "Die Freundin der Tochter".

      (Text-Stand: 5.6.2009)  Man hat es tausendmal in Filmen gesehen. Da ist eine Frau, da ist ein Mann – und beide scheinen sich nicht riechen zu können. Doch die Erfahrung sagt einem, dass die Abwehrhaltung zugunsten eines Happy Ends aufgegeben werden wird. Auch Eva Simon und Jonathan Wolf kriegen sich in dem Fernsehfilm „Liebe verlernt man nicht“. Doch die Ausgangslage ist eine andere. Hier trifft nicht das flippige Girlie auf den jungdynamischen Manager, sondern eine passionierte Oma auf einen fast zwanzig Jahre jüngeren Schönling. So anders das amouröse Szenario, so anders auch der Film: „Man kann ihn durchaus als ein unterhaltendes Plädoyer für mehr Toleranz verstehen“, betont Hauptdarstellerin Katrin Saß. Es ist vor allem die 52-jährige Schauspielerin, die die guten Ansätze von Bettina Woernles Story zu einer überzeugenden TV-Romanze reifen lässt.

      Eva lebt mit Sohn, Schwiegertochter und deren Kindern in einer Großfamilie zusammen. Sie ist Mädchen für alles. Der Arzt rät ihr zu Seniorengymnastik, doch die Mittfünfzigerin überkommen Gelüste anderer Art. Dieser neue Nachbar, ein Fotograf, der bevorzugt sehr viel jüngere Evas vernascht, geht ihr bald nicht mehr aus dem Sinn. Er weckt in ihr nicht nur den Wunsch nach Geborgenheit und Leidenschaft, durch ihn erinnert sich die einstige Sängerin und Betreiberin eines Hoftheaters an ihre künstlerische Vergangenheit. „Diese Aufopferungsarie zu Beginn ist mir persönlich zwar fremd, aber das zu spielen und in der Rolle die Liebe wieder zu entdecken und dann auch noch zu so einem attraktiven jungen Mann, das hat schon Spaß gemacht – vor allem, weil es glaubwürdig war.“ Dass sie mit einem solchen Film keinen Grimme-Preis gewinnt, weiß Saß wohl. „Ich kann es mir nicht so locker leisten, mal eben eine Hauptrolle abzulehnen. Ich bin Schauspielerin – und damit verdiene ich meine Brötchen.“

      Die Frau aus Mecklenburg ist bekannt dafür, die Dinge beim Namen zu nennen. Über ihre Alkoholsucht spricht sie ebenso offen wie über die DDR. Trotz zweijähriger Kinozwangspause nach ihrem Berlinale-Preis 1982 für „Bürgschaft für ein Jahr“ („man wollte mir einen Dämpfer geben“) sieht sie sich nicht bei den Opfern. Schließlich kam sie neben ihrem dauerhaften Engagement beim Theater zwischen 1979 und 1989 auf zehn Kinofilme. „Es ging mir im Prinzip gut. Was mir wirklich fehlte, war einfach nur Freiheit.“ Dem Staat, in dem sie geboren wurde, weint sie keine Träne nach; ihre eigene DDR-Geschichte hat sie aber nicht weggeschmissen. Daran kann auch ihre Stasi-Akte – geführt von der „so genannten besten Freundin“ – nichts ändern.

      Katrin Saß musste ihre Karriere gleich drei Mal starten. Ihr erster Bewerbungsversuch in Berlin scheiterte, erst in der Rostocker Schauspielschule nahm man die gelernte „Facharbeiterin für Fernsprechverkehr“ auf. 1979 gab sie im Ehedrama „Bis dass der Tod euch scheidet“ ein glänzendes Filmdebüt. Die Wiedervereinigung bedeutete für die DDR-Spitzenkraft einen Neuanfang. „Ich bin hier die Putzfrau, ich wohne hier“, war ihr erster und einziger Satz in ihrem ersten TV-Stück nach der Wende. „Es ging mir saudreckig danach“, erinnert sie sich. In der Folgezeit nahm sie alles an, was sie kriegen konnte. Zunächst sprang kaum mehr heraus als Mini-Rollen in Arztserien. „Ich habe damals gedacht, wenn es das jetzt ist, dann kannst du dir auch einen anderen Beruf suchen.“ So weit kam es nicht, denn der Brandenburgische Rundfunk machte Katrin Saß zur „Polizeiruf“-Kommissarin. Glücklich machte sie das nicht. Ein Film pro Jahr reicht gerade zum Überleben. Als einst gefeierter Star, den keiner mehr ruft, in einem Land zu leben, deren Regeln und deren Seilschaften man nicht kennt, das schmerzt an der Seele. Um den Schmerz nicht zu spüren, begann Saß zu trinken. Es war ein schleichender Prozess. Wie aus dem Trinken Krankheit wird, beschreibt sie in ihrer Autobiografie „Das Glück wird niemals alt“.

      Dann kam der Moment, der ihr Leben von Grund auf verändern sollte. „Ich habe einen Tag keinen Alkohol getrunken, weil ich eine Rolle hatte.“ Doch diesen Arbeitstag überstand sie nicht. „Ich bin umgefallen und im Krankenhaus wieder wach geworden, vor mir ein Mann im weißen Kittel mit der Frage: ‚Wollen Sie leben oder weiter trinken?’“ Für Katrin Saß war das das Schlüsselerlebnis. Jetzt konnte sie zum ersten Mal zugeben, dass sie alkoholkrank ist. Es folgte ein monatelanger Entzug mit einem glücklichen Ende. Freunde von ihr teilten das gleiche Schicksal. Viele haben es nicht geschafft. „Ich kann nicht sagen, was bei mir an eigener Kraft da war oder an fremden Einflüssen“, betont Saß. Ihre Erfahrungen lassen sie massiv daran zweifeln, dass der Mensch sein Schicksal selbst in der Hand habe. „Meine Krise hat mir gezeigt, dass alles so sein soll, wie es ist: es gibt keine Zufälle, das Leben ist in irgendeiner Weise vorherbestimmt.“ Die Psychologen haben gute Arbeit bei Katrin Saß geleistet.

      Aus der Krise ging sie gestärkt hervor. Für „Heidi M.“ bekam sie 2001 den Deutschen Filmpreis. Es war ein Kino-Comeback nach Maß, der Start in ihre dritte Karriere. Es ist die Geschichte einer Büdchenbesitzerin am Prenzlauer Berg, einer Übriggebliebenen, der der West-Regisseur Michael Klier mit den Mitteln des Defa-Realismus ein Denkmal setzte. Saß war nie die Frau für Glamour, sie pflegt das Bodenständige. Das konnte sie in „Good Bye, Lenin“ als aus dem Koma erwachte Mutter, die von der Wende nichts mitbekommen hat, über sechs Millionen Kinozuschauern zeigen. Danach war es insbesondere das Fernsehen, das sich um die Charakterdarstellerin bemühte. „Schimanski“, „Tatort“, „Bella Block“, „Bloch“ – Saß hat ein glückliches Händchen. Einige mögen den Kopf geschüttelt haben, als der DDR-Star bei Pro Sieben auftauchte. Als es dann für „Meine verrückte türkische Hochzeit“ den Grimme-Preis gab, hatte sie es doch richtig gemacht.

      Und nun die Saß in einem Melodram aus der ARD-Unterhaltungswerkstatt Degeto! „Ich hatte vorher noch nie ein Angebot in diese Richtung“, sagt sie und meint damit das Genre, nicht etwa eine mindere Qualität. Das Buch von Bettina Woernle, die auch Regie führte, hat ihr gefallen. Vor allem Woernle selbst hat ihr imponiert. „Sie ist völlig uneitel, war nie beleidigt, selbst wenn ich mal an ihren Texten rumgemäkelt habe.“ Auch am Set fällt Saß oft noch etwas ein beim Zusammenspiel mit ihrem Partner. „Erst wenn die Kamera läuft, entstehen die Gefühle.“ Sie ist kein Freund recherchierender Vorbereitung. „Menschen waren wir in jedem Zeitalter, Gefühle hatte man in jedem Zeitalter.“ Und Gefühle zeigen – darauf kommt es ihr als Schauspieler an.

      Besonders gefallen an Woernles Film hat ihr das offene Ende. „Es wird nicht gezeigt, dass diese Liebe von vornherein ausweglos ist. Ob die Beziehung funktioniert ist eine andere Frage. Das kann jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden.“ Was die Toleranz der Gesellschaft in dieser Angelegenheit angeht, macht sich Katrin Saß keine Illusionen. „Ich glaube schon, dass sich die Einstellung zu Beziehungen zwischen junger Mann und älterer Frau gelockert hat, aber weiß man, was tatsächlich hinter den Gardinen gedacht wird.“ Mit der viel beschworene Liberalität sei es ihrer Erfahrung nach außerhalb der Großstädte nicht weit her. Auch von der Wirkung eines Films wie „Liebe verlernt man nicht“ verspricht sie sich nicht sehr viel. Sie weiß, wie das ist. „Wenn ein Film oder Theaterstück gut gemacht ist, dann rede ich am selben Abend darüber und auch noch am dritten oder vierten Tag, aber länger nicht – und die Welt dreht sich wieder weiter wie immer.“

      Rainer Tittelbach


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