• Porträt   "Ich glaube nicht, dass selbst ein guter Schauspieler alles spielen kann"

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      Filmgeschichte und Kinokult-Klassiker 02/2012 auf einen Blick

      Wotan Wilke Möhring: Ehrlich, bodenständig und immer grundsolide

      Er bevorzugt realistische Filme und spielt gern Leute wie du und ich. Wotan Wilke Möhring ist einer, mit dem man gern mal ein Bier trinken gehen würde. Ein ernsthafter Schauspieler mit bewegter Vergangenheit, der nicht unglücklich ist über sein Image. In diesen Tagen ist er in dem Ausnahmekrimi "12 Winter" und "Kuckuckszeit" in der ARD zu sehen.

      (Text-Stand: 6.5.2009)  „Man bringt als Schauspieler eine bestimmte Physis, eine Aura und mit der Zeit auch eine Art Image mit. Da kann man 90 Minuten lang versuchen dagegen anzuspielen – am Ende wird es nicht geglaubt.“ Wotan Wilke Möhring weiß, wovon er spricht. Kaum ein deutscher Schauspieler ist so sehr abonniert auf den ehrlichen, bodenständigen Typen wie er. In seinen Rollen ist er der, auf den man sich verlassen kann, der Kumpel, der gute Freund, einer, der unverstellt ist, keine Spielchen treibt. In seinen Rollen stecke eine Menge von ihm. „Man ‚verleiht’ sein Gesicht ja aufgrund bestimmter Merkmale. Ich glaube nicht daran, dass selbst ein guter Schauspieler alles spielen kann.“

      Anderes als nur den netten Mann, mit dem man gern ein Bier trinken gehen würde, bekommt Möhring aber durchaus zu spielen. In der schrägen Komödie „Eierdiebe“ sorgte er als Hodenamputierter für reichlich Lacher. In „Antikörper“ hingegen ging es grauenerregend zu. Möhring spielte einen Dorfpolizisten, „den Guten, der das Böse für sich entdeckt“, so der 41-Jährige. Einen extremen Leisetreter verkörperte er in der märchenhaften Love-Story „Leo und Marie – Eine Weihnachtsliebe“. Etwas lauter ging es in der Kifferkomödie „Lammbock“ zu, in der sein Wortschatz im Wesentlichen aus dem Wort „ficken“ bestand. Auch in zwei neuen Rollen ist Möhring nicht das, was man einen Schwiegermutterschwarm nennt.

      In „Kuckuckszeit“ meint er es zwar gut, was ihn aber nicht davon abhält, zunächst seine Firma und dann beinah auch noch seine Familie gegen die Wand zu fahren. In „12 Winter“ dagegen, einer herausragenden Gangsterballade nach einem wahren, spektakulären Fall, spielt er einen Polizisten eines Sondereinsatz-Kommandos. Gemeinsam mit einem Kollegen heftet er sich an die Fersen zweier ausgekochter Gentleman-Gangster, die sich 12 Jahre lang auf Überfälle auf Provinzbanken spezialisiert haben. Sein Prothmann ist ein Instinktbulle der obsessiven Art. Er will schneller sein, besser sein, als die Polizei erlaubt. „Er ist ein dynamischer Typ, der voller Hingabe seiner Intuition folgt“, charakterisiert ihn Möhring.

      Prothmann ist keine Hauptfigur. Dennoch wollte Möhring die Rolle unbedingt spielen. „Die Geschichte hat viel von den Abenteuern, vom Räuber- und Gendarm-Spielen, von Cowboy und Indianer“, sagt er, „bei so einem ‚Jungsfilm’ mit Knarre, Funkgerät und wilden Autofahrten wollte ich dabei sein – egal, wie groß die Rolle ist.“ Die Protagonisten, die den Zuschauer durch die spannenden 90 Minuten geleiten, sind die Gauner, die noch etwas von jener Ganovenehre aus der guten alten Zeit des Verbrechens mitbringen. Jürgen Vogel und Axel Prahl spielen das charismatische Duo – der eine ist „Hirn“ und Lebemann, der andere liebender Gönnergatte, der mit geschmierten Stullen zum Bankraub antritt.

      Gerade einen solchen „Supporting Act“, wie es in Hollywood heißt, spielt man nicht mit Links. „Das Interessante an der Rolle war für mich, komprimiert und konzentriert einen Polizisten zu spielen, der kein bloßer Erfüllungsgehilfe ist, sondern die Probleme auf seine Art löst.“ Möhring hätte selbstverständlich gern einen der Bankräuber gespielt. „Das Böse fasziniert immer“, sagt der gebürtige Detmolder. Ob er es nicht bedauere, weniger der Typ für die Ganoven, die Bösen, die Kantigen zu sein? „Eigentlich nicht“, kommt es sehr spontan. „Spielen tue ich das natürlich auch. Aber die Produzenten besetzen manchmal gern so, dass der Zuschauer die Grundhaltung der Figur bereits vom Gesicht ablesen kann.“ In der Realität sehe man den Menschen das Böse zwar auch nicht an, gibt Möhring zu bedenken, aber nach solchen Überlegungen wird nicht gecastet. Ausschlaggebend ist, dass seine rund 70 Filme innerhalb der letzten zwölf Jahre vor allem ein Bild von Wotan Wilke Möhring ergeben als Darsteller freundlicher Zeitgenossen und von Menschen wie du und ich.

      Richtungweisend für Möhrings Karriere und Image waren die Sozialtragikomödie „Hat er Arbeit?“ und der Kinohit „Das Experiment“. Typisch für ihn waren auch „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, „Die Konferenz“ oder „Ein riskantes Spiel“. Figuren ohne soziale Erdung, ohne Realitätsbezug sind kaum zu finden in seiner Filmografie. „Das liegt wohl auch daran, dass ich auf realistische Figuren von vornherein ein besonderes Auge geworfen habe“, vermutet Möhring. Und so sah man ihn desöfteren in Rollen, deren Protagonisten von der Realität überfordert waren und in ein aussichtsloses existenzielles Dilemma schlitterten.

      „Es sind Menschen, die etwas Gutes wollen und denen das Leben schwer gemacht wird.“ Oft sind es vermeintlich kleine Filme, die allerdings durch die gesellschaftliche Relevanz, das leise Spiel des sympathischen Möhring und die gewisse Sprödigkeit seiner Charaktere, die so gar nichts haben von den saturierten TV-Gutmenschengesichtern, deutlich an Größe gewinnen. „Gerade in diesen kleinen Geschichten spiegelt sich oft der ganze Kosmos des menschlichen Dilemmas. Ich liebe realistische Geschichten. Ich erzähle gern von einfacheren Charakteren, weil sie echt und wahrhaftig sind und eine Berechtigung haben, gezeigt zu werden.“

      In klassischen Krimis hat man Wotan Wilke Möhring selten gesehen. „Dieses ständige ‚Wo waren Sie gestern Abend’ – das ist einfach nicht meine Schiene. Mich hat schon immer mehr die Geschichte, das Drama, die Zerrüttung, das Zerbrochene interessiert“, betont er. Viele Formate seien nichts anderes als Programmfüller. „Solche Rollen können andere spielen. Ich spiele lieber Rollen in Filmen, die man mir anbietet, weil ich sie besonders gut machen kann, auf meine Art spiele.“ Wenn Möhring so etwas sagt, klingt das nicht arrogant. Bescheidenheit ist nicht nur die Zier seiner Rollen.

      Möhring ist ein Mensch, der seine Arbeit und das Gespräch darüber ernst nimmt. Er versucht Antworten zu geben, mit denen sein Gegenüber etwas anzufangen vermag. Dabei geht er gern ins Prinzipielle, kann sich beispielsweise auslassen über die faszinierende Außenwahrnehmung beim Film („Man bietet viel Außenhaut und muss sich das Innenleben erkämpfen“). Auch ist er einer der wenigen Schauspieler, die nicht mit dem Gemeinplatz von der „Vielfalt der Rollen“ langweilen und nicht bestreiten, dass es so etwas wie ein Image gibt. Außerdem findet er kritische Worte zur Lage des deutschen Fernsehfilms, der bei Preis-Galas gerne als der beste der Welt gelobt wird: „Der Glaube an den Anspruch wird einem immer schwerer gemacht. Der Mut, sich auf das Geschichtenerzählen einzulassen oder nicht opportune Themen anzufassen, ist im Moment nicht besonders groß.“

      Bei aller Nachdenklichkeit – Wotan Wilke Möhring kann auch anders. Jahrelang ging es wild zu im Leben des Darstellers des Soliden. Er war Model, machte Werbespots, bis es ihm „zu doof war, Produkte anzupreisen“. Nach einer abgeschlossenen Lehre als Elektriker, studierte er Kommunikation, war Inhaber eines Techno-Clubs, machte selbst recht erfolgreich Musik und ist viel in der Welt herumgekommen. Das „Unstete“ hat ihm immer gefallen und es gefällt ihm an seinem Beruf noch immer. Doch etwas mehr Ruhe ist eingekehrt. Die Liebe hat ihn sesshaft gemacht. Seit Ende Januar ist er Vater. „So eine Beziehung zum eigenen Kind, dem eigenen Fleisch und Blut, ist das Größte. Eine Bereicherung als Mensch, aber auch gut für den Schauspielerberuf.“ Für die Zuschauer könnte das bedeuten, dass er einem künftig etwas seltener begegnen wird. Am Anspruch seiner Rollen aber wird sich nichts ändern. Möhring: „Weil die Zeit mit meiner Familie so kostbar ist, achte ich noch mehr darauf, welche Angebote ich annehme und welche nicht.“  

      Rainer Tittelbach


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