• Porträt   Vom Schurken zur Grauen Eminenz, von "Winnetou" über "Kir Royal" zu "Bellheim"

      TV60 – Alexandra Neldel in "Rache der Wanderhure" (Sat 1, 28.2.) Foto anklicken, bei amazon kaufen & tittelbach.tv unterstützen Auf einen Blick: Kinokultfilme & Filmgeschichte im Februar Über 30 Fiktion-Premieren. Februar-Highlights auf einen Blick
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      TV60 – Alexandra Neldel in "Rache der Wanderhure" (Sat 1, 28.2.)

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      Auf einen Blick: Kinokultfilme & Filmgeschichte im Februar

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      Über 30 Fiktion-Premieren. Februar-Highlights auf einen Blick

      Mario Adorf wird 80 und ist mal wieder "Der letzte Patriarch" (ARD, 10.9.2010)

      Mario Adorf wird 80. Der beliebte Schauspieler ist 56 Jahre erfolgreich im Geschäft. Sein Geburtstagsgeschenk der ARD, „Der letzte Patriarch“, dürfte auch ihm nicht sonderlich gefallen. Der Halbitaliener ist noch immer heiß auf anspruchsvolle Rollen.

      Die Deutschen wählten ihn zu ihrem beliebtesten Schauspieler. „Weltstar“ nennen ihn einige, obwohl er international nur wenige erfolgreiche Filme aufzuweisen hat, an die es sich zu erinnern lohnt. Er begann in „Papas Kino“, schaffte dennoch in den 1970er Jahren den Sprung zum Neuen Deutschen Film, drehte mit Volker Schlöndorff und Rainer Werner Fassbinder, nachdem er Francis Ford Coppola für den „Paten“ abgesagt hatte. Danach holte ihn immer öfters das Fernsehen. Vor allem Dieter Wedel ist es zu verdanken, dass Adorf im reifen Alter noch einmal so gut sein durfte wie selten zuvor. Mit seinen Porträts reifer, kantiger Machtmenschen in „Der große Bellheim“ und „Der Schattenmann“ schrieb er Fernsehgeschichte. Zur gleichen Zeit, begann er Bücher zu schreiben und ging mit eigenem Programm auf die Bühne. Auch als Sänger versuchte er sich – mit Charisma statt Stimme. Die Mainzer Universität hat ihm gerade die Doktorwürde angetragen. Mit Recht ist heute Mario Adorf der Grandseigneur des deutschen Films. Am 8. September wird der uneheliche Sohn eines süditalienischen Chirurgen und einer rheinischstämmigen Röntgenassistentin 80 Jahre alt. Zwei Tage später ist er in dem Zweiteiler „Der letzte Patriarch“ zu sehen.

      Maria Adoef

      So sah man Mario Adorf leider viel zu oft in den späten 60er und frühen 70er Jahren!

      "Es gibt viele gute Angebote, aber geringe Chancen, dass sie realisiert werden"
      Der Film ist ein Geburtstagsgeschenk der ARD für den großen Schauspieler. Es hätte ruhig ein bisschen weniger bunt verpackt sein können und den Inhalt hätte man sich gerne etwas weniger „soapig“ gewünscht. Adorfs Titel gebende Figur ist der 72-jährige Marzipanfabrikant Konrad Hansen. Er ist ein Patriarch alter Schule. Und wie es seine Art ist, stellt er seine Familie mal wieder vor vollendete Tatsachen – und macht nicht den erstgeborenen Sohn Sven zu seinem Nachfolger, sondern den smarten Überflieger Lars. Dieser hat dem Lübecker Familienunternehmen den Zugang zu den Weltmärkten geöffnet. Vor allem die Expansion des Hansen-Marzipans nach China und der Bau eines Werks in Shanghai sind seine Idee. Doch das Projekt gerät ins Stocken, als ein Billigprodukt mit identischer Rezeptur auf den chinesischen Markt kommt. Die familiären Spannungen sind vorprogrammiert. In den Ehen der Macher kriselt es. Konrad Hansen zieht es nach vier Ehen zu seiner langjährigen Freundin Ruth – und die scheint zwischen norddeutschen Salzwiesen und asiatischem Esoterik-Zauber nur auf ihn gewartet zu haben. Wie alle Männer von gestern kann auch der zunehmend alterskluge Familienvorstand auf eine frauenbewegte Vergangenheit zurückblicken. Eine Verfehlung aus alten Zeiten tritt im zweiten Teil des 180-Minüters ans Shanghaier Tageslicht.

      Der Gefeierte, der immer wieder betont, wie gerne er mit den jungen Regisseuren des neuen deutschen Kinowunders wie Andreas Dresen, Christian Petzold, Hans-Christian Schmid oder Fatih Akin drehen würde, ließ zwar alle PR zu seinem Film, den „Traumschiff“-Routinier Michael Steinke in gediegene Hochglanzbilder tauchte, geduldig über sich ergehen, aber auch Adorf dürfte sich mehr versprochen haben von dieser aufwendigen Degeto-Produktion, die zu zwei Dritteln in China gedreht wurde. Es steckt eindeutig mehr von den „Guldenburgs“ als vom „großen Bellheim“ in dieser großspurigen Lübecker Seifenoper, mit der die ARD haarscharf am nächsten Schleichwerbungsskandal vorbeischliddern dürfte. Seit Jahren muss Adorf die „Graue Eminenz“ geben. Die Kehrseite von Adorfs drittem Frühling durch Wedel. Viel lieber würde er den alten Karl Marx spielen. Das wäre das richtige Geburtstagsgeschenk gewesen! Seit fünf Jahren versucht er zusammen mit Michael Verhoeven den Film zu realisieren. Gemeinsam haben sie das Treatment geschrieben. Ob es noch was wird damit, weiß er nicht. Über das Entwicklungsstadium nicht hinaus kann auch eine Schwulen-Tragikomödie mit Vadim Glowna als Adorfs Lebenspartner. „Früher gab es viele schlechte Angebote, die ich absagte, heute gibt es sehr viele gute Angebote, aber geringe Chancen, dass sie auch realisiert werden“, so Adorf. Mit einer Herzensangelegenheit hat es zuletzt dann aber doch geklappt: so spielte er im Debüt von Jungregisseur Tarek Ehlail, „Gegengerade“, ein Film aus dem 1.-FC-St.-Pauli-Milieu, in dem Adorf einen Bierbudenbesitzer verkörpert.

      Adorf in "Blechtrommel"
      Foto: WDR

      Eine von Adorfs Parade-Rollen: Alfred Matzerath in Schlöndorffs "Blechtrommel"

      "Ich will, dass man gute Rollen für mich findet"
      In „Der letzte Patriarch“ bedient Adorf sein Post-Bellheim-Image zu 100 Prozent. Der Film dagegen erreicht nur 30 Prozent der Wedel-Qualität. Zwischen Firmenpolitik und Familienzwist, zwischen Pralinés und Rosenkrieg, zwischen kapitalistischem Pragmatismus und milder Altersweisheit, zwischen alter asiatischer Philosophie und neuer chinesischer Aufbruchstimmung findet der Film seine Themen, von denen er überroutiniert und mit nicht immer eleganter Redundanz drei Stunden lang erzählt. Entsprechend barsch für Gentleman Adorfs Verhältnisse wirkt denn auch seine Antwort im ARD-Presseheft auf die Frage, ob er bei dieser Rolle, die ihm „sozusagen auf den Leib“ geschrieben sei, an der Stoffentwicklung beteiligt gewesen sei. „Nein“, heißt es da kurz und bündig. „Es war auch nie mein Ehrgeiz, Rollen zu spielen, die mir, wie Sie sagen auf den Leib geschrieben wurden, die dann eigentlich alle mir selbst gleichen würden. Ich habe Rollen spielen wollen und auch gespielt, die anders waren als ich und daher eine Bereicherung meiner Erfahrung und meines Bewusstseins werden konnten.“ Mit dem Unternehmer Hansen habe er nichts gemein, in einem Punkt aber ähneln sie sich doch. Zunehmende Altersweisheit schlägt bei beiden durch. Bei Adorf gipfelt sie in dem Statement: „Ich will nicht, dass man mir Rollen auf den Leib schreibt, sondern gute Rollen für mich findet.“ In keinem Interview hat Adorf „Der letzte Patriarch“ offen kritisiert, aber ausgerechnet gegenüber der ARD äußert er zwischen den Zeilen seine Enttäuschung. Das zeugt von geistiger Frische, das ist große Kunst – Lebenskunst. Davon versteht er was.

      In den 1960er Jahren suchte er seine südländischen Wurzeln, lebte lange Jahre in Rom und drehte viel in Italien. Es war die Zeit, in der er durch „Winnetou“ den Zorn der Deutschen auf sich zog, weil er des Apachen Schwester erschoss, und in der er nicht zuletzt durch jenen Frederick Santer als Filmbösewicht abgestempelt wurde. Er habe nicht darunter gelitten, stellt er heute klar: „Ich fand diese bösen Rollen immer ganz reizvoll. Das war mir lieber, als Gutmenschen zu spielen. Ich hatte nie das Gefühl, dass mir das Bösewicht-Image irgendwie geschadet hätte.“ Er spielte Gangster in billigen Krimis, Halunken im Italo-Western, Ganoven in Kriminalkomödien, verkörperte Mussolini. Irgendwann muss er gemerkt haben, dass von den deutschen Filmemachern mehr zu erwarten ist. Der Standort Rom war gut für Spaghetti-Western und Sandalenfilme, für Filmkunst und Zeitgeistiges musste man nach Berlin oder München. Auch das mit dem Italienersein wollen erwies sich als Irrtum: “Mein Versuch, mich zu assimilieren, ist gescheitert an dem Bewusstsein, dass ich, je mehr ich das versuchte, umso mehr feststellte, wie deutsch ich bin. Also meine ganze Liebe zu Italien, mein Nach-Italien-Gehen, die Kunst suchen, das Land suchen, die Sonne suchen, alle diese Dinge sind außerordentlich deutsche Eigenschaften und keine italienischen.“

      Adorf & Kurt
      Foto: ZDF

      Maria Adorf erlebte TV-Comeback bei Wedel. "Der Schattenmmann" mit Stefan Kurt

      "Ich scheiß dich zu mit meinem Geld"
      Mario Adorf ist seit 56 Jahren im Geschäft. Obwohl er neben seinem Studium boxte, brauchte er für seine Karriere keine Ellenbogen. „Ich war eigentlich nie ein Kämpfer. Ich war immer derjenige, der abwartet. Ich war auch nie besonders ehrgeizig.“ Er habe auch nie jemanden weggedrückt – das sei nicht seine Mentalität. Mit seiner ersten Hauptrolle als Serienmörder in Robert Siodmaks „Nachts, wenn der Teufel kam“ (1957) hatte er einen perfekten Start. Mit ein wenig Flexibilität spielte er sich erfolgreich durch die nächsten 20 Jahre ohne einen echten Filmklassiker. Erst in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, „Die Blechtrommel“ und Fassbinders „Lola“ spielte er drei Rollen, die er mit seiner einzigartigen, etwas gespielt grobklotzig-lauten Performance unvergessen machte. Eine radikale Fortsetzung seines Baulöwen Schuckerts („Ich kann immer, muss nie!“) im 50er-Jahre-Lehrstück „Lola“ ist der Provinzfabrikant Heini Haffenloher aus der Serien-Satire „Kir Royal“ um dem Klatschreporter Baby Schimmerlos. Adorfs „Ich scheiß’ dich zu mit meinem Geld“ ist zum geflügelten Wort geworden. „Es war wirklich eine wunderbare Rolle, für die ich Helmut Dietl dankbar bin. Diese merkwürdige Mischung: wie ein lächerlicher Mann zu einem mächtigen Mann wird“, erinnert sich der Schauspieler noch heute mit einem Schmunzeln.

      Durch das Alter lässt sich Adorf nicht verrückt machen, er fühlt sich jünger, als er früher dachte, wie man sich mit 80 fühlen würde. Doch ist er Realist. Er habe keinen Lebenstraum mehr. „Der einzige Wunsch ist, möglichst lange ohne physische und geistige Defizite zu bleiben. Altern ist für mich eine Sache der kühlen Kontrolle und des bewussten Umgangs mit dem Unvermeidlichen.“ Auf jeden Fall möchte er weiter Filme machen – gute Filme!

      Rainer Tittelbach


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