• Interview   Ralf Husmann: „Man darf die Hoffnung nicht aufgeben...“

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      ... doch der Head-Writer ist skeptisch, was die Zukunft des Comedy-Genres angeht

      Der geistige Vater von "Stromberg" und "Dr. Psycho" äußert sich im Interview über seine letzte Pro-Sieben-Sitcom "Der kleine Mann", über die deutsche Lachkultur im Allgemeinen und seine Formate im Besonderen und darüber, weshalb er die klassischen Identifikations-
      Sitcoms nicht mag und weshalb die meisten deutschen Comedys (wieder) daneben gehen. 

      Text-Stand: 23.3.2009

      Die klassische Identifikationsfigur ist Rüdiger Bunz, Ihr neuer "Held", sicher nicht, aber auch nicht das arme Würstchen…
      Ich wollte kein Spin-Off von „Stromberg“. Bunz sollte kein Ernie sein. Mir ging es darum, dass das irre Personal um ihn herum gruppiert ist und er der Normalo ist, der ruhende Pol. Ich habe unlängst nachgelesen, wie der Durchschnittsdeutsche laut Statistischem Bundesamt aussieht: Er ist 41, leicht übergewichtig, lebt auf 80 Quadratmetern zur Miete in einer Kleinstadt. Das ist alles Rüdiger Bunz. Ohne dass ich das vorher alles recherchiert habe, trifft er ziemlich genau die bundesrepublikanische Durchschnittlichkeit.

      Wo liegen die Stärken von Bjarne Mädel?
      Er ist ein im besten Sinne sehr altmodischer Schauspieler, der eine große Bandbreite besitzt. Mal gibt er den zu heiß gewaschenen Heino Ferch wie in ‚Die Könige der Nutzholzgewinnung’, mal brilliert er in der absoluten Voll-Loser-Rolle wie in ‚Stromberg’. Er macht beides mit einer sehr großen Natürlichkeit und auf eine Art und Weise, bei der man den Eindruck hat, die Figuren aus dem wirklichen Leben zu kennen. Bjarne hat für mich sehr viel von Heinz Rühmann. Der kleine Mann, der die Normalität so spielen kann, dass man sie lustig findet und nicht einfach nur banal und durchschnittlich.

      Haben Sie bewusst die „Stromberg“-Dramaturgie auf den Kopf gestellt?
      Die Grundidee, jemand Normales berühmt werden zu lassen, hat es natürlich mit sich gebracht, dass die Hauptfigur nicht besonders bösartig oder exzentrisch sein kann. Bunz sollte kein Dr. House oder kein Stromberg werden. Ausgangsfrage war: „Was passiert, wenn man die normalste Figur in ein Haifischbecken stößt?!“

      Würden Sie im Nachhinein sagen, dass Sie dem Fernsehzuschauer mit „Stromberg“ zu viel zugemutet haben?
      Ich habe schon lange aufgegeben, darüber nachzudenken, was man wie machen muss, damit es erfolgreich wird. Es gibt meines Erachtens nichts wirklich Nachvollziehbares, warum Leute etwas gucken und etwas anderes nicht. Die „Stromberg“-Fangemeinde besteht aus völlig anderen Leuten, als ich mal gedacht habe: sehr viele sind noch im schulpflichtigen Alter, 16-24-Jährige, die noch kein Büro von innen gesehen haben.

      Die erfolgreichsten Sitcoms sind die um sympathieträchtige Hauptfiguren wie „Nikola“ oder „Ritas Welt“. Warum liegen Ihnen solche Formate nicht so sehr?
      Ich kann schon nachvollziehen, warum diese Formate erfolgreich sind und warum Leute sie machen. Aber ich fände die Arbeit an solchen Comedyserien für mich eher langweilig. Das sind Figuren, mit denen ich wenig anfangen kann. Das ist auch nicht meine Form von Humor und entstammt nicht meiner Erfahrungswelt. Wenn ich aber so viel Lebenszeit in ein Projekt stecke, dann möchte ich etwas machen, woran ich wirklich Spaß habe. Bei mir muss es muss immer auch ein bisschen wehtun – mich langweilt es, mir aus der Perspektive einer Supermarktangestellten die Welt erklären zu lassen.

      „Der kleine Mann“ reflektiert wie „Anke“ ein Medienphänomen. Die große Selbstreferentialität war mitentscheidend, dass die Serie mit Anke Engelke nicht den verdienten Erfolg hatte. Ist die Zeit jetzt reif dafür bzw. sind die Zuschauer reifer?
      Ich glaube generell nicht an den Grundsatz, dass Medien in Medien nicht funktionieren. Außerdem haben wir bei „Der kleine Mann“ den Anteil von Medien in Medien sehr gering gehalten. „Anke“ spielte hinter den Kulissen einer Talkshow und war von daher sehr viel selbstreferentieller. Bunz ist und bleibt Verkäufer in einem Elektrofachgeschäft und geht zwischendurch nur mal in eine Kochshow oder zu Herrn Plasberg. Es geht nicht so sehr darum, Medienschelte zu betreiben. Man muss auch sehen, dass seit „Anke“ unzählige Staffeln „DSDS“ und „Popstars“ gelaufen sind. Dieses Phänomen, dass Jemand aus dem Nichts berühmt wird – das hat der Zuschauer schon ein paar Mal gesehen. Deshalb kann man damit auch spielen.

      Bald gibt es die 4. „Stromberg“-Staffel. Können Sie schon etwas verraten?
      Beim letzten Mal haben wir ein paar Sachen zu viel erzählt, was zu wirren, wüsten Spekulationen geführt hat. Deshalb halten wir uns dieses Mal zurück. Nur eines: Stromberg wird kein Privatier, er bleibt der Versicherung treu. Und der Gockel muss ein paar Federn lassen.

      Warum ist „Dr. Psycho“ nicht so gelaufen, wie Sie es sich gewünscht haben?
      Direkt gegen „Monk“ zu laufen, der dasselbe Klientel bedient, war sicher nicht glücklich. Genau so wie der Umstand, dass wir auf dem Comedy-Tag bei Pro Sieben platziert waren. Das waren Farben, die nicht zwangläufig zu ‚Dr. Psycho’ hinführten. Ich hätte mir gewünscht, wir wären im Serienumfeld gestartet – hinter „Desperate Housewives“ zum Beispiel. Ein anderes Problem: die Frage der Aufmerksamkeit. Wir mit unseren acht Folgen haben es schwerer, als die US-Serien mit ihren 20 Folgen pro Staffel. So wurde ‚Dr. Psycho’ unter Wert geschlagen, auch wenn es sicher keine Serie ist, die mit 20% Marktanteil nach Hause geht.

      Sehen Sie deutliche Entwicklungstrends innerhalb des Sitcom-Genres?
      Man kann nur schwer von Entwicklung reden, in einer Zeit, wo man froh ist, dass überhaupt noch etwas produziert wird. Ich kann mich im Übrigen nicht an viele Versuche in den letzten Jahren erinnern, etwas Lustiges zu etablieren. Das ging dann oft eher in Richtung von „Dr. Molly & Karl“, war also die Schiene, amerikanische Erfolgsserien auf deutsche Verhältnisse umzubasteln. Bei solchen Formaten bin ich skeptisch. Ich finde es schade, dass sich das Genre Comedyserie so wenig etabliert hat. Der Comedy-Trend hat sich – anders als in den USA – weder in der Bevölkerung noch im Kollegenkreis so weit verankert, dass eine feste, solide Basis nachgewachsen wäre. Das einzige komische Format, das sich durchgesetzt hat, ist die Standup-Variante, auf dem sich die Deutschen innerhalb kurzer Zeit relativ autark bewegen.

      Haben Sie Erklärungen dafür, warum das Genre in den letzten Jahren zunehmend zum Minderheiten- und Nischengenre geworden ist?
      Das hat in Zeiten der Krise den ganz banalen Grund, dass eine relativ aufwendig produzierte Stundenserie letztlich günstiger als zwei halbstündige Sitcoms ist. Wenn halbe Stunde, dann verlegen sich die Sender lieber auf günstige Sketch-Shows und „Versteckte-Kamera“-Formate. Zum andern haben die Sender strategische Fehler gemacht: So hat RTL versucht, fast allen Köpfen von „7 Tage, 7 Köpfe“ eine eigene Sitcom zu geben. Dadurch hat sich nach drei guten und sieben mittelmäßigen Comedyserien eine gewisse Skepsis beim Zuschauer breit gemacht – mit dem Erfolg, dass er irgendwann das Genre gar nicht mehr sehen mochte. Außerdem habe ich das Gefühl, dass sich die Deutschen in der komischen Form ihren Alltag oder ihre Gesellschaft nicht in einer halben Stunde erklären lassen wollen. Das ist bei den Amerikanern anders: da waren die erfolgreichen Sitcoms wie ‚Roseanne’, ‚Seinfeld’ oder ‚Friends’ immer ein bisschen Spiegel der Gesellschaft. Bei uns funktioniert diese gesellschaftliche Spiegelung offenbar nur im Krimi.

      Deshalb Ihr Ausflug in die Krimi-Comedy mit „Dr. Psycho“…
      Ja, die Serie war der Versuch, das Komische in den Bereich des Krimis zu verlagern. Wobei ich gemerkt habe, dass es beim Krimi ähnlich ist wie beim Fußball. Über beides wollen die Deutschen nicht unbedingt zwingend lachen. Die Bereitschaft, sich ein Stück weit über das Genre lustig zu machen, ist hierzulande ziemlich begrenzt.

      Was bedeuten diese eher ernüchternden Trends für Sie?
      Ich probiere es weiter, schaue nach Nischen und nach einem Zielpublikum, das diesen etwas spezielleren Humor gut findet. Ich habe mich ja letztes Jahr auch mal im Bereich des Romans versucht. Das war auch nicht so ganz unerfolgreich… Aber ich werde die Hoffnung nicht aufgeben. Vielleicht bedarf es auch mal nur wieder einer erfolgreichen Geschichte – und die Sitcom ist wieder da. Bei anderen tot geglaubten Genres hat man das auch schon gehabt. Ich sage nur: „Wer wird Millionär?“! 

      Das Interview führte Rainer Tittelbach


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