Marie Zielcke, seit 15 Jahren im anspruchsvollen Kino- und Fernsehfilm zuhause, spielt seit Herbst 2009 die Hauptrolle in einer Daily-Soap: „Eine wie keine“ (Sat 1, ab 16.11.). Zielcke kann und will sich die Kunst nicht länger leisten und kein Hartz-IV-Empfänger werden.
Was war überhaupt Ihre erste Reaktion auf die Anfrage zu einer Daily Soap?
„Ich eine Soap, das geht doch gar nicht.“ Dann habe ich meine Vorurteile beiseite geschoben, bin zum Casting gegangen und habe mich in diese Figur verliebt. Es hat mir wahnsinnig Spaß gemacht, ich durfte witzig sein und durfte dem Affen so richtig Zucker geben. Es wurde von mir das erwartet, was ich jahrelang zurückhalten musste.
Was hat man Ihnen denn früher nicht zugetraut?
So eine rotzfreche, laute, grelle Art eben. Ich würde ja immer eher als stillere, dramatischere Rolle besetzt.
Und die Vorbehalte gegenüber dem Genre waren vergessen?
Kurzzeitig befand ich mich schon in der Zwickmühle: ich wollte die Rolle gerne spielen, hatte aber noch Zweifel am Format. Und dann habe ich irgendwann gesagt: „warum denn nicht?!“ Ich finde, wenn man hinter etwas stehen kann, dann kann man alles machen. Es wird nur schwierig, wenn man etwas selber blöde findet und es tatsächlich nur wegen der Kohle macht. Ich habe erkannt: Ich schäme mich nicht, ich freue mich.
Und Sie hatten keine Probleme mit den Drehbedingungen?
Ich hatte Probleme befürchtet. Ich hatte auch Angst vor dieser Arbeit, weil ich nicht wusste, ob ich es kann. Aber ich habe mich vom ersten Drehtag im Studio zu Hause gefühlt. Dieses technische Arbeiten, das Drehen mit zwei Kameras im Studio, das Laufen von Marke zu Marke – das war mir alles fremd. Und das dann auch noch unter Zeitdruck umzusetzen, da hatte ich schon Muffensausen. Aber es fällt mir irrsinnig leicht, es macht mir Spaß und ich fühle mich unheimlich kreativ dabei.
Was unterscheidet eine Figur in einem 90-Minüter von einer Figur in einer Daily?
In einem Film hat man sicherlich weniger Spielraum. Bei einer täglichen Serie kann man die Figur entwickeln lassen und neue Seiten erfinden. Ich würde sogar sagen: in „Eine wie keine“ bin ich weniger festgelegt und kann häufiger improvisieren.
Die Bücher sind aber doch geschrieben – und am Set muss alles sehr schnell gehen. Wo lässt sich da überhaupt etwas entwickeln?
Das dachte ich am Anfang auch. Doch zwischen der Manu des ersten Castings und der des heutigen Drehtags liegen Welten. Egal ob Daily oder „Tatort“ – beim Spielen passiert unheimlich viel zwischen den Figuren. Und wir haben sehr flexible Autoren, die die Nuancen der Schauspieler aufnehmen und die Bücher daraufhin verändern.
Das klingt nach Machen, nach Ausprobieren und weniger nach Überlegen.
Absolut. Man sollte wissen, wie sich die Figur anfühlt, wer sie ist, wo sie hin will. Wenn das jeder für sich geklärt hat, dann geht das Spielen untereinander los. Da lassen sich dann schon mal Erwartungen und Rollen brechen. Das ist das Spannendste an einer Daily.
Gibt es auch eine Qualität der Figuren in einer Daily?
Ich finde, dadurch, dass man so schnell drehen und so schnell reagieren muss, man die Szenen nicht so genau probt und nicht so exakt festlegt, behält man manchmal einen natürlicheren, alltagstauglicheren Ton bei.
Setzt man in einer Daily eigentlich mehr auf Aussehen, Ausstrahlung und äußere Erscheinung als in einem dramaturgisch durchstrukturierten Film?
Würde ich so sehen. Es ist ein großes Glück, wenn man es schafft, diese kleinen Momente, Gesten, Signale, die etwas persönlich oder alltäglich erscheinen lassen, in eine Rolle einfließen zu lassen. Dadurch hat man das Gefühl, dass es nicht gespielt ist, dass etwas gerade bei mir auf dem Schulhof oder um die Ecke oder bei meinen Nachbarn passiert. Das ist das, was eine Daily ausmacht. Wenn ich da so rangehe, als hätte ich es mit einer Szene zu tun, die kunstvoll entwickelt wurde, dann würde das in einer Daily nicht funktionieren. Da will man sich identifizieren mit dem Alltäglichen.
Aber spielen Sie nicht doch lieber in Filmen wie „Noch einmal lieben“ oder „Der Schrei des Schmetterlings“? In solchen Filmen geht es um etwas, sie vermitteln eine Haltung und sind nicht nur Unterhaltung! Soaps sind ja Programmfüller für Fans, aber nicht die Sendungen, die man wirklich braucht oder sucht.
In Deutschland sieht man das ja ganz extrem so. In den USA hat eine Daily Soap einen ganz anderen Stellenwert. Ich habe den Eindruck, bei uns macht man das Produkt schlecht, weil man es schlecht machen will. Wenn man Soaps hierzulande anders produzieren und mehr Geld investieren würde, dann könnte daraus ein ganz anderes Genre werden. Nach 15 Jahren Kino und Fernsehen ist das jetzt für mich eine neue Erfahrung – und natürlich möchte ich irgendwann wieder andere Filme drehen. Und Soap ist auch nicht gleich Soap: Wenn es in „Eine wie keine“ darum gegangen wäre, nur hübsch zu sein und von A nach B zu laufen, hätte ich die Rolle nicht angenommen.
Ist es realitätsfremd, wenn Fernsehkritiker davon ausgehen, dass man die Arbeit eines Schauspielers allein an dem Ergebnis seiner Arbeit zu messen habe?
Es ist natürlich immer toll, wenn das Ergebnis grandios ist, aber wie oft sind wahnsinnig tolle Schauspieler gefangen in dem falschen Film, unter dem falschen Regisseur, in dem falschen Buch. Oder er hat einfach mal einen nicht ganz so guten Tag. Ich glaube, man sollte jedem Schauspieler mehrere Chancen geben, ihn zu beurteilen. Viele sind großartig auf der Bühne und verloren vor der Kamera und umgekehrt. Es gibt so viele Arten zu spielen.
Ich meine natürlich auch, dass oft verkannt wird, dass Schauspieler nicht nur der Kunst verpflichtet sind, sondern auch eine materielle Existenz zu bestreiten haben…
Absolut. Aber daran sind viele Schauspieler auch selber schuld. Man kann doch dazu stehen, dass es nicht so leicht ist, gute Rollen zu bekommen. Ich weiß nicht wie viel Prozent der Schauspieler von Hartz IV leben, aber es sind sicherlich einige. Sind sie stolz drauf? Sind sie glücklich damit? Ich bezweifle das. Aber dann immer zu sagen: „Ich mache es ja nur für die Kunst, nur der Anspruch zählt.“ Wer sich das leisten kann, bitte.
Haben Sie in den letzten Jahren gespürt, dass die Angebote rarer werden, weil weniger gedreht wird?
Klar, vor zehn Jahren war alles noch deutlich anders. Es wurde mehr gedreht, es stand mehr Geld zur Verfügung – das hat man an allem gemerkt: an der Zahl der Drehtage, an den Hotels, an der Qualität des Essens.
Inwieweit könnte „Eine wie keine“ eine Investition in die Zukunft sein?
Ich mache mir da keine großen Gedanken drüber. Ich entscheide in erster Linie für mich selber und da schaue ich, was für mich im Moment das Beste ist. Ich habe damals auch bei Oskar Röhler nicht gedacht: „damit kann ich die Nation schocken.“
Sind Sie vorbereitet auf einen möglichen Flopp?
Natürlich, die Serie kann total in die Hose gehen, aber dann bin ich mit erhobenem Haupt mit diesem Format kurzfristig untergegangen und dann mache ich eben etwas anderes… Was ich nur schade finde, dass es jetzt schon hämische Stimmen gibt und viele nur darauf warten, dass die Serie floppt.
Stand der Vergleich mit Erin Brockovich schon von Produzenten- oder Senderseite im Raum oder haben Sie ihn ins Spiel gebracht?
Das hat sich von Casting zu Casting, von Probeaufnahmen zu Probeaufnahmen entwickelt. Dann ging langsam das Kostüm in diese Richtung, dann sah man auch optisch eine Ähnlichkeit – und dann habe ich mir noch einige Male den Film angeschaut.
Gab es etwas an Ihrer Figur, was Sie unbedingt wollten und durchgesetzt haben?
Ich setze jeden Tag etwas durch, kämpfe für meine Figur. Ich kenne sie ja am besten. Ein Detail, das ich mir ausgedacht habe: Manu hat in vielen privaten Momenten einen Kaugummi im Mund. Bei jedem „normalen“ Film würde der Produzent aufschreien.
Würden Sie zum Schluss kurz ihren momentanen Tagesablauf beschreiben?
Ich stehe viel zu früh auf, so gegen sechs. Noch im Dunkeln werde ich ins Studio gebracht. Dann bin ich in der Maske, im Kostüm, dann drehe ich den ganzen Tag. In der Mittagspause gibt es Besprechungen oder ich gebe Interviews. Am Abend bringt man mich frühestens um 18 Uhr nach Hause. Dort bereite ich noch den nächsten Tag vor. Dann gehe ich ins Bett… Sie sehen, privat komme ich also zu gar nichts mehr.
Und das können Sie durchhalten?
Solange es mir Spaß macht, halte ich alles durch.
Zur Person:
Marie Zielcke, 1979 in Köln geboren, machte zunächst als Independent-Actrice von sich re-den. Vor allem Oskar Roehler („Silvester Countdown“) war es, der sie immer wieder vor die Kinokamera holte. Einem breiteren Publikum bekannt wurde sie mit „Süperseks“, dem Krebsdrama „Noch einmal lieben“ und dem Stumph-Vehikel „Stürmische Zeiten“. Zu letzterem ZDF-Fernsehfilm titelte die Berliner Zeitung: „Marie Zielcke braucht keine Hauptrolle, um einen Film zu tragen.“ Seit Mitte November 2009 trägt sie die neue Sat-1-Daily-Soap „Eine wie keine“.