Heiner Lauterbach kennt keine Schmerzgrenze, was seine Rollen angeht. In dem Israel-Krimi "Die Seele eines Mörders" nach Batya Gur, aus dem eine Reihe werden soll, sieht man ihn so gut wie selten. Er spielt einen Juden marokkanischen Ursprungs – und man kann es ihm abnehmen. Im Interview äußert sich Lauterbach über seine langjährige Ermittler-Abstinenz, Krimischwemme, Einschaltquoten und den zunehmenden Hang zum Leichtgewichtigen.
Herr Lauterbach, Sie spielen einen Israeli. Geht denn das so ohne weiteres?!
Ich denke schon. Mein Kommissar Ochajon ist ein aus Marokko stammender Jude. Und ich bin ja kein nordischer Typ. Der israelische Produzent sagte jedenfalls, als er mich das erste Mal auf meiner Webseite sah: „Der sieht ja aus wie einer von uns.“
Und wie verhält es sich – in Anlehnung an den Filmtitel – mit der „Seele“?
Ich habe eine innere Einstellung zum Land, zu meiner Figur und zur Geschichte gesucht und gefunden. Die Rolle entsprach mir. Ich war ja immer schon ein Freund von introvertierten, stillen, geheimnisvollen Figuren.
Für den deutschen Zuschauer sind Sie in dem Film eine Art Übersetzer des Fremden. Wie viel von der Brüchigkeit der literarischen Figur konnten sie einbringen in den Film?
Das alles zu vermitteln, was Batya Gur dieser Figur mitgegeben hat, ist schwierig, wenn man es in eine alltägliche Ermittlungssituation hinein verankern möchte. Wenn Sie einen Verrückten spielen, der mit Schaum vor dem Mund gegen die Wand läuft, dann ist das eine klare Sache. Aber wenn Sie normale Dialoge führen und zugleich diesen gebrochenen Charakter in den Dialogen verankern wollen, dann muss man aufpassen, dass man sich nicht zu Manierismen hinreißen lässt. Ich denke, wir haben die Balance ganz gut hinbekommen.
Wurde Grundlegendes an der Romanfigur verändert?
Wir fanden die Figur stimmig, wir lehnen uns weitgehend an sie an. Ochajon ist wie im Roman kein Hans Dampf in allen Gassen, sondern ein nachdenklich bis melancholisch wirkender, wacher, besonnener Mensch.
Der Film ist atmosphärisch, nicht so touristisch fotografiert.
Es war schon im Vorfeld klar, dass Peter Keglevic auf diese Sightseeing-Einstellungen verzichten wollte, und auch darauf, alles nur aus einem brillanten Licht zu fotografieren. Man soll sehen, dass man sich in Jerusalem befindet, aber die Perspektive sollte eine alltägliche sein.
Haben Sie das Gefühl, dass die Produktion auch einen politischen Stellenwert hat?
Einen deutschen Fernsehfilm in diesem Ambiente zu drehen – das ist schon einmalig. Sicher auch aufgrund unserer historischen Beziehung zu Israel. Das Presseecho jedenfalls vor Ort war groß. Der Intendant vom ZDF war da, auch Friede Springer war am Set. Ich habe schon den Eindruck, dass es ein besonderes Projekt für das ZDF ist.
Gab es bei den Dreharbeiten in Israel besondere Vorkommnisse?
Unser Regisseur vermisste so ein bisschen die deutsche Gründlichkeit. Für uns ist Israel ein Land, das gefühlt fast zu Europa gehört. Vor Ort merkt man aber schon, dass man im Orient ist. Man muss sich also schon ein bisschen auf die orientalische Gelassenheit einlassen.
Was haben Sie von den Dreharbeiten und dem Aufenthalt in Israel persönlich mitgenommen?
Es war eine besondere Erfahrung, die Atmosphäre besonders in Jerusalem aufzunehmen: auf den Straßen bewaffnete Soldaten, Überwachungsmonitore, vor jedem Restaurant ein Security-Mann. Es war eine ambivalente Stimmung. Denn neben der Politik auf den Straßen wird man auch mit dem historischen Hintergrund konfrontiert: Klagemauer, das Grabmal von Jesus, religiöser Kult. Verblüffend war für mich dieser fast schon normale Umgang mit der latent drohenden Gefahr, die offenbar – wie oft in Krisengebieten – von den Menschen verdrängt wird.
Sie waren über zehn Jahren nicht als Kommissar zu sehen.
Stimmt, Kommissare haben mir längere Zeit einfach nicht in den Kram gepasst. Ich habe lieber andere Genres ausprobiert, Comedy zum Beispiel, habe Theater gespielt, Regie geführt, aber auch Hörspiel und Synchronarbeit gemacht.
Selbst der „Tatort“ hat Sie nicht gereizt?
Wir sind damals nicht zusammengekommen. Wenn man ein Projekt ablehnt, hat das aber nicht immer etwas mit der Qualität des Angebots zu tun.
Was sagen Sie zur deutschen Krimi-Inflation?
Man muss in der Tat schauen, dass man den Zuschauer nicht überfordert. Man weiß oft gar nicht mehr, wer wo gerade ermittelt. Dennoch sind mir als Zuschauer Krimis immer noch 100 Mal lieber als diese billigen Doku-Soaps oder das Regenwürmerfressen im Urwald.
Wer sind Ihre Lieblingsermittler?
Ich sehe nach wie vor den „Tatort“ gerne. Axel Milbergs Borowski mag ich besonders. Auch Hannelore Hoger als Bella Block hat eine besondere Klasse. Ich schaue aber auch gern die härteren amerikanischen Krimi-Nummern: Ich bin ein großer Fan von „24“ und „The Shield“.
Was bedeuten Ihnen Einschaltquoten?
Das ist ein schwieriges Thema. Zum einen geht mir dieses Lechzen nach Einschaltquoten auf den Wecker, zum anderen war ich nie ein Freund, vor wenigen Zuschauern zu spielen. Aber man kann diese Quotenfixierung auch übertreiben. Ich finde, die Sender sollten den „erziehe-rischen“ Auftrag nicht vergessen. So wie man den Zuschauer an schlechten Geschmack gewöhnen kann, so kann man ihn auch zu einer niveauvolleren Unterhaltung „erziehen.“ Ich sage das, weil ich selbst ein Zuschauer bin und auch ich, wenn ich nach zehn Stunden Arbeit nach Hause komme, nicht selten die Vollberieselung suche. Dann ertappe ich mich auch dabei, einen Schmarren anzuschauen. Aber wenn dieser Schmarren nicht läuft, dann schaue ich mir eine andere, anspruchsvollere Sendung an. Und die kann mich dann oft viel mehr fesseln.
Wie stehen Sie zu den leichteren Stoffen, die derzeit im Fernsehen überhand nehmen?
Ich finde, solche Filme kann man schon mal machen. Gegen viele Zuschauer ist ja nichts einzuwenden. Man muss nur sehen, dass man das, was man macht, glaubhaft macht. Wenn man das Glück hat, zwischen zwei oder gar noch mehr Rollen zu entscheiden, dann ist das eine Sache. Aber es können auch andere Zeiten kommen.
Wo liegt Ihre Schmerzgrenze?
Ich habe keine Grenze. Ich habe mit „Schulmädchen-Report“ angefangen. Um meine Familie zu ernähren, würde ich so einiges tun. Aber ich hoffe nicht, dass ich mich dieser Qualitätsstufe wieder nähern muss.
Aber Ihr Eindruck ist schon, dass es allgemein qualitativ bergab geht?
Schon, aber – wie gesagt – ich bin dennoch der Meinung, man kann etwas gut und schlecht machen: diese stofflich trivialeren Geschichten kann man durchaus auch gut filmisch aufbe-reiten. Umgekehrt öffnet sich aber auch die Degeto „schwereren“ Stoffen: So haben wir beispielsweise eine Kindesmissbrauchsgeschichte in der Planung.