(Text-Stand 29.1.2007) ZDF neo wiederholt Lars Beckers Krimi-Reihe "Nachtschicht". Zu diesem Ereignis lesenswert ist das ausgegrabene Interview mit Barbara Auer. "Der Ausbruch" war der vierte Film des "24"-liken Formats und ihr Einstand als Polizeipsychologin.
Sie stehen seriellen TV-Produktionen eher kritisch gegenüber. Was spricht dennoch für die Reihe „Nachtschicht“?
Ich habe über Jahre die Filme von Lars Becker verfolgt und hatte immer schon Lust, mit ihm zu arbeiten. Da ich speziell die „Nachtschicht“ besonders fand, gab es für mich kein langes Überlegen. So etwas ein Mal im Jahr zu drehen und das in Hamburg – das ist wunderbar!
Konnten Sie Wünsche äußern, wie Sie Ihre Lisa Brenner gerne sehen würden?
Ich bin ja zur „Nachtschicht“ hinzugekommen. Die bestehende Crew blieb und das Konzept der anderen Figuren wurde nicht angetastet. Generell erfährt man aber auch nicht viel Privates in dieser Reihe über die vier im Team. Ich musste mir also keine Biografie wünschen.
Und haben Sie sich selbst eine Biographie gebaut?
Das mache ich eigentlich bei jeder Figur. Lisa Brenner ist ein Profi in ihrem Beruf, sie ist schon einige Jahre als Polizeipsychologin dabei, hat schon so ihre Erfahrungen gemacht und trotzdem ihr Mitgefühl noch nicht verloren.
Und im Gesamtkonzept betrachtet - welche „Färbung“ ist Ihrer Figur da zugedacht?
Sie kommt als Chefin – und sie weiß genau, was sie will. Ich glaube, dass sie auf Dauer sehr bestimmend sein wird, vor allem was auch diesen nicht ganz „sauberen“ Kollegen Erichsen angeht. Zunächst einmal aber ist sie die Neue. Da auch ich neu ins Team gekommen bin, konnte ich dieses Gefühl benutzen: die Anspannung – wie wird man aufgenommen?
Wo sehen Sie die besondere „Handschrift“ vom Autor-Regisseur Lars Becker?
Bei der „Nachtschicht“ sind die Figuren nicht immer politisch korrekt. Ich habe mich ertappt dabei, dass ich ihnen gerne zugeguckt und Sympathie entgegengebracht habe, obwohl das, was sie getan haben, vielleicht alles andere als moralisch vertretbar war. Das gefällt mir.
Er verkauft den Zuschauer einfach nicht für blöd.
Genau, er zeigt etwas und die Bewertung bleibt dem Zuschauer überlassen. Der ist erwachsen genug zu entscheiden, wie er ein bestimmtes Verhalten findet.
Sie haben das erste Mal mit Lars Becker gedreht – haben Sie einen Eindruck davon bekommen, was mit der „Becker-Familie“ gemeint sein könnte?
Diese „Familie“ gibt es sicher. Der Cast, der Stab, da waren sind sehr viele, die mehrfach mit ihm gearbeitet haben. So hat man immer das Gefühl von Ensemblearbeit. Bei ihm gibt es lange Drehtage, aber er ist ein toller Regisseur, der viel Geduld hat und einem das Gefühl gibt, alle Möglichkeiten, allen Raum, alle Zeit der Welt zu haben.
Ist „Nachtschicht“ der Wirklichkeit auf der Spur oder fällt die Krimireihe für Sie eher in die Kategorie Genrekunst?
Sowohl als auch. Lars Becker recherchiert akribisch und er beobachtet die Menschen sehr genau. Selbst Randfiguren sind bei ihm voller Leben. Aber gleichzeitig sind es auch immer überhöhte Geschichten, die er erzählt. Natürlich ist Vieles in der Realität ganz anders. Man muss sich aus der Realität nehmen, was die Figur erdet, und sich davon gleichzeitig wieder lösen. Die „Nachtschicht“ soll ja schließlich auch unterhalten.
Und wie bedeutsam ist es für Sie, dass die Filme in einer Nacht spielen?
Für den Schauspieler heißt das Nachtdreh, Nachtdreh, Nachtdreh! Normalerweise werden bei einem Film die Nachszenen zusammengezogen und dann meistens innerhalb einer Woche oder gegen Ende einer Woche gedreht, damit man sich am Wochenende ausruhen kann. Hier ist das anders. Hier dreht man wochenlang in der Nacht. Das ist wirklich sehr anstrengend.
Ein harter Schnitt. Bei unserem letzten Gespräch sagten Sie, Anfang der 90er Jahre hätten Sie sehr viel mehr Angebote bekommen als 10 Jahre später. Wie sieht es momentan aus?
Mit Ende 40 gibt es natürlich nicht so viele Rollen wie mit Anfang 30. In den letzten Jahren hat sich bei den Angeboten nicht viel verändert. Ob man Anfang oder Ende 40 ist, das ist egal. Im Übrigen stört es mich nicht, dass es weniger geworden ist. Ich möchte gar nicht mehr so viel arbeiten. Und solange noch spannende Projekte dabei sind, stört es mich nicht, dass es weniger geworden ist.
Ist das Spektrum der Rollen mit Anfang 30 größer?
Sicher, es gibt für Schauspieler in diesem Alter einfach mehr Rollen. Die Heldinnen sind nun mal meistens jünger. Spannender sind nicht selten Filme mit älteren Figuren. Solche Charaktere sind oftmals brüchiger, sie haben mehr erlebt und in ihnen spiegelt sich eine größere Erfahrung. Solche Rollen sind unverwechselbarer, aber es gibt sie nicht mehr so oft. Gleichsam gibt es aber in dem Alterssegment auch nicht mehr so viele Schauspieler, die sich den Markt aufteilen.
Wenn Sie sich nach über 25 Berufsjahren die Geschichten und deren Machart heute so anschauen, beschleicht Sie da nicht manchmal das Gefühl, dass sie das Meiste schon kennen?
Natürlich gibt es Wiederholungen. Die gibt es über-all, in der Mode, in der Musik, auch in den Filmen. Wenn ich Fernsehen gucke, fällt es mir besonders auf. Vielleicht schalte ich deshalb auch so wenig den Fernseher an.
Wie gehen Sie damit um?
Man muss aussortieren, beim Gucken und noch mehr bei den eigenen Filmen.
Sehen Sie allgemeine positive Entwicklungen, in der Art zu erzählen?
Vielleicht traut man sich heute mehr. Als ein Beispiel fällt mir „Der freie Wille“ ein. Ich weiß nicht, ob man so einen triebhaften Vergewaltiger vor 20 Jahren zur Hauptfigur eines Films gemacht hätte. Man hätte alles sicher mit einer eindeutigeren Botschaft versehen. Matthias Glasner hingegen überlässt es dem Zuschauer, wie er auf den Film reagiert: er kann verwirrt sein, sich ärgern, den Film ablehnen. Das finde ich gut.
Wie hat sich Ihr Blick auf den Beruf, die Filme, die Branche mit den Jahren verändert?
Ich habe immer schon versucht, mich weitgehend aus der so genannten „Welt des Films“ herauszuhalten. Ich drehe gerne Filme, ich spiele gerne gute Rollen. Aber ich bin keine Partygängerin. Ich denke, die Tendenz, mich zurückzuziehen ist mit zunehmendem Alter noch stärker, der Rückzug ins Private, in mein Leben, ist mir noch wichtiger geworden.
Hatten Sie immer den Eindruck, den richtigen Beruf gewählt zu haben?
Schauspielerin zu sein, zu spielen – das ist das, was ich am besten kann und am liebsten mache. Es ist Beruf, und es ist immer auch noch Berufung.
Sie gelten als eine Schauspielerin, die kein Star sein will ...
Ich kann’s halt nicht. Wenn ich es könnte, hätte ich es vielleicht sein wollen. Ich bin eine gute Schauspielerin. Ich wollte auch immer eine gute Schauspielerin sein. Star sein, das ist etwas anderes. Dazu muss man nicht ein hervorragender Schauspieler sein, aber man muss alle Qualitäten besitzen, die die Menschen dazu bringen, sich davon angezogen zu fühlen oder sich mit ihnen zu identifizieren.
Zur Person:
Barbara Auer, 1959 in Konstanz geboren, gehört seit ihrem Durchbruch mit Vivian Naefes „Der Boss aus dem Westen“ (1988) zu den nachhaltigsten Schau-spielerinnen hierzulande. Sie brillierte in „Meine Tochter gehört mir“ (1993), „Nikolaikirche“ (1995), „Die innere Sicherheit“ (2000) oder „Die andere Frau“ (2004). Im letzten Jahr löste sie Katharina Böhm als Polizeipsychologin in der Krimireihe „Nachtschicht“ ab. Auer hat zwei Söhne und lebt mit dem Kameramann Martin Langer in Hamburg.