Ulrike Krumbiegel sah man zuletzt in „Jenseits der Mauer“. Im Interview äußert sie sich noch einmal über dieses Ausnahmedrama von Friedemann Fromm, über deutsch-deutsche Themen, den Niedergang der DDR, über historische Filme, ihre Wahsinnsfilmografie, ihre Lust an „Bloch“ und das plötzliche Interesse der Westdeutschen an der DDR-Geschichte.
Text-Stand: 30.9.2009
Was hatte Ihnen am Drehbuch von „Jenseits der Mauer“ besonders zugesagt?
Ich muss zugeben, ich war anfangs nicht so sehr von dem Drehbuch überzeugt. Es gab einige historische Details, die meines Erachtens nicht stimmten. Es gibt noch einige dieser „Unge-nauigkeiten“ im Film – aber sie spielen keine Rolle. Beispiel: Mein Stasi-Ehemann besorgte Pässe, damit die Frau des Kollegen über Ungarn abhauen kann. Dafür bekam man in der DDR keinen Pass sondern ein anderes Papier. Sicher durfte auch ein Stasi-Offizier keinen Westkontakt haben. Da kann ein Junge aus dem Westen nicht auf einmal sonntags mit am Tisch sitzen. Das ist aber letztlich nicht wichtig. Wichtig ist, dass die Geschichte funktioniert und wahrhaftig ist. Und das ist sie im Film.
Was hat der Film denn besonders gut eingefangen?
Von heute aus gesehen, wo jeder weiß, wie die Geschichte weitergelaufen ist, ist es einfach zu sagen: man hätte sich so oder so verhalten sollen. Es war eine Situation, in der man nicht wusste, wie es weitergeht. Diese Gefühlslage beschreibt der Film sehr genau. Man befand sich im Strudel der Geschichte. Susanne Pramann sagt ja wortwörtlich: „Ich will gar nicht woanders leben, ich will, dass sich hier etwas ändert.“
Hätten Sie sich 1989 auch lieber einen „demokratischen Sozialismus“, wie es im Film heißt, gewünscht?
Ich bin kein sehr politischer Mensch. Ich hätte damals nur schwer sagen können, wie es zu laufen habe. Ich bin Künstlerin. Ich denke, die Wiedervereinigung darf man nicht nur politisch sehen. Denn sie war auch eine knallharte wirtschaftliche Entscheidung, ja Notwendigkeit. Die DDR-Wirtschaft lag ziemlich am Boden. Die Leute wären in Scharen weggelaufen. Man redet heute nur noch von der Parole „Wir sind das Volk“. Aber es wurde auch gerufen: „Kommt die DM bleiben wir, kommt sie nicht, gehen wir zu ihr.“ Es war dieselbe Situation wie bis zum 13. August 1961. Deswegen musste der Staat handeln. Und dann hat das Ganze eine Eigendynamik bekommen. Und es war bald abzusehen, dass ein Fortbestand der DDR nicht mehr realistisch war.
Der Mann Vernehmungsoffizier bei der Stasi, die Frau sympathisiert mit der Bürgerrechtsbewegung: Ist ein Ehepaar wie die Pramanns realistisch?
Ich finde die Situation bei den Pramanns zuhause sehr authentisch. Natürlich gab es solche Gespräche zwischen Paaren, solche Konflikte. Natürlich gab es politische Gespräche auch unter Freunden. Ich glaube das ist heute nicht anders: Es kann doch sein in einer Familie, dass einer CDU wählt und einer die Grünen, aber man liebt sich und rennt auch nicht einfach auseinander. Weil Herzensbindungen eben auch zählen.
Sie spielen oft in zeitgeschichtlichen Filmen. Worin liegt der Reiz?
Das Faszinierende sind die anderen Zeiten mit anderen Regeln und Gewohnheiten. Die Sprache ist anders, die Hierarchien sind anders, die Umgangsformen sind andere. Das Schlüpfen in historische Kostüme macht dabei auch immer einen großen Spaß.
Bringt es Ihnen etwas, wenn Sie in einer DDR-Geschichte spielen, dass Sie in der DDR gelebt haben?
Man kann nicht alles, was man spielt, vorleben. Einen Mord kann man auch nicht ausprobieren. Oder die Situation, wie man sich bei einem Unglück verhält. Und es geht doch. Also kann ein Wessi prinzipiell auch einen Ossi spielen. Es hilft vielleicht ein wenig für die kleinen Feinheiten im Spiel. Man muss sicher weniger fragen, etwas weniger recherchieren. Aber im Wesen des Berufs liegt es ja, dass man aus der Vorstellung heraus etwas spielt. Obwohl, um eine historische Figur aus der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik zu spielen, davor hätte ich wohl doch zu viel Respekt. Mitzumachen bei einem der RAF-Filme, das hätte ich mich vielleicht nicht getraut. Eine Figur zu spielen, die vor 200 Jahren gelebt hat, ist leichter, weil es keiner kontrollieren kann.
Sind Sie mit den Filmen über die DDR oder das Ende der DDR im Großen und Ganzen einverstanden?
Ich habe keinen Fernseher. Ich habe keinen dieser Filme gesehen. Unser Film beispielsweise hilft nicht weiter, wenn man wissen will, wie das Leben in der DDR war. Dafür bietet der Film dann doch einen zu kleinen Ausschnitt. Wenn man wirklich etwas über die DDR erfahren will, dann guckt man sich besser die DDR-Filme von damals an, Dokumentarfilme, Spielfilme, da bekommt man etwas mit von den Problemen, mit denen wir uns privat und politisch beschäftigt haben, und man bekommt auch etwas mit vom Alltag.
Gab es menschliche Verlusterfahrungen bei Ihnen nach der Wiedervereinigung?
Nein, bei mir nicht. Ich wohnte in Berlin Mitte, ich arbeitete am Theater in Berlin Mitte. Ich blieb am gleichen Theater mit denselben Kollegen. Das Ensemble blieb bestehen. Ich habe nicht meinen Beruf verloren. Schauspielerei bleibt Schauspielerei – und die war zwischen Ost und West nicht so unterschiedlich.
Was sagen Sie dazu, dass viele dieser Geschichten von West-Autoren geschrieben und West-Regisseuren inszeniert werden?
Ich finde es schön, dass sich die West-Autoren heute für die DDR-Geschichte interessieren. Es war sicher zu DDR-Zeiten so, dass der Osten nach Westen gestarrt hat.
Aber die Filme könnten ja auch Ost-Leute machen! Oder wollen die wenigen guten Ost-Autoren sich vielleicht mit Ihrer Geschichte gar nicht mehr beschäftigen?
Vielleicht ist die Haltung: „Wir wissen ja nun alle, wie es war. Warum sollen wir noch darüber Bücher schreiben?“ Und wie gesagt: Ich finde es gut, wenn sich Westkünstler mit der DDR-Geschichte beschäftigen. So kommt man vielleicht auch auf neue Geschichten, auf andere Perspektiven, bei denen am Ende sich nicht wieder alles nur um die Stasi dreht. Die Stasi war wirklich nicht alles in unserem Leben.
Bleiben Sie eigentlich weiterhin die Frau an Blochs Seite?
Klar, ich mache weiter. Es ist schön, gelegentlich so eine altbekannte Rolle zu spielen. Zumal ich mit dieser Clara schon sehr viel anfangen kann. Mir gefällt auch die Beziehung, die die beiden führen. Sie ist sehr liebevoll. Natürlich ist Clara für Bloch da und natürlich steht er im Mittelpunkt, aber sie ist auch selbstständig, autark und unabhängig. Und da es immer Episo-denhauptrollen gibt, die so dramatische Probleme haben, finde ich es gut, dass ich nicht auch noch einen Sack Probleme mitschleppen muss.
Sie spielen nicht immer die absoluten Hauptrollen. Welche Vorteile haben tragende Nebenrollen?
Es ist abwechslungsreicher, kleinere Rollen zu spielen. Mir hat mal ein „Tatort“-Regisseur gesagt: die Schauspieler, die die Kommissare spielen, die beneiden euch doch. Die fragen immer nur: „Wo waren Sie? Was machen Sie? Warum haben Sie?“. Die Episodenhauptrollen haben meistens die schöneren Rollen. Meine sind schon sehr vielgestaltig. Ich suche mir jede sehr genau aus. Nicht immer ist die größte die beste Rolle. Bei Margarethe von Trottas „Tatort“ habe ich beispielsweise mal eine große gegen eine kleine eingetauscht, weil ich zu ihr einfach den besseren Zugang hatte.
Und wann gibt es die nächste Hauptrolle?
Ich habe mit Edgar Selge im Frühjahr ein Beziehungsdrama für den WDR gemacht, ein Kammerspiel, Buch Daniel Nocke, Regie Hermine Huntgeburth. So eine gute, große Rolle hat natürlich auch etwas für sich. Das ist schon auch mal toll, fast in jedem Bild zu sein, immer mit einem Partner zusammen.
Wenn man sich Ihre Filmographie anschaut, das ist schon ein Wahnsinn: es ist kaum ein schlechter Film dabei.
Ich habe ganz viel Schwein gehabt, ich habe nicht zu sehr danebengegriffen. Aber ich habe mich auch schon schwer geirrt: Für „Kriminaldauerdienst“ hatte ich das Buch für den Pilotfilm auf dem Tisch, ich sollte darin eine dauerhafte Rolle spielen – und ich habe nicht sehr vornehm abgesagt: „So ein Schrott!“
Was geht einer Zusage in der Regel voran?
Normalerweise möchte ich, bevor ich zusage, mit dem Regisseur sprechen. Ich gucke, was der so gemacht hat und ob mir das gefällt. Ich gucke, ob ich mit den Partnern gut zu Rande komme. Ich berate mich mit meiner Agentin, auch mit meinem Mann. „Ich weiß nicht, schon der Name, Violetta Kiesewetter“, habe ich ihm mal vorgenörgelt. Und dann war es eine „Nachtschicht“ und der Film war ganz toll. Er hat das außergewöhnliche Format und das gute Thema sofort erkannt und mir zugeraten.