• Interview   Heikko Deutschmann hat Ansprüche an Wohlfühlfilme: „Etwas tun für seine Gefühle“

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      Auf einen Blick: Kinokultfilme & Filmgeschichte im Februar

      Foto: Jiri Hanzl

      TV60 – Alexandra Neldel in "Rache der Wanderhure" (Sat 1, 28.2.)

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      „Ein Hausboot zum Verlieben“: Romantic Comedy mit ernsthaftem Hintergrund

      Adaptionen von Kino-Klassikern gelingen nur selten. „Ein Hausboot zum Verlieben“, entstanden nach dem Hollywood-Klassiker „Hausboot“ mit Cary Grant, ist eine rühmliche Ausnahme. Auch Heikko Deutschmann, der selbst Drehbücher schreibt, war angetan von Martin Rauhaus’ Vorlage. Im Interview äußert er sich darüber, welche Qualitätsparameter einem Schauspieler zur Verfügung stehen, über die Krise, die Entwicklung des Fernsehens, über Liebe im Film und über Ängste als der Urschlamm des Schauspielers.

      Text-Stand: 11.9.2009

      Wie geht man an eine Rolle heran, die einer Figur nachempfunden wurde, die Cary Grant gespielt hat?
      Indem man nicht drüber nachdenkt (lacht). Nein, die Rolle ist ja so gut, dass man sich nicht nur darauf beziehen muss, dass Cary Grant die Rolle gespielt hat. Obwohl ich mir noch mal mit großer Freude das Original-„Hausboot“ angeschaut habe.

      Was finden Sie an der Adaption gelungen?
      Ich habe schon das Drehbuch gerne gelesen und auch der Film ist unterhaltend im wirklich guten Sinne. Er ist zurückhaltend im Ton und er erzählt auch etwas von den Menschen. Das war in der Vorlage auch schon so. Ich war erstaunt, wie konfliktreich die Geschichte im Original erzählt wurde, trotz Hollywood und trotz der 50 Jahre, die der Film alt ist.

      Sie schreiben selber Drehbücher – gibt es etwas, was Sie anders gemacht hätten?
      Darüber habe ich – ehrlich gesagt – nicht nachgedacht. Denn, wenn ich eine Rolle als Schauspieler annehme, trenne ich weitestgehend das Spielen und das Schreiben. Wenn ich das nicht machen würde und bei jeder Rolle beginnen würde, als Autor zu denken, dann wäre ich schon verloren. Und da mir beim Lesen des Drehbuchs nichts fehlte, kam ich erst recht nicht in Versuchung, den Autor in mir zu bemühen.

      „Ein Hausboot zum Verlieben“ ist geglückt. Es hätte aber leicht daneben gehen können.
      Als Schauspieler hat man das nicht in der Hand. Mir ist schon passiert, dass ich Rollen gespielt habe, die tief waren, etwas erzählt haben über Menschen, und dann ist da eine Musik drüber gesoßt worden, die das kaputt gemacht hat, was wir Schauspieler gespielt haben. Man kommt in dem Beruf nicht aus ohne ein großes Vertrauen den anderen Mitwirkenden gegenüber. Filmemachen ist nun mal ein Team-Prozess.

      Welche Anhaltspunkte gibt es vor Dreharbeiten, die Sie ahnen lassen, dass es sich um ein lohnenswertes Projekt handelt?
      Auf die beliebte Frage, was ist wichtig, kommt natürlich zunächst die beliebte Antwort: „das Buch, das Buch, das Buch.“ Aber dann ist es der Regisseur, dann sind es die Kollegen, weil das diejenigen sind, mit denen ich direkt zusammenarbeite. Außerdem ist es wichtig zu sehen: aus welchem Stall kommt die Produktion? Für welche Redaktion, welchen Sendeplatz wird das Stück produziert? Das lässt schon Rückschlüsse auf die Optik und die Postproduktion eines Films zu. Und natürlich gibt es auf bestimmten Sendeplätzen andere Gefahren als auf anderen Sendeplätzen... Das sind letztlich alle Parameter. Man kann sich nur fragen: „Gibt es in dem Buch etwas, was mich so interessiert, dass ich glaube, dass man es für diesen Sendeplatz gut und treffend und zugleich leicht und unterhaltend, aber eben nicht nur, erzählen kann?“

      Und was war für Sie das Entscheidende beim „Hausboot“-Film?
      Wenn man das Buch nicht vordergründig unterhaltend interpretiert, dann geht es hier um einen Menschen, der mit seinem Unglück nicht umgehen kann: der mit seinen Schmerzen nicht umgehen kann, der mit seiner Trauer nicht umgehen kann, der seine Kinder verliert, weil er ihnen nicht ermöglicht, um die gestorbene Mutter zu trauern. Dieser Mann hat ein extremes Defizit. Man könnte die Geschichte auch als Melodram oder als Drama erzählen. Man könnte sie aus dem leichten Kontext nehmen und daraus einen bitteren Film machen. Ich glaube, es gibt sehr viele Menschen, die nicht trauern können. Die es sich nicht trauen, sich so weit sich selbst und ihren Gefühlen, ihren Ängsten, zu stellen. Das war das, was mich interessiert hat: das wollte ich leicht erzählen, so, dass man berührt ist, aber nicht zerstört.

      Haben Sie den Eindruck, dass Liebe hier etwas anders „umschrieben“ wird als in herkömmlichen Romantic Comedys?
      Auf jeden Fall. Es wird gezeigt, wie Liebe wächst – und im Laufe der Geschichte setzen die Menschen etwas für ihre Liebe ein. Es wird nicht behauptet: Ich schau dir in die Augen und schon geht es mir gut! Man muss etwas tun für seine Gefühle. Man muss das, was man im Anderen sucht, erst mal in sich selbst finden. Das ist jetzt sehr groß. Aber letztendlich erzählt der Film, dass ich im Anderen nur Liebe finde, wenn ich mich mir selbst auch stelle. Das ist auch der Sinn so einer zweiten großen Chance.

      Psychologie, Gefühle, Ängste, sind das die Urmaterialien eines guten Schauspielers?
      Zunächst einmal sind alle Emotionen, die man als Mensch, als Schauspieler mitbringt, der Urschlamm, aus dem man Rollen gebären muss. Das Schwierige ist, über die Jahre, das Älterwerden, das erfahrener werden, diese Emotionen nicht verschütten zu lassen. Denn das, was wir als älter und reifer werden bezeichnen, heißt ja auch, Emotionen zu bewerten und nicht mehr zuzulassen oder anders zu bewerten oder anders zuzulassen. Das darf ein Schauspieler eigentlich nur als Privatperson. In seinem Beruf sollte er aber „offen“ bleiben, weil ihm sonst viele Emotionen nicht mehr zur Verfügung stehen, wenn er sie für seine Charaktere braucht.

      Was macht man, wenn die Rolle oberflächlich geschrieben ist, man aber andere Dinge in der Figur sieht?
      Dann versucht man, die reinzubringen oder man lässt es. Das muss man für sich entscheiden: Sehe ich in der Rolle mehr? Traue ich mir zu, das mitzuerzählen, ohne die Leichtigkeit oder die Oberflächlichkeit der Geschichte zu verlassen? Und traue ich den Machern zu, dass sie mich das tun lassen oder dass sie mich produktiv begleiten?

      Wie war das im Falle von „Ein Hausboot zum Verlieben“?
      Es hat gut geklappt, das Ganze nicht an der Oberfläche laufen zu lassen, sondern einen Menschen zu zeigen, der mit seiner Lebenssituation erst mal nicht zurechtkommt. Ich finde, dass man miterzählen muss, dass es nicht so einfach ist, wenn die Frau stirbt, und dass es überhaupt nicht einfach ist, wenn man da in Kinderaugen guckt, in denen man nur die Frau sieht.

      Können Sie feststellen, dass mit zunehmendem Alter die Rollen in Genre Romantic Comedy interessanter werden?
      Ich erkenne eine Veränderung darüber, dass ich Stoffe heute anders lese als vor 15 Jahren und dass ich heute in der Lage bin, andere, vielleicht tiefere Dinge zu erzählen.

      Wie kam es eigentlich zu Ihrer Autoren-Ausbildung?
      Es hat nichts mit schlechten Drehbüchern zu tun. Es hat auch nichts damit zu tun, dass ich dächte, ich müsste mir die Rollen selber schreiben. Ich fand es nicht schlecht, noch mal etwas dazuzulernen. Ich empfinde das noch heute als große Bereicherung für mich. Ich habe sieben Bücher geschrieben und alle verkauft. Dass noch keines verfilmt wurde, liegt zum einen daran, dass ich es mir leiste, nur Kinostoffe zu schreiben. Und Sie wissen vielleicht, wie schwierig da die Finanzierung ist. Es hat auch damit zu tun, dass es lange dauert, bis etwas größere Kinostoffe finanziert sind.

      Würden Sie sagen, dass die Fernsehfilme Ende der 90er Jahre besser und das TV-Movie-Angebot breiter war als in den letzten zwei, drei Jahren?
      Es wurde auf jeden Fall noch sehr viel mehr produziert. Mit dem weniger machen und in kürzerer Zeit dasselbe produzieren hat sich auch die Qualität verändert. Meistens nicht zum Positiven. Ich habe das Gefühl, dass sich das Fernsehen immer weiter weg von einem Kulturmedium entwickelt, das es mal war, dass es zu einem zunehmend unterhaltungsgeprägten Medium geworden ist.

      Können Sie ein Beispiel geben?
      Was ich meine, lässt sich gut an Dokumentarfilmen zeigen. Es gibt eine großartige Tradition an hochwertigen Dokumentarfilmen. Was das Fernsehen allerdings in den letzten Jahren macht, ist diese Infotainment-Schiene, wo alles, was halbwegs interessant ist, möglichst laut und bunt verpackt sein muss – selbst Interviewfilme, selbst Doku-Dramen, selbst Dokumentarfilme, die früher mal unkommentierte, stille, erstaunliche Filme waren, müssen heute auf eine bestimmte Art und Weise konfektioniert sein, weil man behauptet, dass der Zuschauer das goutieren würde. Diese Entwicklung sehe ich überall im Fernsehen. Wenn ich mir das neue ZDF-„heute“-Studio angucke. Heute gilt es als Wert an sich, dass ein neues digitales Studio entsteht, in dem hinten irgendwelche Striche rasen. Da frage ich mich: warum rast da hinten ein Strich, wenn ich vorne nicht mehr zuhöre, was gesagt wird. Das ist eine Entwicklung, die mit dem wirtschaftlichen Einbruch wahrscheinlich eher noch beschleunigt wird.

      Und was heißt das für Sie als Schauspieler?
      Wenn es weniger Geld gibt, muss man in weniger Tagen produzieren. Das heißt, man muss am Tag mehr produzieren. Das bedeutet, dass man dem einzelnen Inhalt weniger Aufmerksamkeit schenken kann. Irgendwann kommt man dann als Schauspieler an den Punkt, wo man sagen muss: in der Zeit schaffe ich das nicht mehr. Dann darf ich es nicht mehr annehmen oder ich schaffe es nicht mehr so, dass es meinem Anspruch genügen würde. Dann wäre es fahrlässig, wenn ich es täte. Es ist aber auch fahrlässig, wenn man nichts mehr zum Kauen hat. Da ist man dann am Bodensatz des Berufes angelangt. Das ist wahrscheinlich eine nicht aufzuhaltende Entwicklung.

      In eine Reihe zu gehen ist da ja dann geradezu ein Segen.
      Auf jeden Fall. Ich war schon in den 90er Jahren ein absoluter Reihen- und Serienfan. Wenn man es denn mit etwas Risikofreude betreiben würde, finde ich gerade die Serie ein ganz großartiges, fernsehimmanentes Format. Man kann, wenn man sich trauen würde, episch und horizontal zu erzählen, große gesellschaftliche Gemälde erstellen. Ich bin ein großer Fan der amerikanischen HBO-Serien. Die haben einen enormen Sucht-Effekt. Auch eine gut gemachte Reihe ist eine Riesenchance. Weil man eine Sicherheit hat: über Inhalte, über eine Figur, die man weiterführt, und man hat die Chance wie zum Beispiel im „Tatort“, unterschiedliche Handschriften zuzulassen.

      Sie sind noch nicht gefragt worden?
      Doch. Ich habe schon Dinge ausprobiert, die in Reihe gehen sollten, es dann aber nicht taten. Vor zwei Jahren habe ich einen Piloten für eine hochinteressante Serie gedreht, der sehr gut geworden ist, der aber nicht zur Ausstrahlung gedreht wurde, sondern für die Marktforschung. Trotz extrem guter Werte ist die Serie nicht gedreht worden.

      Eine Serie, die (momentan) gedreht wird, ist „Tiere bis unters Dach“…
      Es ist eine Kinderserie, die mir großen Spaß macht. Es ist die Geschichte einer Hamburger Familie, die in den Hochschwarzwald zieht. Der Vater übernimmt dort eine Tierarztpraxis. Die kommen dort an, wie man wahrscheinlich als Kleinfamilie am Amazonas ankommen würde. Es sind die absoluten Städter, die auf dem Land überhaupt nicht akzeptiert werden. Das Schöne an der Serie: dass das Geschehen aus dem Blickwinkel einer Elfjährigen geschildert wird. Ich wollte immer mal in Filmen für Kinder mitspielen, aber habe nie etwas gefunden, wo die Erwachsenen sinnvoll eingebunden sind. Meistens sind die Geschichten so geschrieben, dass die Erwachsenen nur zur Vervollständigung der Welt da sind. In dieser Geschichte ist es so, dass die Erwachsenen die Probleme heraufbeschwören, die die Kinder ausbaden müssen.

      Das Interview führte Rainer Tittelbach


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