"Es reicht schon lange nicht mehr, einen Krimi durch den klassischen Whodunit spannend zu machen. Man muss sich etwas einfallen lassen - dramaturgisch wie filmisch. Da schon die Vorabendkrimis die gleichen Themen besetzen wie der „Tatort“ oder der „Polizeiruf 110“, wird es zunehmend wichtiger, WIE eine Geschichte erzählt wird", sagt Udo Wachtveitl, der selbst Drehbücher schreibt und bereits zwei Fernsehfilme inszeniert hat, im Interview.
Text-Stand: 28.9.2008
Die Zahl 50 spielt dieses Jahr für Sie gleich doppelt eine wichtige Rolle. Anlass, in Ihrem Leben etwas zu verändern oder zu überdenken?
Eigentlich nicht. Mein Leben hat mir gefallen die letzten 50 Jahre. I never change a gefallendes Leben. Und dass wir die Anzahl 50 als gerade empfinden, hat ja nur mit dem evolutionsbiologischen Zufall zu tun, dass wir zehn Finger haben. Und soll man sich wegen eines Zufalls verrückt machen?!
Aber ganz freisprechen kann man sich doch nicht?
Eben, es hängt viel mit der Reaktion der Leute zusammen. Auch damit, dass man früher gedacht hat: „Wow 50, das ist schon ganz schön alt.“ Es ist etwa so sinnlos, sich gegen sein Alter aufzulehnen wie gegen die Schwerkraft. Ich fühle mich nicht wie 50. Ich lebe auch nicht sehr viel anders als mit 25.
Haben Sie keine Phase der Nachdenklichkeit durchlebt?
Man sollte zu jeder Zeit ein bisschen nachdenken über sich und sein Leben, oder?
50 „Tatorte“, das sind fast 20 Jahre…
Der BR wollte uns erst mal nur für sechs Filme verpflichten. Das empfanden wir schon als unheimlich lange. Die 20 Jahre fühlen sich nicht wie 20 Jahre an. Es ist so ähnlich wie mit dem Alter. Das liegt wahrscheinlich daran, dass mich die „Tatorte“ nur vier bis fünf Monate im Jahr kosten. Da bleibt noch reichlich Zeit für andere Sachen. Der Beruf ist abwechslungsreich genug, um nicht den Eindruck zu haben, man schwimmt in einem endlosen, langen Fluss und es passiert nichts mehr.
Also keine Angst vor Routine?
Es gibt zwei Arten von Routine. Die eine ließe sich umschreiben mit „kenn ich, weiß ich, war ich schon, haben wir immer so gemacht, machen wir weiter so“. Und es gibt eine Art von Routine, die einen den technischen Kram, den Schauspielerei vor der Kamera auch bedeutet – auf Marke gehen, unnatürlich unterbrechen, Schnitt-pausen lassen – die einen das alles leichter bewältigen lässt. Ich bin zum Beispiel überhaupt nicht mehr sehr aufgeregt vor der Kamera wie damals als junger Schauspieler, wenn man mal vor die Kamera durfte. Ich kann mich heute besser auf mein Spiel konzentrieren, muss mir nicht mehr so viel beweisen.
Auch keine Langeweile, was die Geschichten angeht?
Wir haben eine gute Mischung. Die Redaktion hat von Anfang an immer auch auf Regisseure gesetzt, die eine besondere Handschrift haben, die nicht einfach nur glatt und routiniert ihre Filme abdrehen, sondern eine gewisse Experimentierlust zeigen. Derselbe Autor, derselbe Regisseur, derselbe Kameramann – das hat es noch nicht gegeben. Jeder Film beleuchtet die Welt mit einem etwas anderen Licht.
Damit haben Sie ja Anfang der 90er Jahre auch Fernsehgeschichte geschrieben, noch bevor andere Krimis und TV-Movies den Kino-Look entdeckten.
Wenn wir dazu beigetragen haben, dass die Produzenten und Redakteure es mit einer frischeren, auch formal mutigeren Erzählweise versucht haben, dann freut mich das. Zwei relativ junge, gleichberechtigte Kommissare – das zum Beispiel war neu und wurde reichlich kopiert.
Gab es auch ein paar Durchhänger?
Klar gibt’s die bei 50 Stück! Aber dann kam eben auch immer mal wieder was Besonderes. Wir haben allerdings mit sauber durchdeklinierter Krimiware auch gute Erfolge gehabt. Andererseits, Erfolg ist nicht alles. „Musikantenstadl“ hat auch Erfolg, oder diese ganzen Heile-Welt-Schmonzetten.
Haben Sie eine Erklärung für die Langlebigkeit des „Tatort“?
Ich denke, ein erfolgreicher Fernsehkrimi muss eine gute Balance finden zwischen der Befriedigung der berechtigten Zuschauererwartung nach sauberer Krimiware und der Befriedigung des ebenso berechtigten Wunsches, überrascht zu werden. Dem „Tatort“ ist das relativ oft gelungen.
Konkurrenz belebt das Geschäft. Gilt das auch für den „Tatort“?
Es gibt ein Maß von Konkurrenz, da ist der Satz richtig. Wären wir allein und hätten nur drei Sender, dann hat man Einschaltquoten um die 50 Prozent. Aber über die Qualität sagt das wenig aus. Beispiel: so manche frühen Schimanskis. Das andere Extrem hatten wir, als die ARD eine Zeitlang dachte, der „Tatort“ ist ein Label, das läuft, egal wie gut die Filme sind. Ich wünsche mir, dass ein Senderchef auch mal sagt: „Das können wir nicht senden, das ist einfach nicht gut genug.“ Wenn man ein Rennpferd im Stall hat, sollte man es pflegen und nicht zu Tode schinden. Irgendwann gab es zu viele „Tatorte“ und auch zu viele Teams. Hinzu kam, dass der „Tatort“ durch alle Wiederholungsmühlen gedreht wurde.
Der Krimi-Boom entwertet die Themen, die Storys. Was bleibt da einem Qualitätskrimi übrig?
Es reicht schon lange nicht mehr, einen Krimi durch den klassischen Whodunit spannend zu machen. Man muss sich etwas einfallen lassen - dramaturgisch wie filmisch. Da schon die Vorabendkrimis die gleichen Themen besetzen wie der „Tatort“ oder der „Polizeiruf“, wird es zunehmend wichtiger, WIE eine Geschichte erzählt wird.
Markenzeichen von Leitmayr und Batic: sie witzeln gern miteinander. Für meinen Geschmack manchmal zu viel.
Das ist uns sicher passiert, keine Frage, manchmal geht halt der Spaß an der Freud mit ins durch. Das rechte Maß zu finden ist nicht leicht, aber wenn es gelingt, dann erhöht das den Schauwert ungemein. Uns wird man aber nie – wie einige unserer Kollegen – Wurstbrote kauend in der Pathologie sehen. Ich will Themen und Schicksale ernst nehmen, aber ich will nicht in Trübsinn ersaufen, weil die Welt so schlecht ist.
Liegt Ihnen prinzipiell das Leichte, Augenzwinkernde mehr als das große Drama?
Nein. Ich glaube nur, dass man Trübsinn und Tiefsinn nicht verwechseln darf. Ich finde es eine Schande, dass Komödien bei Fernsehpreisen stets leer ausgehen. Komödien stehen bei vielen unter dem Generalverdacht der Flachheit. Ich bin inzwischen der Meinung: es liegt am Publikum und nicht an den Machern. Nehmen wir „Die Sopranos“. In USA ein Riesenerfolg, bei uns ein Flopp. In Deutschland gibt es viel richtigen Schund und viel gepflegtes Leiden an der Welt.
Sie haben zwei bemerkenswerte Fernsehfilme inszeniert, einen davon geschrieben. Warum sind es nicht mehr geworden?
Ich habe kein Budget überzogen, nichts Wesentliches falsch gemacht, die Leute redeten nach wie vor mit mir, die Filme sind gut gelaufen - und es kamen genau null Angebote danach. Ich denke mal, es hat damit zu tun, dass die Produzenten dachten: „Dem geht’s doch als Schauspieler ganz gut, was muss denn der auf dieser Wiese auch noch grasen?“ Aber ich habe eine neue Idee für einen Thriller. Schauplatz Kasachstan. Ein spannendes Land mit vielen deutschen Bezügen. Mein Vater war dort in Kriegsgefangenschaft.
Was war damals Ihre Motivation?
Es war ein ganz simpler Grund. Ich habe mir einfach zu oft bei Dreharbeiten gedacht: „Das kann ich besser.“ Und ich hatte Lust, mal eine Geschichte zu schreiben, bei der der absolute Sympathieträger nach zwei Dritteln tot ist.
Ist Ihr Respekt vor Regisseuren gestiegen?
Vor den guten ja, vor den schlechten nein.
Was haben Sie aus dieser Arbeit für Ihren Beruf als Schauspieler mitgenommen?
Ich glaube, ich bin ein besserer Schauspieler geworden, jedenfalls ein angenehmerer. Ich habe ein anderes Verständnis dafür, in welchen Nöten Regisseure manchmal stecken. Als Schauspieler, der sich einem falsch verstandenen Wahrhaftigkeitsanspruch unterwirft, habe ich den Regisseuren manchmal zu viele widerborstige Fragen gestellt. Und das merkt man, wenn man selbst mal einen Film gemacht hat.
Noch ein letzte Frage: Wie lange wollen Sie Leitmayr eigentlich noch spielen?
Keine Ahnung. So überraschend, wie das Angebot für den „Tatort“ damals kam und so sehr wir versucht haben, frisch zu bleiben und jederzeit aufhören zu können, genau so spontan und überfallartig wird es irgendwann einem von uns beiden dämmern und er wird sagen: „jetzt reicht es, jetzt ist Schluss!“.
Zur Person:
Udo Wachtveitl, am 21.10. 1958 in München geboren, arbeitete bereits als Kinderdarsteller für den Bayerischen Rundfunk („Pumuckl“). In den 80er Jahren war er in den viel beachteten „heimatlichen“ Serien „Die Wiesingers“, „Hans im Glück“ und Franz Xaver Bogners „Zur Freiheit“ zu sehen. 1989 stand er erstmals als „Tatort“-Kommissar Franz Leitmayr vor der Kamera. Wachtveitl arbeitet auch als Regisseur („Krieger und Liebhaber“) und künstlerischer Sprecher für Dokumentarfilme.