• Interview   Uwe Kockisch: "Venedig ist mein stärkster Partner"

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      Auf einen Blick: Kinokultfilme & Filmgeschichte im Februar

      Foto: Jiri Hanzl

      TV60 – Alexandra Neldel in "Rache der Wanderhure" (Sat 1, 28.2.)

      Foto: ZDF / Volker Roloff

      Über 30 Fiktion-Premieren. Februar-Highlights auf einen Blick

      Der Schauspieler über Donna Leon, Brunetti, über starke Rollen, Melancholie und seine DDR-Jahre

      Seit fünf Jahren spielt Uwe Kockisch Commissario Brunetti in den Donna-Leon-Verfilmun-
      gen. "In den Büchern ist er viel definierter. Ich habe versucht, einen Freiraum zu lassen, nicht alle Aspekte seiner Persönlichkeit, wie sie in den Romanen angelegt ist, mitzuspielen. Ich habe ihn außerdem zurückhaltender angelegt", sagt Kockisch im Interview. 

      Text-Stand: 12.9.2008

      Was haben Sie sich damals von dem Projekt erhofft?
      Ich kannte Donna Leon nicht. Hatte auch keinen der Filme meines Vorgängers Joachim Kròl gesehen. Als ich dann einige Krimis gelesen hatte, war ich auch noch nicht knallfest überzeugt. Was mir allerdings gefiel war Leons politische Haltung. Bei ihr geht es ja immer um gesellschaftsrelevante Themen.

      Und Brunetti?
      So richtig an die Figur ran gekommen bin ich erst im Laufe der einzelnen Filme. Anfangs hatte ich ein vages Bauchgefühl: Mir gefiel Brunettis soziale Draufsicht, sein souveräner Blick auf den venezianischen Fassadenzauber und diese vordergründige Gelassenheit, hinter der sich aber wie bei der Autorin eine klare Haltung verbirgt.

      War es für Sie ein Problem, dass Brunetti Italiener ist?
      Das war für mich nie ein Problem. Brunetti ist nicht Italien. Der ist ja nur künstlich italienisch durch eine Autorin, die Amerikanerin ist. Und außerdem bin ich Schauspieler.

      Welche Rolle spielt Venedig?
      Eine sehr große. Ich habe schnell gemerkt: Venedig ist mein stärkster Partner. Zu dem Bild, das einem die Stadt vermittelt, wollte ich mit Brunetti eine Entsprechung finden. Der Charakter, den Donna Leon aufschreibt, der bin ich ja nur vage. Die ganzen Drehbücher weichen ziemlich von den Romanen ab.

      Was unterscheidet den filmischen vom literarischen Brunetti?
      In den Büchern ist er viel definierter. Ich allerdings habe versucht, einen Freiraum zu lassen, nicht alle Aspekte seiner Persönlichkeit, wie sie in den Romanen angelegt ist, mitzuspielen. Das würde im Film zu viel werden. Ich habe ihn außerdem zurückhaltender angelegt.

      Sie sagen, Brunetti spiegelt Venedig. Stimmen Sie sich entsprechend ein?
      So ist es. Ich bin vor den Dreharbeiten bereits immer ein paar Tage vor Ort. Und da mache ich nichts anderes, als die Stadt in mich aufzunehmen. Ich setze mich irgendwo hin, rieche, höre, sehe - das ist meine Aufgabe. Ich betrachte den Alltag, beobachte Menschen, sauge alles in mich auf und lasse es auf mich wirken. Und ich versuche dabei natürlich, mit den Augen Brunettis zu sehen.

      Und was sehen Sie da so alles?
      Was mir besonders an den Venezianern gefällt, ist das Spielerische, diese Gelassenheit, die die Verklemmung wegnimmt. Sie haben aber auch etwas Hochnäsiges. Sie wissen: alle Welt beneidet sie. Diese Hochnäsigkeit ist auch eine Schutzhaltung gegenüber den Touristen.

      Venedig hat aber sicher auch große visuelle Möglichkeiten?
      Ganz klar, Venedig ist zum einen die eitle Dame, die sich in der Sonne räkelt. Wenn das Licht aber wechselt - und Film ist ja das Spiel von Licht und Schatten -, dann ist die Stadt auf einmal alt, verknittert, bösartig. Solche Stimmungen, wenn dann auch noch der Nebel kommt, können ganz schön gruslig sein. Solche Bilder hätte ich gern noch ein bisschen mehr in den
      Filmen, auch wenn ich weiß, dass wir hier nicht "Wenn die Gondeln Trauer tragen" machen können.

      Melancholie liegt aber reichlich in der Luft. Sind Sie Melancholiker?
      Ich würde mich nicht als Melancholiker bezeichnen. Sicher hat Brunetti, wie ich ihn spiele, etwas Melancholisches. Das war aber nie so bewusst geplant von mir, und ich habe Melancholie nie als Mittel eingesetzt. Vielleicht hängt die Wirkung damit zusammen, ihn als Beobachtenden anzulegen, einen, der nicht alles ausspricht, was ihm durch den Kopf geht.

      Fühlen Sie sich in Ihren TV-Rollen oft unterfordert?
      Um mit Brunetti anzufangen: das ist sicher kein Hamlet, aber das ist auch keine Erholungsfigur. Ihn nur routiniert runterzuspielen, wäre tödlich. Um die Qualität zu halten, muss ich immer wieder irgendeinen neuen Aspekt seiner Persönlichkeit entdecken. Auch was die anderen Filme der letzten zwei Jahre angeht, gab es da immer etwas, wo ich gefordert war. Ich hatte zu tun mit Dominik Graf, mehrfach mit Matti Geschonneck und zuletzt mit Lars Becker für "Nachtschicht" und ich habe mit Thorsten Näter "Der Hoteldetektiv"
      gemacht. Ich kann also nicht klagen. Wenn ich weiter zurückdenke, sah es nicht immer so rosig aus.

      Ist es überhaupt möglich, mit jeder Figur so an die Grenze zu gehen, wie Sie es bei Kalinke in Grafs "Eine Stadt wird erpresst" tun mussten?
      Das ist eine rein hypothetische Frage. Wir sind leider nicht reich gesegnet mit solchen herausragenden Stoffen. Sicher ist für mich nur eines: wenn ich nicht solche Filme wie "Die Nachrichten" oder "Eine Stadt wird erpresst" drehen könnte, dann hätte ich Probleme mit Brunetti - und ich würde dann wahrscheinlich in die Figur viel zu viel reinpacken, was sie einfach nicht hergibt.

      Sie spielen momentan Ihren dritten Polizisten in einem seriellen Format. Was macht für Sie den Reiz an solchen Gesetzeshütern aus?
      Der Polizist ist für mich ein archaischer Typus, einer, der darauf achtet, dass die sozialen Regeln eingehalten werden. Er ist vor allem da Zuhause, wo kriminelle Energien walten. Einer solchen Figur dürfen demzufolge die düsteren Seiten des Menschen nicht fremd sein und er muss etwas von den Konflikten einer Gesellschaft verstehen. Was ich an Polizisten besonders spannend finde: es sind dialektische Figuren, die im Umgang mit Wahrheit und
      Gerechtigkeit immer wieder selbst in Konflikte geraten können.

      Sie saßen in der DDR aus politischen Gründen im Knast, haben aber tolle Rollen gespielt auf der Bühne wie im Film. Wie sehen Sie heute Ihre DDR-Jahre?
      Was die Arbeit angeht, bin ich im Guten damit. Ein ganz besonderes Highlight war "Dein unbekannter Bruder" von Ulrich Weiß, ein Ausnahmeregisseur, der so sehr Ausnahme war, dass man ihn heute nicht mehr kennt. Der hat alles aus mir rausgeholt und mir beigebracht, wie man vor der Kamera agiert. Auch die Arbeit am Theater war grandios. Damals wurde noch probiert, experimentiert und gemeinsam ein Stück erarbeitet. Was die Arbeit angeht, kann ich rückblickend nur sagen: wunderbar! Das andere der Gesellschaft - was soll
      ich da groß sagen ... Und den Knast, den sehe ich heute als Grundstein, als Fundus für mich und mein späteres Schauspielerdasein. Was ich dort an Beobachtungen machen konnte, das hat mich um viele Jahre reifen lassen.

      Zur Person:
      Uwe Kockisch, 1944 in Cottbus geboren, gehörte seit Mitte der 70er Jahre zu den renommiertesten Theater- und Filmschauspielern in der DDR. Mehr als 20 Jahre spielt er am Maxim-Gorki-Theater. Im vereinten Deutschland verstärkt er sein Fernsehengagement. Mit den Ermittlern Zappek in der gleichnamigen Serie, Pfeiffer in "Die Wache" und vor allem mit seinem Brunetti wird er auch einem breiten Publikum bekannt. Im April erhielt er den
      Adolf-Grimme-Preis für "Eine Stadt wird erpresst".

      Das Interview führte Rainer Tittelbach


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