Der Regisseur Stefan Krohmer über sein Faible für Dialogfilme und das Bildungsbürgertum, über die Unterschiede zwischen Kino und Fernsehen, über seine Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Daniel Nocke und über seinen Kinofilm „Sommer ’04“ (3sat, 20.7.).
Text-Stand: 18.1.2008
Daniel Nocke, Autor fast aller ihrer Filme, hatte letzte Woche einen Riesenerfolg mit “Duell in der Nacht". Haben Sie keine Angst, dass er Ihnen untreu wird?
Im Moment arbeiten wir gemeinsam an einem Film über Rudi Dutschke. Immer nur mit jemandem wie mir zu arbeiten, kann man niemandem zumuten.
Können Sie sich vorstellen, mit anderen Autoren zusammenzuarbeiten?
Ich arbeite auch mit anderen Autoren. Die Zusammenarbeit mit Daniel währt nun schon über zehn Jahre. Das bringt viele Vorteile mit sich. Also für mich jedenfalls. Er kennt meine Schwächen. Seine Bücher bieten immer Szenen, die man unbedingt machen muss.
Gibt es solche Szenen auch in “Sommer ’04“?
Da war eine solche Schlüsselszene Ausgangspunkt für den ganzen Film. Es war die Szene, in der Miriam, die von Martina Gedeck gespielte Hauptfigur, den Amerikaner Bill, ein Mann Ende 30, aufsucht, der ihrem Eindruck nach ein Verhältnis zu der 12jährigen Freundin ihres Sohnes hat. Miriam will dem attraktiven Mann klar machen, dass er von dem Mädchen ablassen soll.
Und wie erscheint diese Szene für Sie im fertigen Film?
Es ist für mich immer die Szene geblieben, die am meisten Irritation auslöst, am meisten Kinoerlebnis ist. Weil ich im Kino in eine Situation kommen möchte, in der meine Gedanken in verschiedene Richtungen driften. In der ich als Zuschauer anfange, den Figuren etwas zu unterstellen. Auch auf die Gefahr hin, dass ich es später wieder revidieren muss.
Sie haben bisher immer Geschichten erzählt, die in dem Milieu spielen, aus denen Sie beide kommen. Wird das nicht auf Dauer langweilig?
Man kann in diesem Milieu unzählige spannende Geschichten erzählen. Die Hauptfigur in unserem neuen Film „Mitte 30“, der im Februar gesendet wird, könnte ein Freund von mir sein. In „Sie haben Knut“ schau ich auf meine Elterngeneration. In „Sommer ’04“ ist die persönliche Distanz zu den Figuren am größten. Das sind ganz unterschiedliche Ansätze. Im Übrigen guckt der Zuschauer auch nicht nur unsere Filme.
Reizt es Sie nicht, mal von anderen Menschen zu erzählen, von Menschen, die sich nicht mit Worten die Welt erklären und das eigene Scheitern schönreden können?
Dazu bin ich zu wenig sozial engagiert. Ich kann mir einen Film vorstellen, in dem streckenweise gar nicht geredet wird. Eben ein Ausschnitt aus dem Leben, in dem nicht viele Worte fallen. Anschließend müsste aber wieder darüber geredet werden.
Die Vorliebe zum Dialogstück teilen Sie also mit Ihrem Autor?
Auf jeden Fall. Es ist für mich kein Zeichen für großes Kino, wenn wenig geredet und nur über die Montage, die Bilder erzählt wird. Das Visuelle ist ein wesentliches Element des Films und die Sprache immer eine zusätzliche Ebene, die den Film bereichern kann. In vielen Filmen übernehmen Dialoge die Funktion, die die Bilder schon erfüllen. Dann wirken Bilder aufdringlich und der Dialog künstlich.
Was haben Ihnen Ihre beiden Grimme-Preise gebracht?
Einen Grimme-Preis zu gewinnen ist im Hinblick auf den nächsten Film schon eine Hilfe. Ob man deshalb viele andere Angebote bekommt, bezweifle ich allerdings. Unsere Filme sind ja Filme, die viele Produzenten begeistert aufnehmen, die sie aber deswegen noch lange nicht selbst machen würden.
Auf drei Fernsehfilme kam bisher bei Ihnen ein Kinofilm. Soll das Verhältnis so bleiben?
Bei einem Arthaus-Kinofilm genießt man die größten Freiheiten. Aber diese Freiheiten muss man jedes Mal aufs Neue zu nutzen wissen. Man muss ein Anschlussprojekt finden, das für einen selbst die Qualität dessen übersteigt, was man zuletzt gemacht hat. Es gibt niemanden, der in Deutschland auf der Arthausschiene jedes Jahr einen Kinofilm macht. Wenn ich alle zwei, drei Jahre einen Film fürs Kino zustande bringe, bin ich zufrieden.
Was ist beim Fernsehen für Sie anders?
Das Tolle am Fernsehen ist ja, dass man auf einen Schlag so viele Leute erreicht. Beim Fernsehen herrscht eine andere Form von Aufmerksamkeit. Es gibt die Möglichkeit, weg zu zappen. Es ist eine andere Form von Kommunikation. Ich stelle mir ein anderes Publikum vor. Ich will mich bei meinen Fernseharbeiten nicht über die Sehgewohnheiten erheben, zugleich aber auch etwas Anregendes bieten.
Wie können Sie diesen Sehgewohnheiten begegnen und sich dennoch treu bleiben?
In „Mitte 30“ setzen wir beispielsweise auf eine recht konventionelle Exposition. Wir laden den Zuschauer ein, mit einer sympathischen Figur mitzugehen, lassen diese dann aber Dinge tun, die sie als klassische Identifikationsperson eher nicht tun sollte. Doch es ist zu spät: Die Zuschauer mögen den Helden bereits.
“Sommer ’04“ hebt sich von dieser Fernsehästhetik ab.
Sollte er auch. Der Film war ja auch fürs Kino konzipiert. Dem erfahrenen Arthaus-Kinogänger muss man einfach mehr bieten an Freiräumen, an Auslassungen erzählerischer Art, die er selbst füllen darf. In diesem ausschnitthaften und wenig psychologisierenden Erzählstil von „Sommer ’04“ liegt für mich ein wesentlicher Unterschied zu unseren Fernseharbeiten.
Zur Person:
Stefan Krohmer, am 11. Februar 1971 in Balingen geboren, zählt seit seinen beiden Grimme-Preisen für „Ende der Saison“ und den „Familienkreise“ zur ersten Riege der deutschen Regisseure. Fast ausschließlich arbeitetet er mit dem Autor Daniel Nocke („Silberhochzeit“) zusammen. Gute Kritiken bekam Krohmer auch für seine Kinofilme „Sie haben Knut“ und „Sommer ’04“.