• Interview   Wenn Doktor med. gegen den Türpfosten prallt: Axel Milberg

      TV60 – Alexandra Neldel in "Rache der Wanderhure" (Sat 1, 28.2.) Über 30 Fiktion-Premieren. Februar-Highlights auf einen Blick Auf einen Blick: Kinokultfilme & Filmgeschichte im Februar Foto anklicken, bei amazon kaufen & tittelbach.tv unterstützen
      Foto: Jiri Hanzl

      TV60 – Alexandra Neldel in "Rache der Wanderhure" (Sat 1, 28.2.)

      Foto: ZDF / Volker Roloff

      Über 30 Fiktion-Premieren. Februar-Highlights auf einen Blick

      Auf einen Blick: Kinokultfilme & Filmgeschichte im Februar

      Foto anklicken, bei amazon kaufen & tittelbach.tv unterstützen

      Der Schauspieler will kein TV-Gutmensch sein. Deshalb liebt er Dr. Martin

      Dr. Martin und Kommissar Borowski sind zwei seltsame Zeitgenossen. Auf die Idee, sie miteinander zu vergleichen, käme Axel Milberg allerdings nie. Außerdem spricht der Schauspieler im Interview über die Entwicklungen beim "Tatort", über seine berufliche Rückkehr nach Schleswig-Holstein, über Erziehungsfragen und über die Vorteile eines bürgerlichen Elternhauses.

      Text-Stand: 7.5.2009

      Borowski ist eine Spur freundlicher geworden. Kam Ihnen auch deswegen „Doktor Martin“ nicht ungelegen?
      Borowski ist schon etwas therapierter als der Dr. Helling. Ich habe aber beide Rollen nicht in Bezug zueinander gesetzt. Ich finde es im Übrigen nicht ungewöhnlich, dass sich Menschen so verhalten, dass sie aus der Haut fahren oder bei Stress in ihrem Ton scharf werden. Wir sind nur gewohnt, dass es im Fernsehen anders ist. Ich glaube, dass der Zuschauer diese Zuckerriegelverharmlosungen gar nicht so sehr schätzt.

      Was ist das Besondere an diesem kleinen, schrägen Serienformat?
      Es ist sicher ungewöhnlich, jemanden zu zeigen, der Gutes tut, dabei aber auch abweisend ist. Das ist realistischer, wahrer und ich finde es auch interessanter. Ich sehe so was gerne und hoffe, das gilt auch für die Zuschauer.

      Und was gefällt Ihnen noch an Ihrem Doktor?
      Mir gefällt, dass Dr. Martin eine Figur ist, die sich selbst nicht psychologisch erklärt. Ein Dr. med., der gegen einen Türpfosten prallt, der von seiner Sprechstunde genervt ist, der Freundschaften nicht annehmen kann, der andererseits aber den Leuten hilft – das sind wunderbare Widersprüche, charakterliche Unverträglichkeiten, die scheinbar nicht zusammenpassen. Darüber kann ich lachen, das berührt mich aber auch. Und das besonders, weil man nicht die Absicht hinter allem spürt.

      Ist Dr. Martin eigentlich „unsozial“ aus Überzeugung, weil er sich nicht verstellen möchte oder weil er ein Egozentriker ist, der nur sich sieht?
      Schlimmer: er merkt es nicht. Er versteht nicht, wenn sich die Leute über seine Ruppigkeit beschweren. Wir alle kennen solche Menschen. Der Unsoziale würde sich vielleicht selber als leidenschaftlich oder engagiert definieren. In dieser Diskrepanz von Selbst- und Außenwahrnehmung liegt auch Komik. Dr. Martin sieht in jedem den potenziellen Patienten, das Defizit, die biologische Fehlfarbe, den Haltungsschaden, das Übergewicht, den Leberfleck, der Hautkrebs werden könnte.

      Suchen Sie für alle Situationen, in denen sich Dr. Martin unkonventionell verhält, eine Erklärung?
      Ich brauche die Erklärung, auch wenn ich sie im Spiel nicht mitliefern möchte, damit ich ein System habe für die Figur. Ich muss einen Plan davon haben, wie dieser Martin die Dinge sieht. Sonst hätte ich große Lücken im Spielen, die ich dann mit meiner Individualität füllen würde, was nicht richtig ist.

      Gibt es für Sie einen Unterschied beim Erarbeiten einer „Dramedy“ im Gegensatz zu einem 90-minütigen Krimi oder Drama?
      Wir müssen schon zackig sein, schneller sprechen, schneller spielen, schneller schneiden. Es sind ja Figuren, die klare Konturen und einen geringen Interpretationsrahmen haben. Das Ganze muss wie ein Uhrwerk abschnurren.

      Es gibt Stimmen, die bezweifeln, dass ein Unsympath wie Dr. Martin Serien-Titelfigur sein kann…
      Es gibt den englischen Begriff „love to hate character“. Der Zuschauer, der die Serie mag, würde wohl kaum sagen, dass Dr. Martin unsympathisch ist, sondern eher, dass sein Arzt genau so ist – kompetent, distanziert und gelegentlich abweisend. Und in der Tat, er ist ja nicht nur ein Unsympath. Der Mann ist in Bewegung, nicht berechenbar. Er lächelt nicht die ganze Zeit freundlich und er tut nicht so, als würden ihn der Mundgeruch oder die schwitzigen Unterhemden seiner Patienten nicht stören.

      Für den Außenstehenden haben Borowski und Dr. Martin Vieles gemeinsam. Sie sehen das anscheinend anders.
      Als Schauspieler käme ich nie auf die Idee, beide Rollen miteinander zu vergleichen. Natürlich gibt es Überschneidungen. Es ist mein Körper, es sind meine Augen, es ist meine Stimme. Es sind nicht zwei Arbeiten, bei denen ich alles eliminiere, was die andere Figur ist. Fernsehrollen zwingen einen nicht, zum Chamäleon zu werden.

      Würden Sie meinen Eindruck bestätigen, dass nicht nur Borowski, sondern auch die Geschichten Ihrer „Tatorte“ dichter, stimmiger, geschmeidiger geworden sind?
      Durchaus. Man kann in einem 90-Minüter so einen polterigen, schroffen, nicht teamfähigen Menschen wunderbar zeigen. In einer Reihe ist es schwierig. Deshalb haben wir das Konzept überarbeitet. Nicht meine Figur soll das große Thema sein, sondern der Krimi, der konkrete Fall. Ich will harte, scharfe, auch brutale Fälle haben. Wir werden bei Borowski auch in Zukunft noch mehr darauf achten, das Genre zu bedienen und nicht zu viel Privates rein zu basteln.

      Aber das Wechselspiel zwischen Borowski und der Polizeipsychologin soll nicht verändert werden?
      Nein, das finde ich wunderbar. Diese Beziehung lebt ja in die Geschichte hinein. Wenn Borowski und Jung miteinander reden, dann reden sie ja immer über den Fall – natürlich auf die für die beiden so typische Weise.

      Sie sind in Kiel aufgewachsen, nach München auf- und aus der bürgerlichen Enge ausgebrochen, um Schauspieler zu werden. Sind Sie heute versöhnt mit Ihrer Jugend?
      Versöhnt bin ich längst und ich erkenne, was mir mein bürgerliches Elternhaus mitgegeben hat. Ich finde es gut, wenn man Klavierstunden oder Tennisunterricht hat, Noten lesen kann, wenn man Latein lernt und höflich ist im Umgang mit anderen, wenn man im Gespräch Konflikte löst und Rücksicht nimmt auf andere oder wenn man sich für die Umwelt interessiert usw. Das hat alles zu tun mit meiner Herkunft.

      Was bedeutet Ihnen diese berufliche „Rückkehr“ nach Schleswig-Holstein?
      Dieses Norddeutsche ist in der Öffentlichkeit nie besonders gut weggekommen. Dieses Tümelnde mit Shanty-Chor und Matrosenanzug oder diese Wohlfühlserien, in denen Opa Piepenbrink schnackt und „Der Landarzt“ sich die Ehre gibt – das muss nicht alles sein! Warum soll man nicht Krimis in einem Landstrich ansiedeln, auf den Skandinavien mehr Einfluss hat als der Süden Deutschlands? Diese Landschaft mit dem vielen Wasser, den Werften, den Wäldern besitzt eine große visuelle Kraft.

      Die Zeiten des wilden Theaters sind vorbei. Sie sind ein Star eines durch und durch bürgerlichen Mediums. Hatten Sie deshalb irgendwann einmal Bedenken?
      Ich finde es eher bürgerlich, wenn man sagen würde: das eine Medium ist wertvoller als das andere. Wenn ich Shakespeare spiele, mache ich kulturell nichts Wertvollereres, als wenn ich einen „Tatort“ drehe. Die Qualität muss sich woanders entscheiden – in der besonderen Bühnenarbeit oder der Sorgfalt, die wir auf das Buch verwenden.

      Zum Schluss etwas Privates. Klausjürgen Wussow wurde ja auch oft nach Rat gefragt: Sie leben in einer Patchwork-Familie mit kleinen Kindern. Welche Erziehungsregeln können Sie empfehlen?
      Die anderen haben auch eine Chance, Recht zu haben. Man glaubt gar nicht, was man – indem man scheinbar nachgibt oder Verständnis hat – erreichen kann. Indem man nicht sagt: „so nicht! Auf keinen Fall! Mit mir nicht!“ Man muss verhandeln, Vorschläge machen. Dann kommen die Kinder von selber und haben eine „Idee“. Bei kleinen Kindern spart man sehr viel Energie, wenn man Augenkontakt hat und das, was man will, ein Mal sagt – und zwar so, dass das Kind es hört und ernst nimmt.

      Dafür dürfte Ihr Beruf ganz hilfreich sein?
      Ja, sicher. Das Wichtigste: Man muss für diese kleinen Zeiteinheiten 100%ig konzentriert sein. Dieses Nebenbeikommunizieren ist die Hauptschwäche von uns Erwachsenen im Umgang mit Kindern. Wir telefonieren, lesen, kochen, bügeln oder unterhalten uns mit Erwachsenen, während wir einem Kind sagen, was es tun soll.

      Zur Person:
      Axel Milberg, 1956 in Kiel geboren, war fast zwei Jahrzehnte Starschauspieler der Münchner Kammerspiele, bevor er sich ganz dem Kino („Rossini“) und Fernsehen („Silberhochzeit“) verschrieb. Dem breiten Publikum bekannt wurde er als Kieler „Tatort“-Kommissar. Milberg ist zum zweiten Mal verheiratet und lebt in München.

      Das Interview führte Rainer Tittelbach


      Drucken Senden Kommentieren

      Mediadaten
      Informationen für Sponsoren und Werbekunden
      Spenden mit Paypal

       

    • Startseite
    • Programm
      • Fernsehfilm
      • Reihe
      • Mehrteiler
      • Serie
      • Kino-Koproduktion
      • > Interview <
      • Porträt
      • Kurztipps
    • > Exklusiv <
      • > Interview <
      • Porträt
      • News
      • Analyse
      • Drehbericht
    • Bonusmaterial
      • Toplisten
      • Was andere schreiben
      • Web-Tipps
      • Soundtrack
      • DVD-Tipps
      • Dancing DJ Roger
    • Intern
      • Über mich
      • Sehen, was sich lohnt
      • Glossar
      • Mediadaten
      • Angebote
      • Datenschutz
      • Kontakt
      • Gästebuch
      • Impressum
    • Kino-Klassiker 02/12

      • "Shining"
      • Mach dir dein Programmkino! Filmgeschichte & Kultkino werden im Programm versteckt. Deshalb präsentiert tittelbach.tv jeden Monat die Alltime Classics. Finden, was Sender verstecken: z.B. Jack Nicholson in Stanley Kubricks Kultfilm "Shining"

    • TV-Soundtracks

      • Nico: Femme fatale
      • Top-Songs aus aktuellen Fernsehfilm-Soundtracks:
         

        • Velvet Underground feat. Nico: Femme fatale ("Neue Vahr Süd")
        • Eagles of the Death Metal: „Wanna be in L.A.“ ("Die fremde Familie")
        • Donovan: "Hurdy Gurdy Man" ("Familiengeheimnisse")
        • ZZ Top: La Grange ("Die Draufgänger")
        • Curtis Mayfield: Move on up ("Liebe vergisst man nicht")
        • 10CC: I'm not in love ("Wilsberg: Bullenball")
        • The Zombies: Time of the season ("Nachtschicht: Das tote Mädchen")
        • Tito & Tarantula: After Dark ("Küsse, Schüsse, Rindsrouladen")
        • Fatboy Slim: Praise you ("Akte Golgatha")
        • War: Low Rider ("Kreutzer kommt")
        • Blood Sweat & Tears: Spinning Wheel ("Kreutzer kommt")
        • Cat Power: The Greatest ("Sind denn alle Männer Schweine?")
        • Leonard Cohen: Waiting For A Miracle ("Solange du schliefst")
        • Moloko: Sing It Back ("Vater aus heiterem Himmel")
        • Ronan Keating: Life Is A Rollercoaster ("Inga Lindström – Prinzessin des Herzens")

          MEHR SONGS AUS FERNSEHFILMEN
    • Spenden

      Weil sich von Luft und Fernsehen allein nicht leben lässt.

    • Tittelbach empfiehlt

    • Kalender

    • Top Premieren

      Highlights bis zum 14.02.2012
      1. „Bella Block – Der Fahrgast und das Mädchen“  (ZDF, 11.02.)
      2. „Im Schatten“  (3sat, 14.02.)
      3. „Vater Mutter Mörder“  (ZDF neo, 10.02.)
      4. „Tatort – Ordnung im Lot“  (ARD, 12.02.)
      5. „Danni Lowinski (Staffel 3)“  (Sat 1, 13.02.)
    • Top Wiederholungen

      Highlights bis zum 10.02.2012
      1. „Renn, wenn du kannst“  (Arte, 10.02.)
      2. „Im Dschungel“  (ARD, 10.02.)
      3. „Tatort – Tango für Borowski“  (ARD, 10.02.)
      4. „Paul Is Dead“  (ZDF-Kultur, 10.02.)
      5. „Der Heckenschütze“  (ZDF neo, 09.02.)
    • Facebook

    • Tittelbach empfiehlt

    • Tittelbach empfiehlt

    • Folge uns über

      FacebookTwitterRss Feed
    • © 2012 Rainer Tittelbach