Sie sind eine Familie, in dem sich das Jahrhundert spiegelt. Heinrich Breloers Arbeit am 20-Millionen-Projekt “Die Manns - Ein Jahrhundertroman” geht ins dritte Jahr. Mitte Mai begannen die Dreharbeiten in Südspanien. Ein Wiedersehen mit dem Grimme-Preis-gekrönten Dreiteiler gibt es in der Nacht vom 9. auf den 10.5., ab 0.15 Uhr im NDR (alle 3 Teile).
(Text-Stand: Mai 2000) “Über Thomas Mann weiß ich inzwischen mehr als über meinen Vater und über Klaus Mann mehr als über meinen Bruder.” Heinrich Breloer rekonstruiert das Leben einer der großen deutschen Familien des 20. Jahrhunderts. “Die Manns - Ein Jahrhundertroman” ist das derzeitige Prestige-Projekt der ARD. Rund 20 Millionen Mark soll der Dreiteiler kosten. Über zwei Jahre reisten der mehrfache Grimme-Preisträger und sein Koautor Horst Königstein bereits in der Weltgeschichte herum: 60 Personen haben sie befragt aus der Familie und dem direkten Umfeld der Manns. 126 Interview-Stunden haben sie aufgezeichnet. Kein Zeitzeuge ist unter 80 Jahren; drei starben kurz nach den Interviews. So betont Breloer: “’Todesspiel’ war die erste Gelegenheit, jenen Stoff aus der neueren deutschen Geschichte anzufassen, für ‘Die Manns’ war jetzt die letzte Gelegenheit.”
Bereits 1981/82 recherchierten Breloer und Königstein für ihre preisgekrönte Dokumentation “Treffpunkt im Unendlichen” den Manns hinterher. “Dabei trafen wir auf Protagonisten der Familie, die damals merkwürdigerweise noch keiner vor die Kamera geholt hatte”, sagt Breloer. Die längst verstummten “Stimmen” von damals, beispielsweise Monika und Golo Mann, nun für “Die Manns” wieder zum Sprechen bringen zu können - darauf sind die beiden stolz. Wie einst Eberhard Fechner sehen sie sich als Zeitzeugen-Jäger mit Kamera und Mikrofon auf der Jagd nach fast schon verlorenen Schätzen.
Erzählt wird - in der Breloer-typischen Mixtur aus Spielszenen und Interviews - an der Vita des mythenumwitterten Thomas Mann entlang. “Das Publikum hat sich für ihn entschieden”, sagte Breloer schon vor Jahren - ein populärer Film müsse folglich auch ihn zum Herzstück machen. “Ein großer unterhaltsamer Familienfilm” sollen “Die Manns” werden. “Dagegen ist Denver-Clan ein Mist”, so Königstein. Da ist es verständlich, dass der Populärste des Familienclans im Mittelpunkt stehen muss. Aber auch die anderen sind präsent: Bruder Heinrich, die Söhne Klaus, Golo und Michael, die Töchter Erika und Monika und die ange- heiratete Sippschaft, allen voran Schauspielfürst und Hitlers “Mephisto” Gustaf Gründgens. Der Dreiteiler wird mehr Spiel-Szenen (rund drei Viertel des Films) haben als die bisherigen Breloer-Filme. Sehr viel ist die Rede von Emotionen. “Spiel löst Elektrizität aus”, so Breloer.
Er weiß offensichtlich, dass das Fernsehvolk einem “TV-Roman” mit zu literatur- wissenschaftlichem Image die Gefolgschaft versagen könnte. Und dann stellt sich die Frage, ob WDR-Intendant Fritz Pleitgen noch länger schwärmen könnte von “dem Höhepunkt meiner Amtszeit”.
Kronzeugin des dokumentarischen Teils ist Elisabeth Mann Borgese, die Lieblingstochter des Schriftstellers, die erstmals über die Geschichte ihrer Familie spricht. Offenbar wollte die 82-Jährige etwas zur Entpathologisierung des berühmten Vaters beitragen. Breloer be- eindruckte ihre “ausgezeichnete Fabulierbegabung”. Und Königstein schwärmt: “Sie macht uns mit zum Zeugen ihrer eigenen Entdeckung.” Mit detektivischer Neugier und sehr direkt hat er die alte Dame befragt: über ihre Liebe zu ihrem Vater, über seine Unterdrückungsrituale und die angeblich emotionale Kälte. So manches Mal habe er eine Gänsehaut bekommen, so Breloer, wenn sie beispielsweise erzählt habe, “wie sie gern mit der Hand hinter sein Ohr gefahren ist”, oder wenn sie auf die strengen Regeln im Hause ihrer Eltern zu sprechen kam. Doch nicht die ganze “Wahrheit” soll dem Zuschauer aufgetischt werden. “Der schöpferische Moment am Schreibtisch bleibt ein Geheimnis, die Tür zum Arbeitszimmer bleibt auch im Film geschlossen” - ist Breloer sehr wichtig.
Aber Breloer hat auch andere aufschlussreiche “Quellen” aufgetan: Er sprach mit der Sekretärin Hilde Kahn Reach (“Ich war ihm nah, er wirkte weit weg”), dem Sohn des Lübecker Bürgermeisters aus “Buddenbrooks”-Zeiten, als Thomas Mann dem Lübecker Bürgertum als Unperson galt, oder einem Neffen von Thomas Mann, dem “Bastard” der Familie. Und er durfte die unveröffentlichten Teile der Thomas-Mann-Tagebücher einsehen.
Mitte Mai begannen im südspanischen Almeria die Dreharbeiten des Doku-Dramas. Mit dabei ist Hollywood-Hochkaräter Armin Mueller-Stahl als Thomas Mann. Vor der Kamera stehen außerdem Sebastian Koch, Monica Bleibtreu, Jürgen Hentsch und Veronica Ferres. Aber auch für den Produktions-Stab haben Breloer und die Bavaria Könner ihres Fachs gewonnen: so wird Kameramann Gernot Roll (“Rossini”, “Jenseits der Stille”) für den historischen Look sorgen und Waldemar Pokromski (“Schindlers Liste”) für die zeitgemäße Maske. Dem amerikanischen Agenten von Mueller-Stahl war dennoch nur schwer der Stellenwert dieses deutschen TV-”Jahrhundertromans”, der im Herbst 2001 gesendet wird, zu vermitteln. Doch nach 10-monatigen Verhandlungen setzte sich Mueller-Stahl schließlich durch.