Eine Gebärklinik, irgendwo in Tirol 1813. Die Hebamme Rosa Koelbl ist dem ehrgeizigen Medicus Gennaro aus ihrem Bergdorf in die Stadt gefolgt. Dort gerät sie zunehmend in Konflikt mit ihrer jahrhundertealten Hebammenkunst. Vor allem die Kirchen und die Karrieresucht der Mediziner standen ihrem Wunschbild von der „sanften Geburt“ im Weg. Der Münchner Theaterstar Brigitte Hobmeier übernahm die Hauptrolle in dem historischen Drama „Bergwehen“ (Arbeitstitel), dessen Dreharbeiten gerade zuende gegangen sind. An ihrer Seite: Misel Maticevic, der schon in Grafs „Das Gelübde“ und in „Effi Briest“ sich gut machte in Reiterstiefeln, Frack und Stehkragen... Solche historischen Stoffe haben es schwer im Fernsehen. Geschichte ist vornehmlich nur noch als Event-Mehrteiler gefragt.
Foto: ZDF / ORF / Christian HartmannDer Kirche geht es nur um das Seelenheil des Kindes. Eine Nottaufe, die den Tod der Mutter bedeutet, lehnt die Hebamme Rosa Koelbl ab. Brigitte Hobmeier und Karl Fischer in dem TV-Drama "Bergwehen" (AT) / "Die Hebamme - Auf Leben und Tod"
(Text-Stand: 22.6.2009) Ein Mann und eine Frau spazieren durch die Dämmerung. Er, ganz in Schwarz, mit Zylinder und sorgenvollem Blick, sie, in sich versunken, wie die Gedanken so hängt das Leinen schwer an ihrem Körper. „Rosa, Sie sollten darüber Stillschweigen bewahren. Überlegen Sie, was es bedeutet, wenn die Taufspritze wirklich eine der Ursachen des Kindbettfiebers ist.“ Die Frau zeigt sich unbeeindruckt: „Ich soll schweigen, wenn das Weihwasser schlecht ist und Weiber sterben?“ Der Mann insistiert weiter: „Wenn sich die Aufklärung irgendwann überall durchgesetzt hat, werden wir vielleicht gar keine Taufspritze mehr benutzen.“ Ob dieser offenen Kritik am Klerus ist jetzt plötzlich die Frau in Sorge.
Eine Gebärklinik, irgendwo in Tirol 1813. Die Hebamme Rosa Koelbl ist dem ehrgeizigen Medicus Gennaro aus ihrem Bergdorf in die Stadt gefolgt. Dort gerät sie in Konflikt mit ihrer jahrhundertealten Hebammenkunst. Vor allem die Kirchen und die Karrieresucht der Mediziner standen ihrem Wunschbild von der „sanften Geburt“ im Weg. „Die Geburten wurden in einer solchen Gebäranstalt zwar sicherer, aber die Weiber wurden zugleich als Forschungsmaterial für die Studenten missbraucht“, sagt Brigitte Hobmeier. Der Münchner Theaterstar übernahm die Hauptrolle in dem historischen Drama „Bergwehen“ (Arbeitstitel), dessen Dreharbeiten in Oberbayern und Tirol gerade zuende gegangen sind. An ihrer Seite: Misel Maticevic, der schon in Dominik Grafs „Das Gelübde“ und zuletzt in „Effi Briest“ sich gut machte in Reiterstiefeln, Frack und Stehkragen. Das Drehbuch zu dem Drei-Millionen-Euro-Projekt schrieb Peter Probst, der bislang vor allem die Krimibedürfnisse bediente.
Foto: ZDF / ORFEr mag Rosa, aber auch seine Reputation als Arzt: Maticevic als Medicus Gennaro
Foto: ZDF / ORFNicht der Typ für den gesenkten Blick: Hobmeier als Hebamme
Kloster Raitenhaslach, Juni 2009. Es gebiert schon bizarre Bilder, wenn ein Filmtross in ein barockes Kloster einfällt, um dort einen Film über die frühe Biedermeierzeit zu drehen, der kein Idyll zeigen will. Da nimmt ein Mann mit einem Hightech-Ungetüm um den Körper geschnallt Menschen ins Visier, die im Einfache-Leute-Rock anno 1815 einen staubigen Weg passieren. Da schaut der Kameramann gebannt auf den Bildschirm, während die Regisseurin auf die Schauspieler achtet, auf den stattlichen Medicus mit Zylinder und die in sich gekehrte Hebamme. Brigitte Hobmeier und Misel Maticevic ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Die schlanke Frau mit dem blassen Teint und dem roten Haar, der nachdenkliche Mann, der in diesem Moment gar nicht wie ein Ehrgeizling wirkt. Vergessen die Steadycam, vergessen die Technik. Über eine Minute dauert das Bild. Alle halten den Atem an. Die Zeit steht still. Dann das erlösende „und aus.“ Und noch einmal: „Misel, versuche, sie ein bisschen mitzureißen, sie herauszuholen aus ihrer Stimmung“, sagt die Regisseurin Dagmar Hirtz. Die Hebamme musste gerade die letzte Krankensalbung einer im Kindbettfieber liegenden jungen Frau miterleben.
"Mein Gott, wie würde es mir ergehen, wenn ich in der damaligen Zeit gelebt hätte?“ Immer wieder sei Brigitte Hobmeier dieser Gedanke gekommen, als sie sich in die Rolle eingelesen habe. Ihr wurde schier schlecht beim Lesen. „Auf dem Feld das Kind bekommen, es der Schwiegermutter in die Hand gedrückt und wieder aufs Feld. Zwei Tage später ist die Frau dann gestorben. So sah oft die traurige Realität aus.“ Auch das Leben der Kinder war vor fast 200 Jahren wenig wert. „Wenn damals von zehn fünf gestorben sind, dann war’s halt so. Damals gab es noch nicht das empathische Verhältnis zu den Kindern, wie wir es heute kennen“, sagt Produzentin Annie Brunner von der Roxy Film. Der Film verteufelt deshalb auch nicht die Gebäranstalten, die einem sozialen Grundgedanken entsprangen.
Foto: ZDFHistorische Fiktion hat es schwer. Nur im Gewand des Event-Movies findet die Historie heute ein großes Publikum. "Dresden" mit Felicitas Woll und John Light
Bei Dreharbeiten erzählen einem die Macher immer tolle Geschichten. Bei „Bergwehen“ müssen sie sich weniger anstrengen. Die Geschichte selbst klingt faszinierend genug. In einer Zeit, als die Gleichberechtigung der Frauen noch in weiter Ferne lag, widersetzt sich eine junge Frau den klerikalen und patriarchalischen Zwängen. Sie scheint keine jener starken Frauen zu sein, wie sie das Fernsehen so penetrant hervorbringt. „Sie ist nicht die Heldin, die mit dem roten Faden durch den Film geht“, betont Hobmeier. „Sie reagiert auf das, was ihr geschieht. Nur so wird sie zur Handelnden.“ Rosa Koelbl ist nicht auf Selbstfindungstrip.
Historische Fiktion hat es schwer. Je näher sich Zeitgeschichte am Doku-Drama orientiert, umso geringer ist der Erfolg. So wollten beispielsweise nur drei Millionen Zuschauer den exzellenten Dreiteiler „Die Wölfe“ sehen. Historische Filme, die aus der Reichweite von Drittem Reich und Nachkriegszeit fallen, finden noch weniger ihr Publikum. Ein Film wie Dominik Grafs „Das Gelübde“ erwies sich für viele Zuschauer als zu existentialistisch, zu dialoglastig. „Wir wollen einen sehr viel sinnlicheren, erdigen und sehr menschlichen Film machen“, sagt denn auch Produzentin Brunner. Dennoch gibt es Ähnlichkeiten – nicht nur, weil beide Filme in den 1810er Jahren spielen, beide Male übernahm auch Misel Maticevic die männliche Hauptrolle. Brentano als Vorübung auf Gennaro? „Nein, es gibt keine Vorübungen für einen Schauspieler. Jeder Film, jede Figur, jede Vorbereitung fängt bei Null an.“
Foto: ARD DegetoEin historischer Zweiteiler, der sich sehen lassen kann: "Die Flucht" mit Furtwängler
Nur im Gewand des Event-Movies findet die Historie heute ein großes Publikum. Ob „Napoleon“, „Dresden“, „Die Flucht“ oder zuletzt „Krupp – Eine deutsche Familie“ – die Produzenten und Sender versuchen in doppelter Hinsicht Geschichte zu machen. Histotainment heißt das Schlagwort. Je mehr Kintopp, umso besser. Selbst der Pionier des Doku-Dramas Heinrich Breloer gab den Abtrünnigen, indem er die „Buddenbrooks“ zur historisierenden Seifenoper ummodelte. Allein Jo Baier hielt zuletzt die Qualität – und die Tradition aufrecht. Der Kinostart seines „Henri IV.“ ist für den Winter geplant. Auch Bilderregisseur Xaver Schwarzenberger, einst Grimme-Preis-gekrönt für seine wuchtige Wilderermär „Krambambuli“, darf sich mal wieder in der Vergangenheit austoben: Ob der elf Millionen Euro schwere Zweiteiler „Sisi“ mit Martina Gedeck mehr sein wird als ein als Kostümfilm verkleideter Euro-Pudding, das wird sich erst nächstes Jahr zeigen.
August Zirner ist auf kostümierte Event-Movies nicht gut zu sprechen. „Viele der Historienfilme sind für mich völlig unhistorisch, weil sie pseudomodern sind und Geschichte nur als Kulisse benutzen.“ In „Bergwehen“ spielt er einen Medizinalrat, einen bedenkenlosen Befürworter der Aufklärung. Zirner plädiert für den subjektiven Umgang mit Geschichte. „Zu sagen, so war’s, ist nicht historisch, historisch ist, wenn man sagt: ‚Ich glaube, es war so’“. Über das Drehbuch ist Zirner voll des Lobes. „Es ist ein historischer Stoff und er geht bewusst mit der Historie um.“ Einen ähnlichen Zugang zur Historie wählte auch „Dr. Hope“ mit Heike Makatsch. In dem ZDF-Zweiteiler über die erste Frau, die sich in Deutschland ein Medizinstudium erkämpfte, spielt er einen Professor, der jener Hope Bridget Adams das Leben schwer macht. Wie die fiktive Rosa Koelbl ist auch sie ihrer Zeit weit voraus.
Foto: ZDFEmmy, Grimme-Preis, Deutscher Fernsehpreis – Der ZDF-Dreiteiler "Die Wölfe" hat alles abgeräumt, doch die Programmierung war halbherzig und die Quoten schwach.
Schauspieler schlüpfen gerne in historische Rollen. Das fühlt sich anders an. „In der Vorbereitung ist es schon ein gewisser Reiz, sich die Besonderheiten einer historischen Figur anzueignen, die Art, sich zu verhalten, sich zu bewegen, die Art zu sprechen“, findet Maticevic. „Es ist ein wunderschöner, sinnlicher Moment, das alte Leinen zu tragen, die langen Röcke“, sagt Brigitte Hobmeier und zeigt auf ihre Schuhe: „Das Leder ist so hart, das hat sich nach drei Wochen keinen Millimeter bewegt.“ Das Kostüm ist ein wesentlicher Bestandteil der Rolle. „In unserem Fall betont das Kostüm noch die Strenge der Zeit und gibt einem die entsprechende körperliche Haltung“, so Maticevic. So aufregend historische Rollen für Schauspieler auch sein können – sie bergen auch Gefahren. „Kostümfilm – da war meine größte Sorge: wie wird das aussehen?“, sagt Regisseurin Dagmar Hirtz. Hoffentlich nicht nach Verkleidung! Dass „Bergwehen“ sich authentisch der Ikonografie der Zeit nähert, dafür sorgte der mehrfach preisgekrönte Kameramann Jo Heim, dessen Ausleuchtung sich an den realen Lebensbedingungen orientiert. Auch wenn man Brigitte Hobmeier sofort glaubt, dass sie aus der Zeit kommt – völlig untypisch ist ihre Haarfarbe. Hirtz: „Kein Pfarrer und kein Gemeindevorsteher hätten erlaubt, dass eine Frau mit roten Haaren Hebamme wird.“
Foto: ZDF / ORF / Christian HartmannEine Physiognomie wie aus jener Zeit, Gesichtszüge wie gemalt: Brigitte Hobmeier. "Sie hat ein Gesicht, in das man sich gerne vertieft", sagt Regisseurin Dagmar Hirtz.