• Drehbericht   Heiner Lauterbach ermittelt in Jerusalem

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      Auf einen Blick: Kinokultfilme & Filmgeschichte im Februar

      Ein neuer ZDF-Kommissar in einem Land, das mehr zu bieten hat als Terroranschläge

      Er hat zehn Jahre keinen Ermittler mehr gespielt. Dennoch wünschen sich die deutschen Zuschauer Lauterbach als „Tatort“-Kommissar, wie unlängst eine repräsentative Umfrage einer TV-Zeitschrift ergab. Diesem Wunsch kommt der 55-jährige Schauspieler nun nach. Bedingt. Nicht mit dem ARD-Krimiflaggschiff wird Lauterbach auf Einschaltquotenjagd gehen, sondern im ZDF als marokkanischer Jude, der in Jerusalem Mörder jagt.

      (Text-Stand: 11.11.2008)  Er hat zehn Jahre keinen Ermittler mehr gespielt. Dennoch wünschen sich die deutschen Zuschauer Heiner Lauterbach als „Tatort“-Kommissar, wie unlängst eine repräsentative Umfrage einer TV-Zeitschrift ergab. Diesem Wunsch kommt der 55-jährige Schauspieler nun nach. Bedingt. Nicht mit dem ARD-Krimiflaggschiff wird Lauterbach auf Einschaltquotenjagd gehen, sondern im ZDF als marokkanischer Jude, der in Jerusalem, der Stadt des Glaubens, Mörder jagt. Der Film, an Originalschauplätzen entstanden und gerade abgedreht, ist die Adaption eines Romans der israelischen Autorin Batya Gur. Es soll nicht bei einem Einzelstück bleiben.

      Lauterbach war die Wunschbesetzung. Entscheidend war das Aussehen des Schauspielers, seine natürliche Hautfarbe. Weder Sonnenbank noch Schminkstudio mussten verordnet werden. Beim Blick auf Heiner Lauterbachs Homepage trauten die Mitarbeiter des israelischen Koproduzenten ihren Augen nicht: die meisten hielten ihn für einen Nordafrikaner. Die Tatsache, einen aus Marokko eingewanderten Israeli zu spielen, war für Lauterbach kein Problem. „Ich habe eine innere Einstellung zum Land, zu meiner Figur und zur Geschichte gesucht und gefunden – und das war’s dann“, sagt er. Die Rolle entsprach ihm. „Ich war ja immer schon ein Freund von introvertierten, stillen, geheimnisvollen Figuren."

      Vor größere Herausforderungen sah sich indes der Regisseur gestellt. Mit einem deutsch-israelischen Team zu drehen, sei nicht immer leicht, gesteht Peter Keglevic. „In Deutschland schaffe ich problemlos 25 Einstellungen am Tag, hier komme ich nicht einmal auf 20.“ Gründe dafür sind die unterschiedlichen Mentalitäten. „Bei uns herrscht unglaubliche Ordnung und Disziplin am Drehort, hier hingegen latscht immer mal wieder einer durchs Bild.“ Trotzdem wirkt der Grimme-Preisträger gelöst und bleibt freundlich, auch wenn mal ein Requisit fehlt oder jemand aus dem Team nach geschlagener Klappe mit dem Frosch im Hals kämpft. „Wir versuchen ein bisschen orientalische Gelassenheit zu entwickeln“, ergänzt Lauterbach zwischen zwei Takes. Kommissar Ochajon hat einen von Michael Degen gespielten Anwalt in die Enge getrieben. Die Kamera „schießt“ auf den alten Mann, der eine schwere Schuld auf sich geladen hat. Im Hintergrund Jerusalem, die heilige Stadt, in der es nicht nur Heilige gibt. Dazu ein Rededuell, wie es schon in Gurs Roman angelegt ist. „Das ist nie geschwätzig, das ist Drama, das ist Kampf“, so ZDF-Redaktionsleiter Günther van Endert.

      Batya Gurs Romane sind keine Hochspannungskrimis. Das Genre ist für die 2005 verstorbene Schriftstellerin und Journalistin ein Mittel, um die sozialen und politischen Konflikte Israels zu beleuchten. Ihre sechs Ochajon-Krimis sind im Dienste der Aufklärung geschrieben. In „Denn die Seele ist in deiner Hand“ verarbeitet die Autorin ein Thema, das vielen Europäern nicht bekannt ist. Während der alltägliche Rassismus zwischen Juden und Arabern sich beiläufig in die Beziehungen der Protagonisten schleicht, widmete sich Gur in dem 2001 veröffentlichten Roman den Spannungen innerhalb des jüdischen Volks.

      Die Nordafrika-Juden, die Jemeniten, die Holocaust-Überlebenden und die alteingesessenen Juden stehen sich mitunter verfeindet gegenüber. Und auch von einer historischen Tragödie erzählt die Autorin: Die Juden, die Auschwitz überlebt haben und nach Israel zurückkehrten, blieben meist ohne Kinder. Zeitgleich kamen kinderreiche, jüdische Einwanderer aus dem Jemen ins Land. Um die Jahre 1949/1950 wurden Tausenden Jemeniten ihre Kinder genommen und an andere Familien weitergegeben. Auch der Frau jenes von Degen gespielten Anwalts nahm Mengele die Fruchtbarkeit. Auch dieses Paar bekam ein Kind und es fragte nicht nach dessen Herkunft.

      Israel, da denkt man hierzulande an Nahost-Konflikt, Terroranschläge, Kämpfe im Westjordanland. Vor Ort sieht alles anders aus. Das Leben geht seinen Gang, keine militärische Überpräsenz auf den Straßen. Wäre es anders, hätte es das ZDF kaum gewagt, dieses Prestige-Projekt, dessen Budget mit rund 1,6 Millionen Euro sehr gemäßigt ausfiel, 25 Tage in Jerusalem und Tel Aviv zu drehen. Nicht einmal bei den Stars gab es Probleme, weder mit Lebens- noch mit Filmausfallversicherungen. Auch der Roman zeigt israelische Normalität. „Dass die israelische Gesellschaft bei Gur behandelt wird wie in einem Krimi, der in Deutschland oder Italien spielt, hat uns besonders überzeugt“, sagt ZDF-Mann van Endert. „Es wäre vermessen, wenn wir dem deutschen Zuschauer erzählen würden, was er vom Palästina-Konflikt zu halten habe.“

      Das Projekt angeschoben hatte Filmpool-Produzent Hermann Kirchmann („Eva Blond“). Sein Konzept sieht vor, „das Vertraute“, die Ermittler-Dramaturgie, zu nutzen, um den Zuschauer an „das Fremde“ heranzuführen. „Klassische Unterhaltung mit Mehrwert“ hat Kirchmann im Sinn. Postkartenansichten, wie sie oftmals die „Donna Leon“-Verfilmungen liefern, werden nicht gesucht. „Es würde nicht passen – weil bei uns die historischen Implikationen stärker ausgeprägt sind“, so Kirchmann. „Gurs Figuren sind zerrissener, gespaltener und sie besitzen ein größeres Aggressionspotenzial als die, die in Venedig oder Triest ermitteln.“ Regisseur Keglevic sieht es genauso. „Ich mache keine Beauty-Shots“, sagt er.

      Und so dreht er lieber an der Mauer von Jerusalem oder in einer kleinen unbekannten Moschee, als in der Altstadt, wo sich die Touristen tummeln. Mit viel Atmosphäre will er ein realistisches Bild der Stadt zeichnen. Die Geschichte, das uralt Menschliche, Melancholie, Stimmung Pausen, Stille, das geheimnisvolle, vom Jerusalemer Stein geprägte rötliche Licht – das alles sei das Kapital eines Filmemachers bei einem solchen Projekt. Auf die richtigen Spuren brachte ihn Vorort-Produzent Zvi Spielmann, Urgestein des israelischen Films. Der 83-jährige gebürtige Dresdner war einst Koproduzent von Spielbergs „Schindlers Liste“. Für den ZDF-Film öffnete er Türen und sicherte Locations, die kein deutscher Produzent bekommen hätte. Auch auf die politischen Probleme hat Spielmann eine Antwort: „Wir haben immer arabische Mitarbeiter im Team. Das ist ganz wichtig, wenn wir auf arabischem Gebiet drehen.“

      Die zentrale Rolle vor der Kamera kommt Heiner Lauterbach zu. Er ist der Moderator zwischen Krimi und Historie, zwischen Deutschland und Israel. Bereits am Set erkennt man, wie der Held tickt. Ochajon ist ein markanter, männlicher Typ, zugleich strahlt Lauterbach in seiner Rolle Wärme aus. „Er wirkt ein wenig wie ein trauriger Mann“, beschreibt Keglevic den Helden. Für Lauterbach selbst ist er „ein nachdenklicher bis melancholischer, trotzdem aber wacher, konzentrierter Mensch“. Die Autorin sagte einmal über ihren gebildeten, aufrechten Kommissar, er sei Sprachrohr ihrer israelisch-kritischen Ansichten, ein Mann, den sie mehr möge als sich selbst. Im Roman kommt er gelegentlich wie ein männliches Wunschbild einer intellektuellen Frau daher. „Könnte schon sein“, findet Lauterbach. „Gar nicht mal schlecht in Hinblick auf die vielen weiblichen Zuschauer, die unsere Fernsehfilme sehen!“

      Dem deutschen Publikum sind Lauterbachs Krimiserien „Eurocops“ und „Faust“ offenbar noch in bester Erinnerung. Sonst stände er kaum auf der Ermittlerwunschliste auf Platz 1. Während andere namhafte Schauspieler wie Senta Berger, Iris Berben, Uwe Kockisch, Henry Hübchen, Axel Milberg oder Hannelore Hoger seit Jahren viel für die deutsche TV-Krimikultur tun, nahm Lauterbach nach „Opernball“ und dem Kinoflopp „Schlaraffenland“ keine einzige Kommissar-Rolle mehr an. „Kommissare haben mir längere Zeit einfach nicht in den Kram gepasst“, sagt er. Es gab sogar eine „Tatort“-Anfrage, doch man kam nicht zusammen. Lieber probierte sich der Charaktermime an einer Comedy-Serie. Auch nicht nehmen lassen will er sich neben Kino und Fernsehen seine „Hobbys“ Theater, Hörspiel und die Synchronarbeit. Da ist für Krimis in Serie wenig Platz. Ausnahme: Michael Ochajon. „Bei dem wäre es für mich durchaus vorstellbar, dass noch der eine oder andere Teil folgt.“

      Rainer Tittelbach


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