• Analyse   Arte präsentiert "Summer of the 60s". Die Farben des Pop

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      Elvis, Janis, Beatles, Stones, Beat, Blues, Soul: Dokus, Spielfilme, Themenabende

      Im „Summer of the 60s“ präsentiert Arte in Sachen Popmusik und Zeitgeschichte all das, was vor drei Jahren bei „Summer of Love“ nicht hinreichend gewürdigt wurde. Pop wird in den Sixties zum Synonym für Mode, Lebensstil und jugendliche Aufbruchstimmung. Pop hieß auch: sich freimachen von den Idealen und Idolen der Elterngeneration. Pop wirkte wie ein Ventil. Pop veränderte die westliche Konsumkultur, denn der Teenager wurde zum wichtigen Wirtschaftsfaktor. Die alten Zöpfe waren abgeschnitten – Pop war plötzlich Leitkultur.

      Die 1960er Jahre werden im Rückblick häufig auf Hippie-Kultur und Studentenbewegung reduziert. Doch das Jahrzehnt hatte mehr zu bieten als kalifornische Blumenkinder und die politischen Straßenkämpfe von 1968. Das hat auch Arte erkannt und bringt im Juli und im August einen Programmschwerpunkt, in dem all das aus Pop- und Jugendkultur, was vor drei Jahren im „Summer of Love“ nicht hinreichend in Wort, Bild und Ton gewürdigt wurde, nachgereicht wird. Aufgespürt werden zunächst die musikalischen Wurzeln, die dem Pop zugrunde liegen, einer Musikrichtung, die bald Synonym war für Mode, Lebensstil und jugendliche Aufbruchstimmung. Pop, das bedeutete auch: sich freimachen von den Idealen und Idolen der Elterngeneration. Pop wirkte wie ein Ventil. Pop, das hieß: die Jugend hat das Sagen. Pop veränderte die westliche Konsumkultur, denn der Teenager wurde zum wichtigen Wirtschaftsfaktor. Die alten Zöpfe waren abgeschnitten – und Pop war plötzlich Leitkultur.

      Im Rock & Roll liegen die Wurzeln
      Die Popkultur der 1960er Jahre hat ihren Ursprung im Rock & Roll, der Mitte der 1950er Jahren die brave Nachkriegsgeneration der Eltern schockte. Mit dieser körperbetonten Tanzmusik bekam der Generationenkonflikt einen neuen Ausdruck. Elvis Hüftschwung wurde zum Symbol jener Jahre. Die Lebenslust-Offensive der Jugend traf auf die biederen Konsumträume der Erwachsenen. Ein Film wie „Saat der Gewalt“ (mit Bill Haleys "Rock around the Clock") zeigte das Bild einer neugierigen Jugend, die dem kleinbürgerlichen Mief der 1950er Jahre entkommen wollte. Für konservative Menschen war der Rock & Roll „der Soundtrack zum Fegefeuer“, die Jugend sah in ihm vor allem eine Botschaft: „make love, have fun, let’s rock!“ Radio und Jukebox wurden die Medien der Jugendkultur, die den Sound von Elvis Presley, Chuck Berry, Little Richard oder Bill Haley rasch populär machten. James Dean und Marlon Brando waren Ikonen, die den Zeitgeist im Kino beflügelten.

      Auch der Jazz wirkte in jenen Jahren nach im Pop-Universum. Die lässigen Klänge eines Miles Davis, Charlie Parker oder Chet Baker legten sich über das Alltagsgrau der 1950er Jahre. Wie die Autoren der so genannten „Beat Generation“, Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs, so lieferten auch die coolen Klänge aus den Pariser und New Yorker Clubs den Soundtrack für Beatniks, Modernisten und Existenzialisten. Und mit Stan Getz („Desafinado“) und Sergio Mendes & Brazil 66 ("Mais Que Nada") näherte sich der Jazz der Trendsetter Anfang der 1960er Jahre dem Pop und öffnete sich sogar in Richtung Hitparade. Zeitgleich entwickelte sich in den USA parallel zur Bürgerrechtsbewegung der Soul. Diese Musik, die tiefste Gefühle nach außen kehrt, wurde zur mächtigsten Waffe der Gleichberechtigung der Schwarzen. Die Kirche war in den 1950er Jahren ihr Rückzugsort und zugleich das Konservatorium der angloafrikanischen Musik, aus dem so unterschiedliche Musiker wie Mahalia Jackson, Ray Charles, Sam Cooke, Diana Ross oder Stevie Wonder hervorgingen. Die vierteilige Reihe „Birth of…“ verfolgt die Geburtsstunde jener neuen musikalischen Formen, die in die 1960er Jahre hineinwirkten: Rock & Roll, Cool Jazz und Soul.

      Und dann war plötzlich alles Pop
      Eine weitere Sendung widmet sich dem zentralen Phänomen der Jugendkultur der Sixties: dem Pop. Dieser Musikstil, der beeinflusst wurde von Rock & Roll, Blues-Revival und frühem Beat, kam in England zur Welt. Seine Metropole sollte bald London werden. Das „Yeah, Yeah, Yeah“ der Beatles aus ihrem ersten Nummer-1-Hit „She Loves You“ wird von Musikkritikern oft als Initialzündung des Pop bezeichnet. Die Beatles gelten gemeinhin als die erste Pop-Band der Welt, noch dazu eine, deren Sound nicht industriell weichgespült wurde von der US-Musikindustrie. Anders als die Beatles galten die Rolling Stones als Rock-Band, entstanden aus dem Urgrund des Rhythm & Blues. Während die Fab Four aus Liverpool als Schwiegermutterschwarm durchgingen, waren Mick Jagger & Co bald als die „bösen Buben“ verschrien, obwohl ihnen mit zu verdanken war, dass durch sie der Blues zurück nach Amerika kam und auch dort endlich Muddy Water, John Lee Hooker & Co der verdiente Respekt gezollt wurde. Neben Elvis, James Dean, Janis Joplin werden denn auch den Stones und vor allem den Beatles im Arte-Sommer filmische Einzelwürdigungen gewidmet.

      Auch die leichtere Gangart des Pop findet Eingang in die 12 Themenabende. Der Schlager als ein Ort des deutschen Gemeinschaftsgefühls, der kultur- und zeitgeschichtlich erschlossen wird, kommt zu seinem Recht: von Freddy bis Guildo Horn wird der deutsch-deutsche Mitklatschreflex analysiert. Auch bei uns stürmten die Yéyés, französische Bumblegum-Popstars zwischen Lolita-Charme und cooler Gauloises-Lässigkeit, die Hitparaden. Junge Sängerinnen wie Sheila, France Gall oder Sylvie Vartan bildeten ab den frühen Sechzigern das französische Fräuleinwunder. Aber auch Sänger wie Jacques Dutronc, Michel Polnareff oder Johnny Hallyday machten mit chansoneskem Beats und rauchigem Sprechgesang nicht nur in Frankreich Furore. Sogar Brigitte Bardot machte auf yéyé – mit dünnem Stimmchen, dafür mit sexy-Klangkörper. „Brigitte Bardot – Die Unbezähmbare“ (1968), ein TV-Special mit dem Sex-Symbol ist ein Muss für Stylisten und Design-Liebhaber, für TV-Historiker und Nostalgiker. „Möchten Sie den Abend mit mir verbringen?“, haucht BB in die Kamera, bevor sie mit Serge Gainsbourg „Bonnie & Clyde“, ein frühes Kurzfilm-Meisterwerk präsentiert.

      Francoise Hardy, die schöne Intellektuelle, die sehr stilvoll zwischen Schlager und Chanson ihren Weg ging und sogar Deutsch sang ("Träume"), wird auch mit einem eigenen Porträt gewürdigt, in dem sie sich klug über die typisch französischen Themen äußert, die Kunst des Chansons, das Leben, die Liebe, die Beziehungen zwischen Mann und Frau. Ganz nebenbei ist „Francoise Hardy – Ikone der Melancholie“ auch ein Film über das Altern in Würde. Das Gleiche trifft auf „Joan Baez – How sweet the sound“ zu, ein sensibles Porträt einer außergewöhnlichen Frau, die dem unpolitischen Zeitgeist der letzten Jahrzehnte trotzte und deren wahre Größe sich erst aus dem Lebensweg dieser Ikone der Integrität erschließt.

      Kult-Spielfilme im Sixties-Style
      Ergänzt werden die Dokumentationen durch ausgewählte Spielfilme, die den Zeitgeist der Sixties treffen. Eine liebenswerte, farbenfrohe Hommage an das amerikanische Musical ist Jacques Demys „Die Mädchen von Rochefort“ (22.7.) mit Catherine Deneuve und ihrer in den 1960er Jahren tödlich verunglückten Schwester Francoise Dorleac. Der „Jailhouse Rock“ (29.7.) ist nicht nur einer der besten Rock-&-Roll-Titel von Elvis Presley, es ist auch der Titel einer seiner besten Filme. Außerdem gibt es ein Wiedersehen mit zwei Satiren von Richard Lester: „Wie ich den Krieg gewann“ mit John Lennon und die Swinging-London-Hommage „Der gewisse Kniff“ (beide, 5.8.) mit der vergessenen Sixties-Ikone Rita Tushingham. Louis Malles selbstreflexives V.I.P.-Drama „Privatleben“ (8.8.) mit BB und MM (Marcello Mastroianni) ist ein Meilenstein des modernen französischen Kinos – ebenso wie die Nouvelle-Vague-Klassiker, Chabrols „Schritte ohne Spur“ (12.8.) und Godards „Elf Uhr nachts“ (19.8.), beide mit Jean-Paul Belmondo. Immer wieder Spaß macht auch die Popart-Perle „What’s new Pussycat?“ (29.8.) mit Peter Sellers, Romy Schneider und Woody Allen. Ein deutscher Fernsehfilm, der leider nicht zum Klassiker wurde, ist „Du bist nicht allein – Die Roy Black Story“ (26.8.) von Grimme-Preisträger Peter Keglevic. Christoph Waltz spielt Roy Black, den Schlagersänger, der eigentlich ein deutscher Elvis sein wollte. Das für Premiere und RTL produzierte knallig bunte TV-Movie drückt wenig auf die Tränendrüsen, es weckt vielmehr – wie der ganze „Summer of the 60s“ – nostalgische Gefühle beim Betrachter.

      „Summer of the 60s – eine Auswahl:
      „Francoise Hardy – Ikone der Melancholie“ (22.7., 22.15 Uhr); „Janis Joplin“ (22.7., 23.30 Uhr); „Birth of Rock & Roll“ (29.7., 21.50 Uhr); „Birth of Pop“ (5.8., 22.40 Uhr); „Birth of Cool“ (12.8., 21.45 Uhr); „Birth of Groove“ (12.8., 22.40 Uhr); Elvis-Themenabend (29.7., 20.15 Uhr); Elvis-Thementag (15.8.); „Beatles from Liverpool to San Francisco“ (5.8., 21.40 Uhr); „Brigitte Bardot – Die Unbezähmbare“ (8.8., 21.45 Uhr); „British Blues Explosion – Als in England der Rock ausbrach“ (19.8., 22 Uhr); „Mods & Rockers“ (19. 8., 23 Uhr); Schlager-Abend (26.8., 20.15 Uhr); Themenabend „Jet Set in den Sixties“ (29.8., 20.15 Uhr)

      Rainer Tittelbach


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