Zieglerfilm präsentiert die Ausnahme-Serie vorab auf DVD
Diesen Sommer schlägt wieder die Stunde des Nachwuchses. „Debüt im Ersten“, „Gefühlsecht“ im ZDF: in 17 Filmen werden Visionen entwickelt oder es wird einfach nur vom besseren Leben geträumt. Neben den beliebten Coming-of-Age-Geschichten dominieren die Ausflüge in ferne Länder und fremde Welten. Es ist die Suche nach Heimat, anch der eigenen Identität, die die Filmemacher umtreibt.
Mit schöner Regelmäßigkeit lassen sich im Sommer, wenn der klassische Fernsehfilm Pause macht und der Zuschauer auf Wiederholungen eingeschworen wird, junge Talente und frische Erzählweisen entdecken, die man sonst nur als eifriger Filmfestivalbesucher zu sehen bekommt. Mittlerweile zum zehnten Mal macht die ARD das Sommerloch zum Erlebnisraum für Zuschauer, denen die Fernsehfilme zur Hauptsendezeit zu wenig Visionen und zu viele Konventionen besitzen. „Wir wollen Erstlingsregisseuren außerhalb von Festivals und Hochschulen eine Plattform geben“, sagt Daniela Mussgiller, Redakteurin der „Debüt im Ersten“-Reihe, „und sie sollen in der ARD ihre Chance erhalten und darauf aufbauen.“ Auch das ZDF im Juli holt einige Kino-Koproduktionen aus dem Filmkeller. „Gefühlsecht“ heißt die Reihe, die einige Highlights der seit Jahrzehnten renommiertesten Talentschmiede im deutschen Fernsehen vorstellt, dem „Kleinen Fernsehspiel“. Im Mittelpunkt steht einmal mehr „die Suche nach und das Spiel mit der eigenen Identität“. Die insgesamt 17 Filme sind Visitenkarten von 17 talentierten Filmemachern, die Einblicke geben in den Stand der fimästhetischen Dinge. In ihnen spiegeln sich aber auch die Wünsche, Ängste und Sehnsüchte einer Generation, die sich sucht – aber schwer zu finden vermag.
Für viele beginnt die Suche in der Heimat. Für die einen heißt es Aufbruch, raus aus den Zwängen des Elternhauses, andere indes kehren zurück zu ihren familiären Wurzeln. „Man kann die Menschen aus der Heimat vertreiben, aber nicht die Heimat aus den Menschen“, heißt es in „Baching“ (ARD, 9.8.), einem Drama aus der bayerischen Provinz. Matthias Kiefersauer, dem mit der dialektgefärbten Serie „Franzi“ ein Erfolg auch über den Weißwurstäquator hinaus gelang, zeigt, dass bayerisch nicht immer saukomisch und ernsthaft nicht ohne Witz bedeuten muss. Erzählt wird von sechs Menschen, die in einen tödlichen Unfall verwickelt waren und drei Jahre später versuchen, sich ohne Schuld und Wut wieder zu begegnen. Michael Fitz, Thomas Unger und Bernadette Heerwagen sind die Gesichter, die einen mitnehmen in diese stimmungsvolle Geschichte, die schwer und doch so leicht ist.
In den beliebten Coming-of-Age-Geschichten träumen sich die Protagonisten mit Vorliebe weg aus ihrer momentanen Lebenssituation. In „Meer is nich“ (ARD, 5.7.) ist es die 17-jährige Lena, die kurz vor ihrem Schulabschluss steht und die keine Ahnung hat, was sie danach machen soll. Durch Zufall entdeckt sie das Schlagzeugspielen. Doch ausgerechnet ihr arbeitsscheuer Vater will ihr die Musik verbieten und winkt mit einer Lehrstelle. Hagen Keller verzichtet in seinem Abschlussfilm auf dramaturgische oder inszenatorische Finessen, unverstellt wie die Heldin folgt er ihrem Abnabelungsprozess. Auch wenn in „Mein Freund aus Faro“ (ARD, 21.6.) sich zwei Mädchen ineinander verlieben, ist Nana Neuls erster Langspielfilm keine Coming-out-Geschichte. „Der Film handelt von der Utopie einer perfekten ersten Liebe, die enden muss, bevor sie real wird“, so die Regisseurin. Mel, 22, ist einsam. Da läuft ihr eines Abends Jenny über den Weg. Die 14-Jährige hält sie für einen Jungen. Sie strahlt, sieht süß aus – das fühlt sich gut an. Also wird aus Mel kurzerhand Miguel, ein Portugiese aus Faro. Sie verlieben sich ineinander, doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Schwindel auffliegt. Es ist ein Film FÜR die Generation seiner Protagonisten und weil Neul genau hinschaut und das Reale märchenhaft ins Universale überhöht, muss „Mein Freund aus Faro“, der an den schwedischen Mädchenfilm „Raus aus Amal“ erinnert, jedem gefallen, der die Erzählmöglichkeiten und Utopien des Kinos mag.
„Berlin – 1. Mai“ (ARD, 2.8.) ist ein Gemeinschaftsprojekt junger Filmemacher: drei Regie-Teams, drei Geschichten, ein Ort, ein Tag, gedreht an Originalschauplätzen am 1. Mai 2006. Auch in diesem Film geht es um Heimat: die geistige Heimat. Zwei jugendliche Krawallmacher aus der Provinz, ein 11-jähriger Türke, ein Polizist und ein Alt-87er geraten mit ihren persönlichen Problemen hinein in das explosive Gemisch des legendären Chaostags. „Action“ erleben, cool sein und dazu gehören wollen oder seinen Job machen müssen, sind die Antriebe der vier Hauptfiguren. Resonanzboden für ein musikalisch hippes Teenager-Märchen ist auch in „Leroy“ (ZDF, 14.7.) Berlin. Der Film mit Alain Morel schwingt im multikulturellen Rhythmus der Stadt mit Sounds von Miss Platnum, Jan Delay, Clueso, Seeed, Curse oder Blumentopf. Leroy liest Goethe, spielt Cello und ist schwarz. Auch wenn er die coolste Frisur der Schule hat – zum Aufreißer ist er nicht geboren. Dann lernt er Eva kennen. Sie verknallen sich. „Papa, da ist ein Nigger“, begrüßt ihn der jüngste von Evas fünf Brüdern – fünf Glatzen und extrem rechte Socken. Da besinnt sich Leroy auf die Kräfte seiner angloafrikanischer Vorfahren und lässt sich von Kinoheld Shaft, Malcolm X und Martin Luther King inspirieren. “Es sollte normal werden, in Deutschland schwarz, griechisch, türkisch oder russisch zu sein. Ich möchte mit meinem Film Normalität herstellen – und über etwas lachen können, bedeutet einen Schritt in Richtung Normalität“, so der Filmemacher Armin Völckers.
Die multikulturelle Gesellschaft spiegelt sich zunehmend auch in Stoffen, die in fernen Ländern spielen. Aus der Reise in eine fremde Welt wird eine Reise ins Ich, auf der die Helden die Zwänge der westlichen Zivilisation abzustreifen versuchen. „Nichts als Gespenster“ (ARD, 26.7.), ein Road-Movie nach Erzählungen von Judith Hermann, ist nach dem Generationenporträt der Mittzwanziger, „Wir“ (Eins Festival, 25.6., 2.7.), Martin Gypkens Nabelschau der thirtysomethings. Er dringt in die Gefühlswelten der Generation Golf ein und beweist, dass er der bessere Wim Wenders ist. Und Maria Simon, Brigitte Hobmeier, Jessica Schwarz, Ina Weisse und Fritzi Haberlandt zeigen, dass sie zu den Großen des kleinen Spiels gehören. In „Dr. Alemán“ (ARD, 19.7.) schickt Tom Schreiber einen Medizinstudenten (großartig: August Diehl) für sein praktisches Jahr nach Kolumbien. Im Sog der tropischen Stadt will das Wohlstandskind etwas vom richtigen Leben kosten – und gerät zwischen rivalisierende Banden. Seine fatale Abenteuerlust, gepaart mit der naiven Vorstellung, die ganze Gesellschaft heilen zu können, endet blutig. Der Film mutet wie ein neorealistischer Straßenfilm an – auch wenn das Leben in den Favelas nicht die Wahrhaftigkeit von Filmen von „City of God“ bekommt. Einen authentischeren, weniger eurozentrierten Blick richtet die Marokko-Kennerin Irene von Alberti in „Tangerine“ (ZDF, 19.7.) auf die arabische Welt. Ein deutsches Paar, dessen fragile Beziehung von der Magie der Hafenstadt Tanger auf die Probe gestellt wird, sieht sich konfrontiert mit dem Alltag von Frauen, die nicht in einer Ehe oder als Dienstmädchen enden wollen. Der herausragend inszenierte und mit Nora von Waldstätten und Alexander Scheer perfekt besetzte Film zeichnet ein facettenreiches, nie voyeuristisches Bild von der Prostitution in einem arabischen Land. Eine Ausnahme bei den Auslandsfilmen bildet Maria Schraders „Liebesleben“ (ARD, 12.7.). Es ist die Verfilmung eines israelischen Romans über eine amour fou, spielt deshalb in Jerusalem und ist ausschließlich mit israelischen Schauspielern besetzt. Die Schauspielerin beweist bei ihrem Regiedebüt, das die politische Atmosphäre Israels wunderbar beiläufig einfängt, ihr Gespür für Kinostimmungen.
Von Menschen, die sich zum Überleben ihren eigenen Käfig gebaut haben, handelt „Hundeleben“ (ARD, 28.6.), ein stark besetztes Knastdrama um einen harten Kerl, dem die Aufzucht eines Hundewelpen emotional sichtlich gut tut. Aber auch „Nacht vor Augen“ (ARD, 16.8.), der preisgekrönte Afghanistan-Heimkehrerfilm, und „10 Sekunden“ (ZDF, 21.7.), das überambitionierte Arthaus-Drama um das Flugzeugunglück von Überlingen. Nicht raus aus seiner Haut kann auch der Trickbetrüger in Alexander Adolphs genialer Tragikomödie „So glücklich war ich noch nie“ (ZDF, 2.8.) mit dem begnadeten Devid Striesow als sympathischem Süchtigen, dem das Lügen zur zweiten Natur geworden ist.
Rainer Tittelbach arbeitet seit über 25 Jahren als TV-Kritiker & Medienjournalist. Er ist Grimme-Juror & FSF-Prüfer. Seit 2009 betreibt er tittelbach.tv. Mehr
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