• Analyse   Feierstunden für Fernsehnostalgiker: Loriot, Kuli, Kerkeling, "Millionenspiel", "Kir Royal"

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      Filmgeschichte und Kinokult-Klassiker 02/2012 auf einen Blick

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      Die ARD prägte die Bundesrepublik und sozialisierte die "ersten Fernsehkinder"

      Deutschlands berühmteste Arbeitsgemeinschaft hat Jubiläum: die ARD ist nicht nur ein Spiegel deutscher Zeitgeschichte, sondern sie hat als Leitmedium der 1970er und 1980er Jahre auch das Land mitgeprägt. Vier Filmnächte und zwei Shows halten Rückschau. Die Fiktion mit "Raumpatrouille", "Die Unverbesserlichen", Liebling Kreuzberg", "Kir Royal" oder "Millionenspiel" steht am 16.4. auf dem Programm (ab 23.30 Uhr). Ein Wiedersehen mit Kabarett-Klassikern und Informations-Highlights gibt es am 15.4., mit Talk & Unterhaltung (Loriot, Kerkeling, Harald Schmidt, "Ein Herz und eine Seele") am 17.4. und der 18.4. gehört ab 23.05 Uhr herausragenden Features und Dokumentationen.

      Sternstunden im Ersten
      „Was heute wie ein Märchen klingt, kann morgen schon Wirklichkeit sein, hier ist ein Märchen von übermorgen“, versprach die erste deutsche Science-Fiction-Produktion: „Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion“ besaß durch ihre Stil- und PopArt-Accessoires und durch ihre phantasievolle Hightech-Ausstattung, kreativ simuliert mittels Bügeleisen, Bleistiftspitzern oder Badewanneneinläufen, bereits 1966 hohen Kultfaktor. Unglück an Unglück reihte sich bei Familie Scholz – besser bekannt als „Die Unverbesserlichen“ (1965-71). Robert Stromberger schrieb die Serie nach einem eigenen Bühnenstück. Diese sozialkritische Soap, die Inge Meysel zur Mutter der Nation machte, stand in krassem Kontrast zu gängigen Vorstellungen vom „trauten Heim“. Streit, Unfälle, Scheidung, Arbeitslosigkeit – die Familie, ein einziger Hort von Egoisten. Quotengeilheit und Sensationsgier waren die Themen von Wolfgang Menges „Millionenspiel“ (1970). Eine fiktive Show wurde zum Zentrum eines packenden Thrillers, in dem sich ein Kandidat für die Aussicht auf eine Million Mark von Auftragskillern durch Deutschland hetzen lässt. Der Film wirkte mit seinen News- und Reportageteilen und mit Dieter Thomas Heck als Showmaster so authentisch, dass viele Zuschauer die telegene Menschenjagd für bare Münze hielten.

      Drei Beispiele für großes Fernsehen. Drei Sternstunden der ARD. 20 Millionen Zuschauer waren damals keine Seltenheit. Nur zwei Sender teilten unter sich die westdeutschen Zuschauer auf. Und das Medium Fernsehen war Anfang der 1970er Jahre mittlerweile fast überall zuhause: in 15 Millionen Haushalten stand mittlerweile ein Fernsehgerät. Das Fernsehen war Leitmedium. Die Fiktion war oft mehr als bloße Unterhaltung, selbst in Serien wie „Ein Herz und eine Seele“ um Ekel Alfred fanden die politischen Diskussionen jener Jahre augenzwinkernd Eingang. 1972 präsentierte Dietmar Schönherr die erste Talkshow des deutschen Fernsehens: „Je später der Abend“ war weder marketingbewusster Promi-Treff noch prollige Krawallrunde. Skandale gab es dennoch: als beispielsweise Romy Schneider dem ehemaligen Bankräuber Burkhard Driest ein „Sie gefallen mir, Sie gefallen mir sogar sehr“ zuhauchte. Sendereihen wie „Zu Protokoll“ mit Günter Gaus, „Weltspiegel“, Stefan Trollers legendäres „Pariser Journal“ oder die Reportagen der „Stuttgarter Schule“ wie Roman Brodmanns „Die Misswahl“ (1966) zeigten, dass der gesellschaftliche Diskurs nicht nur im „Spiegel“ oder an den Universitäten stattfand. Während das ZDF auf die Unterhaltungsschiene setzte, profilierte sich das Erste in jenen Jahren vor allem als Informations- und Politiksender. Die Politmagazine „Panorama“, „Report“ und „Monitor“ wurden zu Aushängeschildern des Senders, sie setzten auf investigativen Journalismus und jede Menge Meinung.

      Zum Lachen in den Keller?
      Alle diese Sendungen werden zum 60-jährigen Jubiläum der ARD gewürdigt. Die einen finden vollständig oder in Ausschnitten Eingang in eine der vier langen ARD-Nächte, den anderen wird Reinhold Beckmann in zwei Geburtstagsshows (am 15. & 17.4., 20.15 Uhr) die Ehre erweisen. Dabei wird es auch reichlich zu lachen geben. Dafür geht die ARD in den Keller – und fördert in den Archiven Programmschätze aus sechs Jahrzehnten Fernsehen zutage. Ein bisschen Kabarett muss sein: die Münchner Lach- und Schießgesellschaft, Wolfgang Neuss, Lore Lorentz, Gerhard Polt und Mathias Richling machen deutlich, dass zwischen ihnen und der heutigen Comedy intellektuelle Welten liegen. Weiterhin darf gelacht werden mit „Klimbim“ und Ingrid Steeger, mit Didi Hallervordens „Nonstop Nonsens“, mit „SketchUp“ oder Deutschlands Komiker Nummer 1: Loriot. Seine Komik ist zeitlos. Seine Dialoge sind Preziosen gestörter Kommunikation. Gepflegtes Aneinandervorbeireden als Kunstform machte er hierzulande gesellschaftsfähig. Seine Erben dürfen auch einige Gags zum Besten geben: Hape Kerkelings „Total normal“ und „Schmidteinander“ mit Harald Schmidt und Herbert Feuerstein waren die Oasen in der Unterhaltungs-TV-Wüste der letzten 20 Jahre.

      Dass Unterhaltungspeinlichkeiten, durch die nostalgische Brille gesehen, einen hohen Spaß-Faktor besitzen können, beweisen Sendungen wie „Was bin ich?“, das Ratespiel mit Schweinderl-Freund Robert Lembke, oder das als Moderatoren-Paar weitgehend talentfreie Erfolgsduo Kurt und Paola Felix, die den Selbstläufer „Verstehen Sie Spaß?“ in den 1980er Jahren zu einem zweischneidigen Vergnügen machten. Mit von der Partie ist Show-Dino Hans-Joachim Kulenkampff, der ewige Charmeur und „der erste Stand-Up-Künstler im deutschen Fernsehen“ (Beckmann), dessen „Einer wird gewinnen“ Fernsehgeschichte schrieb. Wehmut kommt auf, wenn man Rudi Carrell, den umtriebigen Holländer, noch einmal in „Am laufenden Band“ miterleben darf, der Show, die den kleinbürgerlichen Konsumfetischismus der Deutschen launig auf den Punkt brachte. Nicht fehlen darf auch Alfred Biolek, dessen „Bio’s Bahnhof“ als Meilenstein der modernen Show gilt.

      Mit der Boulevardisierung der kommerziellen Sender hat auch „die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland“, kurz ARD, ihr Programmprofil grundlegend verändert. Im Jahrzehnt von anspruchsvollen Klassikern wie „Heimat“, „Liebling Kreuzberg“ oder „Kir Royal“ öffnete sich die ARD dem so genannten Format-Fernsehen, zeigte „Dallas“, produzierte selbst mit „Lindenstraße“ die erste reinrassige Soap, sendete die Datingshow „Herzblatt“, bevor man sich in den 1990er Jahren mit dem Boulevardmagazin „Brisant“ oder den Weeklys „Marienhof“ und „Verbotene Liebe“ als Reaktion auf RTL’s Geldesel „GZSZ“ noch weiter in den Niederungen der seriellen Populärkultur ausbreitete. Mit der Umstrukturierung des Ersten ging der Ausbau der Dritten zu Vollprogrammen einher. Die ehemaligen „Bildungssender“ wurden nun als Abspielflächen für Wiederholungen mit regionalen Einsprengseln genutzt.

      Die Zuschauer sind über 60
      60 Jahre ARD, das sind vor allem Feierstunden für Fernsehnostalgiker, für die Generation, die als erste mit Fernsehen groß geworden ist. So notwendig einige Programmreformen auch waren und so sehr sich auch die befürchtete Anpassung an die mindere Qualität der Privatanbieter im Jahrzehnt des so genannten „Unterschichtenfernsehen“ nicht bewahrheitet hat: die goldenen Zeiten der ARD sind vorbei! Weil auch die goldenen Zeiten des Fernsehens vorbei sind. Darüber hinaus lässt sich mit Sendern, deren Durchschnittsalter immer näher an die Pensionsgrenze rückt, kaum so etwas wie eine televisionäre Zukunft gestalten. Neun Landesrundfunkanstalten, drei Digitalkanäle und Gremien ohne Ende tun ein Übriges. Tantchen ARD ist ganz schön schwerfällig. Das ZDF hat es da leichter – macht es zudem aber auch besser mit seinem neuen Digitalkanal ZDF neo.

      Verjüngung und kreative Regenerierung könnte der gebührenfinanzierten ARD am Ende einzig und allein gelingen, weil den Privatsendern in Zeiten der Krise zunehmend die Mittel fehlen. So wie die Fußball-Bundesliga oder Harald Schmidt heimgekehrt sind, so könnte – wie man hört – doch noch was werden aus Günter Jauchs Rückkehr unters öffentlich-rechtliche Dach. Auf Skandale wie die um ihre Sportchefs, um falsch abgerechnete Drehbücher der ehemaligen NDR-Fernsehfilmchefin Doris Heinze oder um Schleichwerbung im großen Stil sollte die ARD dabei besser verzichten. Denn mit dem Image steht es nicht zum Besten. Ebenso besorgniserregend ist die Trivialisierung der Filme, die risikolose Weichspül-Ästhetik zur Prime-Time ("Degetoisierung"), die Show-Einfalt (ein Mal Raab rettet nicht die Unterhaltung im Ersten!) und die skandalösen Programmfriedhöfe der Dritten. Nur gut für die ARD, dass es keine ernsthafte Medienkritik mehr gibt. Also werden sich die rund 20.000 fest angestellten Mitarbeiter erst einmal zurücklehnen – und feiern!

      Rainer Tittelbach


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