„Lediglich auf den Märwert, nicht auf den kulturellen Mehrwert, zielen die Verfilmungen dieser sechs herrlichen und tiefsinnigen Märchen“, schrieb Nikolaus von Festenberg vor zwei Jahren im "Spiegel". Die Zuschauer sahen das ganz anders. Deshalb zog die ARD nach und übertreibt es mit ihrer märchenhaften Aufgeräumtheit und den Manierismen des Genres. Rund um die Weihnachtsfeiertage 2010 gibt es neue Märchen-Streiche – und viele Wiederholungen der alten auf leicht zeitgeistig getrimmten Volksweisen. Hier die Detail-Analyse 2009!
(Text-Stand: 25.12.2009) „Die klugen, harten, auch grausamen Stoffe der Grimms haben Besseres verdient, als pädagogisch einfältig verharmlost zu werden“, schrieb letztes Jahr Nikolaus von Festenberg im „Spiegel“ – und nicht jeder konnte ihm dabei folgen. „Lediglich auf den Märwert, nicht auf den kulturellen Mehrwert, zielen die Verfilmungen dieser sechs herrlichen und tiefsinnigen Märchen“, schrieb der Autor weiter. Deutsches Volkskulturerbe geknüppelt von der Weichspülermentalität der ARD-Tochter Degeto – das klang plausibel. Doch die sechs Märchenfilme ließen sich auch sehr viel wohlwollender betrachten und es ließ sich durchaus ein Mehrwert ausmachen: in Richtung Familienunterhaltung. „Märchen eröffnen auch die Möglichkeit für einen Dialog zwischen Kindern und Erwachsenen – da werden die Ängste nicht länger totgeschwiegen, sondern im Gespräch entschärft“, sagte Andrea Sawatzki letztes Jahr. Der Erfolg von „Sechs auf einen Streich“ ließ erahnen, dass sich Eltern und Kinder am Wohnzimmer-„Lagerfeuer“ bei den Märchen gewärmt haben.
Foto: DegetoAnna Maria Mühe als
"Die kluge Bauerntochter"
Foto: DegetoAnna Fischer in "Die
Bremer Stadtmusikanten"
"Star"-Auflauf mit Gewöhnungseffekt?
Die ARD legt nun nach mit „Acht auf einen Streich“ im Weihnachts- und Neujahrsprogramm. Doch die in Unterhaltungssachen oft unglückliche Arbeitsgemeinschaft meint es etwas zu gut und fährt nun, wie von Festenberg letztes Jahr schrieb, den Unterhaltungsknüppel etwas penetrant aus dem Sack. „Mehr desselben“ ist nur selten das richtige Prinzip für ästhetische Qualität. Außerdem hat sich so manche Produktionsfirma offenbar auf dem Erfolg ausgeruht. Zwar bekommt es der Zuschauer auch dieses Jahr wieder mit einem augenzwinkernden „Star“-Auflauf (Schüttauf, Kirchberger, von Borsody, Tarrach, Wiesinger, Loos, Herfurth, Hübchen, Stadlober, John) zu tun, doch die Inszenierung der acht Filme wirkt mitunter uninspirierter und die visuellen Tricks weniger liebevoll gemacht. Vielleicht ist es auch nur der Gewöhnungseffekt? Letztes Jahr waren die Märchen eine Entdeckung. Eine clevere Reanimation traditioneller Erzählungen. „Sechs auf einen Streich“ verhält sich nun zu „Acht auf einen Streich“ so wie Santanas „Supernatural“ zu „Shaman“.
Märchen sind keine Krimis, die sich beliebig multiplizieren lassen. Und nicht jedes hält der verfilmten Märchen dramaturgisch 60 Filmminuten stand. Die NDR-Mär von den „Bremer Stadtmusikanten“ rettet sich mit Anna Fischer, „Schweinchen Babe“-Anleihen und Promi-Stimmen über die Zeit und ist mit ihren Tiersprech- und Menschgrimassen-Albernheiten eher etwas für die Kleineren. Auch „Der gestiefelte Kater“ lebt mehr vom Musketier-Charme einzelner Situationen und von den komödiantischen Übertreibungen, die das Ganze zu einem ironisierten Spiel-im-Spiel werden lassen, bei dem vor allem Roman Knizka und Jacob Matschenz Sympathiepunkte einholen. Erzählerisch zwingend ist das nicht. Auch „Dornröschen“ hatte man spannender in Erinnerung und die Prinzessin ist zudem zu jung und zu blass besetzt. Allein der atmosphärische Düster-Look im Wechsel mit den lichten Momenten macht den Film von Oliver Dieckmann zumindest ästhetisch ansprechend.
Stilisierung und Verfremdung
Dünn erscheint auf den ersten Blick das Handlungsgerüst von „Die kluge Bauerntochter“. Doch es sind die Rätsel, die die Figuren lösen müssen, die für Abwechslung sorgen. Vor allem aber ist es Anna Maria Mühe, der es gelingt, dieser Geschichte einen poetischen Realismus einzuhauchen. Nicht nur ihre Figur ist ein kluger Kopf, auch die Schauspielerin verzichtet auf Märchenspiel-Manierismen und macht diese MDR-Produktion auch für Erwachsene interessant. Es ist zudem ein Plädoyer für einen klugen, sozial verträglichen, mehr als nur gesunden Menschenverstand. Nebenbei werden in diesem Märchen auch Rollen-Klischees aufgebrochen und die im Genre so häufigen Standesdünkel nicht zementiert.
Foto: DegetoMärchen & erotische Phantasien: "Schneewittchen und die 7 Zwerge". Laura Berllin
Das Abnabelungsmärchen „Rapunzel“ ist zwar ein Musterbeispiel für krankhafte Ko-Abhängigkeit und für die Gier, einen Menschen zu besitzen, doch der Film von Bodo Fürneisen scheitert an den Darstellern von Rapunzel und Prinz. Auch aus Laura Berlin, die Schneewittchen spielt, wird keine Hannah Herzsprung, keine Nina Hoss, wahrscheinlich auch keine Nastassja Kinski. Dafür besitzt sie andere Qualitäten, die in diesem Film voll und ganz zum Tragen kommen. Sie ist fotogen und filmogen, hat Glamour und sie weiß ihre Model-Erfahrung gewinnbringend einzusetzen. Mit Vollblutschauspielern wie Jörg Schüttauf, Martin Brambach und Jaecki Schwarz konnte da nichts schief gehen. „Schneewittchen“ ist der beste der acht Märchenfilme. Bereits der Urstoff ist enorm handlungsstark und konfliktträchtig; dieses Märchen ist ein Meisterwerk der klassischen Dramaturgie. Hinzu kommt, dass Thomas Freundners Auflösung mit einer dichten Montage, einem guten Rhythmus, mit abwechslungsreichen Szenen und Schauplätzen erstklassig ist. Insbesondere in den Innenszenen – bei Kollegen oft als totaler Bühnenzauber inszeniert, der nach Sperrholz und Kostümfundus riecht – sieht man den Unterschied: Freundner arbeitet mit Stilisierung und Verfremdung und erschafft eine eigene Ikonografie, anstatt auf Naturalismus zu setzen.
"Der aufgeräumte Glanz eines Museumsdorfs"
Vom Spiel der Schauspieler getragen wird der standespolitisch wertkonservative Märchenfilm „Die Gänsemagd“. Karoline Herfurth als zur Magd degradierte Prinzessin, die sich nicht wehrt, hat das Mitgefühl auf ihrer Seite, während jeder Susanne Bormanns Zofe, die sich als Prinzessin ausgibt, nur das Schlimmste wünscht, obwohl ihr Sozialneid und ihre Wut nicht ganz unbegründet sind. Dass bei der Vermählung des Prinzen der König alias Henry Hübchen nicht anwesend ist, war offensichtlich ein Resultat der allgemeinen Sparpolitik. Das dritte Highlight neben „Schneewittchen“ und „Die kluge Bauerntochter“ ist „Rumpelstilzchen“. Eine dichte Handlung und die märchentypische Aller-guten-Dinge-sind-drei-Dramaturgie, gewitzte Dialoge und ein spielfreudiges Ensemble, allen voran Gottfried John als goldgieriger König und Robert Stadlober als schadenfreudiges Rumpelstilzchen, lassen keine Langeweile aufkommen in Ulrich Königs Film, dessen Special-Effects sich sehen lassen können.
Foto: DegetoAch wie gut, dass niemand weiß... Robert Stadlober glänzt als Rumpelstilzchen.
Fazit: Mehr und mehr dominiert in den Märchenfilmen der ARD doch der Märwert. „Die Natur, die Schlösser und die Häuser der einfachen Leute erstrahlen – stets bei Sonnenlicht – im pädagogisch aufgeräumten Glanz eines Museumsdorfs. Die meisten Schauspieler mimen selbst verzückt - es ist ja Märchenzeit, zwinkern sie ständig, da kann man dem Affen tüchtig Süßli geben.“ Für dieses Jahr hat Nikolaus von Festenberg gar nicht so Unrecht.