Als Ulrike Folkerts 1989 die „Tatort“-Bühne betrat, war Lena Odenthal die einzige Kommissarin im deutschen Fernsehen. Diese Polizistin, die anfangs noch mit einem männlichen bis androgynen Gestus daherkam, bewegte viel in der TV-Krimilandschaft.
Als Ulrike Folkerts 1989 die „Tatort“-Bühne betrat, war ihre Lena Odenthal die einzige Kommissarin im deutschen Fernsehen. Diese Polizistin, die anfangs noch mit einem männlichen bis androgynen Gestus daherkam, bewegte viel in der deutschen Krimilandschaft. Ob die sonntäglichen Ermittler-Kollegen, gespielt von Andrea Sawatzki, Sabine Postel, Maria Furtwängler, ob die ZDF-Ikonen Bella Block oder Rosa Roth – sie alle kamen (sehr viel) später an die TV-Tatorte. Lena Odenthal ist zugleich die dienstälteste „Tatort“-Kommissarin. Am Sonntag sind es 20 Jahre. Sie stammt aus einer Zeit, in der ein 90-minütiger Krimi noch etwas Besonderes und der Kommissar mehr war als der gute Kumpel von nebenan. Odenthal war noch eine mythische Figur, entstanden aus dem Geiste klassischer Krimihelden.
„Ich wollte auf keinen Fall im Faltenrock auf Stöckelschuhen den Verbrechern hinterher jagen“, erinnert sie sich an ihren Einstand. „Die Neue“ hieß der Film vom Fernsehspiel-Pionier Peter Schulze-Rohr. Michael Mendl spielte einen Serienvergewaltiger, der schnell merkte, dass diese junge Kommissarin nicht zu unterschätzen ist. Es war ein spannender Einstieg, ein Psychothriller, der seiner Zeit voraus war. Die Kommissarin dagegen, burschikos, tatendurstig und zutiefst integer, war noch eine Frau der 1980er Jahre. In Vielem wirkte sie wie die weibliche, verjüngte Ausgabe eines Horst Schimanski. Auch sie zeigt(e) einen Hang zum Einzelgängerischen, zum Eigensinn, zum Selbstdenken. Beide sind für deutsche Verhältnisse sehr physisch. Schimanski trat Türen ein und Odenthal zog bereits im ersten Fall zum richtigen Zeitpunkt ihre Waffe. Es war sicher kein Zufall, dass sich die Kommissarin die ersten Jahre extrem tough gab und ab dem zweiten Fall das lange ihren Stil prägende Outfit, Jeans und Lederjacke, verpasst bekam. Und auch Ludwigshafen liegt wie Duisburg am Rhein – und ist eine Stadt mit ganz ähnlicher sozialer Topographie.
"Bigger than life"
Obwohl gesellschaftliche Probleme oft im Zentrum der Kriminalfälle um die SWR-
Kommissarin stehen, bieten sie oft mehr als wohlfeilen Fernsehrealismus. Immer wieder verpflichtet(e) der Sender selbst geförderte Nachwuchstalente („Debüt im Dritten“), die für ungewöhnliche Bilder und Geschichten innerhalb der „Tatort“-Reihe sorgen. Spätere Meisterregisseure wie Hartmut Schoen, Nico Hofmann oder Nina Grosse bekamen hier ihre erste Chance und nutzten sie, um aus den Odenthal-Krimis atmosphärestarke „Unikate“ zu machen, die einen großen Einfluss auf die Genrefilmlandschaft der 1990er Jahre haben sollten. „Bigger than life“ hieß oft das Motto.
Erst nach fünf Jahren in „Der schwarze Engel“ durfte sich Lena Odenthal verlieben in einen von Dominic Raacke gespielten Kollegen – doch der entpuppte sich als ganz schlimmer Finger. Auch im Jubiläums-„Tatort“ verknallt sie sich in einen, der vor zwölf Jahren seine Frau umgebracht hat. Der Mann hat seine Strafe abgesessen. Odenthal ist fasziniert von ihm. Aber einen Mörder lieben? Könnte das diese Polizistin, die seit 13 Jahren in einer Art offener platonischer Dreiecksbeziehung lebt: da gibt es den Freund und Kollegen Kopper und es gibt das Gesetz, dem sie sich ein ums andere Mal hingibt. Ulrike Folkerts kritisiert das fehlende Privatleben ihrer Hauptkommissarin gelegentlich in Interviews. „Der potenzielle Lover stirbt oder kommt in den Knast“, sagte sie unlängst im „Focus“ und kritisierte die Autoren: Diese würden zwar „in die schlimmsten Gruseligkeiten eines Psychopathen abtauchen, aber keine Phantasie für die Kommissare entwickeln“.
Große Beliebtheit
Ulrike Folkerts ist Schauspielerin. Sie sieht ihre Figur innerhalb des Produktionsprozesses. Aber es gibt auch noch die Zuschauer – und die mögen offenbar diesen Typus Ermittler, der ohne privaten Schnickschnack dem Verbrechen auf die Spur kommt. Jedenfalls rangieren ihre „Tatorte“ seit Jahren weit oben bei den Einschaltquoten und auch bei den Umfragen liegt sie regelmäßig vorn in der Publikumsgunst. „Da Odenthal keine private Geschichte hat, kann ich mich als Autor bei ihr ganz auf den Kriminalfall konzentrieren“, betont Christoph Darnstädt, der den Jubiläumsfilm „Vermisst“ geschrieben hat. In diesem sehr trickreichen, mit einigen überraschenden Wendungen versehenen Krimi darf Odenthal zwar Gefühle entwickeln, aber sie verlassen nicht das Territorium des Falls. Das muss so sein, sonst würde man die Figur beschädigen, glaubt Darnstädt. „Sie ist ganz und gar Polizistin, deshalb muss das Persönliche bei ihr mit den Ermittlungen zu tun haben.“ Odenthal muss in „Vermisst“ einiges aushalten. Der Autor führt sie lange Zeit am Nasenring durch die Krimi-Manege, der charismatische Verdächtige, der auf einem Segelboot lebt, gönnt ihr beim ersten Treffen ein Bad, später bringt er sie ins Grübeln über den Sinn ihres Lebens, und aus dem Beziehungsdreieck wird ein Viereck. Am Ende erliegt Lena Odenthal wie immer dem Gesetz.
Auch wenn die jugendliche Frische deutlich strengeren Gesichtszügen gewichen ist, vermag es Ulrike Folkerts noch immer, ihrer Heldin einen enormen Tatendrang mit auf den Weg zu geben. Dieser Tatendrang ist mehr als ein äußeres Erkennungszeichen, mehr als die Marke „physisch“ und auch mehr als die Sportlichkeit, die Ulrike Folkerts in die Rolle einbringt. Ihrem Handeln liegt vielmehr ein Leiden an der Schlechtigkeit der Welt zu Grunde, die sie problemlos schultert. Dabei trägt sie ihr Leiden heute weniger vor sich her, ebenso wie ihre Wut über soziale Ungerechtigkeiten, die sie in den 1990er Jahren noch gegen Autoritäten Sturm laufen ließ. Sie habe dennoch keine wesentliche Veränderung durchlaufen, glaubt Autor Christoph Darnstädt. Das ist der Vorteil einer Figur mit 20 Jahren Bildschirmpräsenz. Der Zuschauer aktualisiert ständig seine Erfahrung mit der Kommissarin. Er kennt sie wie einen Freund. Zwischen Freunden muss auch nicht mehr alles ausgesprochen werden. Und so kann sie es sich leisten, weniger lautstark die moralische Keule zu schwingen. Odenthal ist äußerlich besonnener geworden, weniger aufsässig. Ein Blick aber in Folkerts Augen – und man weiß genau, was in Odenthal vorgeht.
Weiße Bluse statt Lederjacke
Nur an diesem Sonntag weiß man es mitunter nicht. Lena Odenthal ist fasziniert von einem Mann, der gegen ihr Liebstes, das Gesetz, verstoßen hat. Sie möchte glauben, dass dieser Mann, der sie so wie noch nie zum Grübeln bringt, seine Frau nicht umgebracht hat. Thomas Sarbacher spielt diesen Lebenskünstler. „Wir brauchten einen Mann, in den sich Lena Odenthal glaubhaft verknallen kann. Er ist ja auch Katalysator für ihre Überlegung, weshalb sie so alleine ist. Wir brauchten einen Darsteller, bei dem man sich vorstellen kann, dass er für diese sportliche, moderne, dynamische Frau attraktiv wäre“, betont Regisseur Andreas Senn. Es gibt Momente in diesem atmosphärisch und kühl inszenierten, figurenstarken Krimi, in denen man der oft so strengen Kommissarin einen Neuanfang mit diesem lebensklugen Mörder wünscht. Momente, in denen Folkerts mit wenigen Blicken mehr andeutet über die geheimen Sehnsüchte ihrer Figur als in den 20 „Tatort“-Jahren zuvor. Auch äußerlich hat sie sich verändert. Die Lederjacke hängt ja schon seit Jahren im Schrank. Aber dass sie dem Hausbootbesitzer in adretter weißer Bluse gegenübertritt, das ist schon ungewöhnlich.