• Analyse   Das Beste vom Besten: die 25 FIKTION-Nominierungen für den Grimme-Preis 2013

      WEISSENSEE - Staffel 2 noch mal zur Primetime auf 1Festival: "Mobbing" (18.5., 20.15 Uhr) Auf einen Blick: die Top-Fernsehfilm-Premieren im Mai 2013 "Mein Vater, seine Freunde & das ganz schnelle Geld" (Mediathek) Foto anklicken, bei amazon kaufen & tittelbach.tv unterstützen
      Foto: Zieglerfilm

      WEISSENSEE - Staffel 2

      Zieglerfilm präsentiert die Ausnahme-Serie vorab auf DVD

      Foto: BR / Fischkoesen

      noch mal zur Primetime auf 1Festival: "Mobbing" (18.5., 20.15 Uhr)

      Foto: SWR / ORF / Domenigg

      Auf einen Blick: die Top-Fernsehfilm-Premieren im Mai 2013

      Foto: ZDF / Hartmann

      "Mein Vater, seine Freunde & das ganz schnelle Geld" (Mediathek)

      collina Filmproduktion präsentiert einen Film von Max Färberböck & Ulrich Limmer

      Foto anklicken, bei amazon kaufen & tittelbach.tv unterstützen

      "Das unsichtbare Mädchen", "Der letzte schöne Tag", "Das Ende einer Nacht", "Mutter muss weg", "Der Turm". Das ZDF liegt mit 8 Nominierungen vorn

      Rainer Tittelbach
      2012 war ein gutes Fernsehfilm-Jahr mit den Leuchttürmen „Das unsichtbare Mädchen“ und „Der letzte schöne Tag“ sowie dem historischen Ausnahme-Event „Der Turm“ und dem makellosen Justizdrama „Das Ende einer Nacht“. Schwach einmal mehr die Serien-Kultur: eine Entdeckung gab es allein im Pay-TV mit „Add A Friend“. Dafür gab es im leichteren Fach ein kleines Wunder: „Mutter muss weg“ mit Bastian Pastewka tritt zeitgemäß & filmisch frisch in Loriots Fußstapfen. Die Krimi-Reihen wurden dominiert vom „Polizeiruf“ mit Matthias Brandt und einem ebenso herausragenden wie gewagten „Tatort“, dem Abschied von Mehmet Kurtulus. Überhaupt bestechen etliche Nominierungen durch ihre ungewöhnlichen Genre-Mixturen (u.a. „Riskante Patienten“, „Lösegeld“) und Tonlagen-Experimente (u.a. „Blaubeerblau“, „Sechzehneichen“). Einige Schauspieler sind doppelt vertreten: Devid Striesow, Ken Duken, Bjarne Mädel und die Österreicherin Ursula Strauss, die 2012 endlich auch hierzulande entdeckt werden konnte. Ihr Landsmann Andreas Prochaska wurde als einziger Regisseur doppelt nominiert – mit „Spuren des Bösen 2“ und „Das Wunder von Kärnten“. Die Charts der nominierten Sender führen das ZDF (8), der WDR (6) und der BR (6) an. Bei den Machern „gute Namen“ & die üblichen Verdächtigen: u.a. Stephan Wagner, Rainer Kaufmann,  Adolph, Jeltsch, Steinbichler, Handloegten, Krohmer & Nocke, Ani & Graf, Vattrodt & Geschonneck. Letzterer erhält dieses Jahr auch die Besondere Ehrung.

      "Das unsichtbare Mädchen"
      Foto: ZDF / Julia von Vietinghoff

      Dominik Graf könnte das Dutzend voll machen. Dieses Jahr ist er gleich zwei Mal nominiert:  "Das unsichtbare Mädchen" ist so gut wie gesetzt. Außerdem hat auch sein vielschichtiges Oliver-Storz-Porträt Chancen, ausgezeichnet zu werden.

      Rainer Tittelbach, Macher von tittelbach.tv, ist seit 20 Jahren Grimme-Juror. Dieses Jahr war er Mitglied der 7-köpfigen Nominierungskommission Fiktion.

      • Einzelstücke & Reihen (in alphabetischer Reihenfolge)

      BLAUBEERBLAU (BR/MDR/degeto/ARD)
      Striesow, Erceg, Kunzendorf, Langmaack, Kaufmann. Monsieur Hulot im Sterbehaus
      Einen weltfremden Architekten führt sein Beruf in ein Hospiz. Dort trifft er auf einen todkranken ehemaligen Mitschüler... „Blaubeerblau“ erzählt von einem Mann, der erst mit dem Sterben Erfahrungen machen muss, bevor er mit seinem Leben beginnen kann. Als eine Tragikomödie über den Tod, die Lust auf das Leben machen möchte, hat Beate Langmaack diesen fantasievollen, lebensklugen Film konzipiert. Diese fein gesponnene Dialektik, getragen vom überragenden Duo Striesow/Erceg, ist der Atem dieser wunderbaren 90 Minuten.

      DAS ENDE EINER NACHT (ZDF)
      Auer, Weisse, Vattrodt, Geschonneck. Der Zweifel vor Gericht und beim Zuschauer
      „Das Ende einer Nacht“ ist ein vielschichtiges, beziehungsreiches, hochspannendes  Justizdrama. Ein doppeltes Duell. Gewalt in einer Ehe? Aussage steht gegen Aussage. Ein Prozess voller Widersprüche. „Die Zerrissenheit zwischen juristischem Pragmatismus und moralischer Befangenheit versucht der Film zu zeigen“, sagt Regisseur Matti Geschonneck. Versucht? Nein, in diesem Film stimmt alles: das Thema, die Konstruktion, die Dramaturgie, die Dialoge, die Figurenzeichnung, die Besetzung, die Kamera. Eine emotionale Geschichte, klug, mit kühlem Kopf serviert. Ein perfektes Wechselspiel zwischen öffentlichem und privatem Raum. Ein großes Duell zweier Schauspielerinnen: Barbara Auer & Ina Weisse!

      DAS MEER AM MORGEN (Arte/BR/NDR/SWR)
      Salmain, Matthes, Matschenz, Volker Schlöndorff. Im Angesicht der Nazi-Verbrechen
      Guy Môquet ist das französische Pendant zu Sophie Scholl. Volker Schlöndorff hat dem mit 17 Jahren hingerichteten Flugblattaktivisten einen bewegenden Film gewidmet: „Das Meer am Morgen“ schildert Kriegsverbrechen in Frankreich anno 1941 aus drei Perspektiven. So entgeht Schlöndorff dem Gut-Böse-Schema. Ein Film, der beklommen macht ob der perfiden Mechanismen der Nazis. Eine nachdenkenswerte Auseinandersetzung mit Ernst Jünger!

      DAS UNSICHTBARE MÄDCHEN (ZDF/Arte)
      Noethen, Zehrfeld, Elmar Wepper, Bodenbender, Ani, Graf. An die Grenze gegangen!
      Ein Mädchen ist verschwunden. Es gibt keine Leiche, nur einen vermeintlichen Mörder. Nach einer wahren Begebenheit erzählen Friedrich Ani, Ina Jung und Dominik Graf ihre fiktionalisierte Version jenes Falls aus Oberfranken, hinter dem zumindest ein Polizei- und Justizskandal stecken dürfte. Der Film geht mit seiner Kritik am bayerischen Demokratie-Verständnis noch einen Schritt weiter. Weit geht er auch ästhetisch und dramaturgisch. Noch nie waren deutsche Polizisten so böse, Opfer so unberechenbar und Helden so gewaltbereit. Noch nie wurde das Thema Kindersex so schonungslos und unaufgeregt dargestellt. Ein temporeiches, hoch dynamisches Krimidrama in rauen Bildern und mit einer Montage, die noch wirklich etwas erzählt. Eine Wucht: Ulrich Noethen und Silke Bodenbender.

      DAS WUNDER VON KÄRNTEN (ZDF/ORF)
      Ken Duken, Julia Koschitz, Andreas Prochaska. Helden-Saga im "Emergency Room"
      Kärnten 1998, ein dreijähriges Mädchen fällt in einen Teich, ist fast 30 Minuten unter Wasser, bevor die Eltern helfen können. Ein hoffnungsloser Fall. Doch ein Herzchirurg gibt nicht auf – und rettet das Mädchen. „Das Wunder von Kärnten“ entstand nach einer wahren Begebenheit. Eine wundersame Geschichte, wunderbar filmisch von Andreas Prochaska erzählt, obwohl der Stoff einen dramaturgischen Drahtseilakt für einen 90-minütigen Fernsehfilm darstellt. Erzählökonomisch macht der Film alles richtig. Und Ken Duken ist die Idealbesetzung dieses „Helden der Arbeit“. Makellos auch Julia Koschitz. Nichts für Krankenhaus-Phobiker.

      "Das Ende einer Nacht"
      Foto: ZDF / Martin V. Menke

      Trotz Deutschem Fernsehpreis: An Barbara Auer & Ina Weisse in Geschonnecks "Das Ende einer Nacht" kann die Grimme-Jury eigentlich nicht vorbeigehen.

      DER LETZTE SCHÖNE TAG (WDR/ARD)
      Wotan Wilke Möhring, Julia Koschitz, Dorothee Schön, Johannes Fabrick und eine Restfamilie nach dem Selbstmord der Mutter... Ein wegweisender Themenfilm!
      Alle 45 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben. Ein tabuisiertes Thema, auch im Fernsehfilm. „Der letzte schöne Tag“ erzählt davon, was der Selbstmord für die Hinterbliebenen bedeutet. Ein wahrhaftiger Film, der das Erzählte vom Ballast dramaturgischer Wendungen befreit, der davon lebt, dass er den erzählten Zeitrahmen klein hält und sehr genau hinschaut. Er findet eine emotionale Gemengelage vor aus Trauer, Selbstvorwürfen, Ohnmacht, Einsamkeit und Wut. Paradebeispiel für situativen Realismus & kreative Empathie seitens des Zuschauers. Perfektes Buch, überragende Schauspieler, sensible Regie.

      LÖSEGELD (WDR/ARD)
      Maticevic, Ulrike Tscharre, Stephan Wagner & Menschen, die tun, was sie tun müssen
      Das Mädchen und der Kommissar. Sie hat Diamanten unterschlagen, er soll ihr auf die Schliche kommen. Sie bittet um Polizeischutz, er gibt ihr mehr als das. Beide verlieben sich ineinander... „Lösegeld“ steht in der Tradition des französischen Films und der Krimi-Thriller zunehmend im Schatten des Melodramas. Versuchung, Verführung, Lust – und die Wahrheit der Liebe obsiegt über die kriminelle Energie. Maticevic und Tscharre sind eine traumhafte Besetzung. Ein Film voller magischer Momente. Einfach, essentiell und sehr effektiv.

      MUTTER MUSS WEG (ZDF)
      Bastian Pastewka, Judy Winter, Marc Terjung, Ed Berger. Ödipussis kleiner Bruder
      Wie schön könnte das Leben sein für den 40-jährigen Tristan ohne die Frau Mama! Seine Tötungsphantasien werden immer realer: „Mutter muss weg“ – ein Auftragskiller soll helfen. Doch das von Bastian Pastewka gespielte Muttersöhnchen knickt immer wieder ein. Mutter kommandiert & schikaniert ihn. Der Film von Edward Berger nach dem Buch von Marc Terjung ist die Komödie des Jahres. Top-Buch, böse & atemberaubend seine Wendungen, geschliffene Dialoge, wunderbare Inszenierung, perfekt getimt, göttliche Schauspieler.

      POLIZEIRUF 110: SCHULD (BR/ARD)
      Brandt, Sturm, Steinbichler, Kolditz. Zutiefst menschlich und ästhetisch brillant
      Ein Dorf macht gegen einen Mörder mobil. Kommissar von Meuffels muss den Freigesprochenen schützen – und versucht, ihm ein Geständnis abzutrotzen. Handlungsort ist das Heimatdorf von Anna. Ihre Schwester wollte den Mörder heiraten... Es brodelt von Anfang an in diesem „Polizeiruf 110“ mit Matthias Brandt – es zieht einen hinein in die Ursuppe der bayerischen Lebensart. Es wird gebrüllt, geweint, geschlagen – und der Herr Baron gibt den Schimanski. Licht und Dunkel, Aktion und Stille sind die Wegweiser durch diesen dramaturgisch dichten, spannenden Film. Das ist großes Fernsehen. "Freibier für alle!"

      RISKANTE PATIENTEN (WDR/ARD)
      Striesow, Nocke, Krohmer treiben ihr Spiel mit Thriller, Krebsdrama, Wohlfühlfilm
      Der kriminelle Ex seiner Freundin zwingt einen freundlichen Heilpraktiker in eine ihm fremde Welt – und plötzlich ist auch für ihn ein physische Gewalt nichts Außergewöhnliches mehr. „Riskante Patienten“ ist eine rabenschwarze Komödie von Daniel Nocke und Stefan Krohmer. Die Ausgangsidee verfängt wunderbar, weil die Bedrohung sehr real und physisch spürbar wird. Gewiss, die Coen-Brüder standen Pate – dramaturgisch aber, gerade was die Austarierung von Nähe und Distanz, Identifikation und Spiel, TV-Realismus und Genre-Parodie angeht, braucht dieser perfekte TV-Film solche Kino-Referenzen nicht!

      "Der letzte schöne Tag"
      Foto: WDR / Willi Weber

      DAS Drama 2012: "Der letzte schöne Tag". Wotan Wilke Möhring, Julia Koschitz

      SECHZEHNEICHEN (HR/ARD)
      Makatsch, Waschke, Handloegten. Bunker-Idylle, Männer-Bünde, Sixties-Style
      Das Glück wohnt hinterm Schlagbaum. „Sechzehneichen“ erzählt vom Leben in einer „Gated Community“. Es ist ein Leben in einem ebenso geschützten wie reglementierten Raum, in dem sich alles kontrollieren lässt. Selbst initiierte „Spielchen“ sorgen für sexuelle Abwechslung. Handloegtens Film führt den Zuschauer in eine höchst obskure Welt aus Männerbündelei und weiblicher Unterwürfigkeit, in ein perverses Biotop, in dem der Mann das Maß aller Dinge ist und die Frau als Lust-Objekt ihre Erfüllung findet. Bunuel & Antonioni lassen grüßen. Ein eigenwilliger, stilsicherer Fernsehfilm. Nichts für deutsche Geschmacks-Spießer!

      SPUREN DES BÖSEN: RACHEENGEL (ZDF/ORF/ARTE)
      Ferch, Elsner, von Thun, Strauss, Prochaska. Kluge Köpfe, kranke Seelen – Wien
      „Racheengel“ ist die zweite Episode der losen Psychokrimi-Reihe „Spuren des Bösen“. Regisseur Prochaska, Autor Ambrosch und Hauptdarsteller Heino Ferch gehen konsequent den Weg der Reduktion weiter. Es ist ein ungemein intensiver, angenehm unblutiger Film. Freudsche Todessehnsucht belebt die durchweg spannenden Charaktere und liegt über den Bildern eines Wiens im exklusiven Dämmerzustand. Starke Ausstattung, meisterliche Kamera, knappe Dialoge und Szenen, deren Intimität beängstigend ist. Ein Film, der verführt.

      TATORT: DIE BALLADE VON CENK UND VALERIE (NDR/ARD)
      Kurtulus, Harfouch, Glasner. Schmutzige Tragödie um Krankheit, Liebe, Wahnsinn
      Cenk Batu alias Mehmet Kurtulus tritt ab mit einem televisionären Paukenschlag. Ein „Tatort“ als todessehnsüchtige Ballade, komponiert wie ein Song, atmosphärisch, pulsierend, physisch und thematisch spektakulär: Der Kanzler soll getötet werden – und Cenk Batu soll es übernehmen. Und auch der Finanzmarkt bekommt (surreal!) ziemlich was ab! Kamera von Meisterhand, gigantischer Schnitt, soghaftes Sounddesign, grandioses Spiel. Harfouch als autistischer Killer, der aus einem Vakuum kommt, ohne Psychologie und doch zutiefst stimmig. Auch Batu mutiert zur Menschmaschine. Das ist „bigger than life“. Intelligentes, wildes Fernsehen! Dieser „Tatort“ bietet reichlich Stoff für heiße Diskussionen!

      TATORT: DER TIEFE SCHLAF (BR/ARD)
      Nemec, Wachtveitl, Fabian Hinrichs, Alexander Adolph. Kollege Nervensäge
      Ein Mädchen ist ermordet worden. Leitmayr & Batic kommen nicht weiter, weil der neue Hiwi die beiden mit seinen ständig neuen Hypothesen auf Trapp hält. Bald nervt jener Gisbert nur noch. Erst nach einer Stunde erfährt man, weshalb er sich so sehr in den Fall verbissen hat. Alexander Adolph ist ein intelligenter „Tatort“ gelungen, der mit reduzierter Handlung, mit Poesie, einer effektiven Rückblendentechnik und mit feinsinnigem Witz zu punkten weiß, bevor er die Helden und den Zuschauer im Schlussdrittel in eine Schockstarre versetzt.

      ÜBER UNS DAS ALL (WDR/ARD)
      Sandra Hüller, Georg Friedrich, Jan Schomburg. Vom Doppelleben zur Doppelliebe
      Martha und Paul sind ein glückliches Akademikerpärchen. So scheint es. Dann begeht Paul Selbstmord. Sein Leben war eine einzige Lüge. Das gemeinsame Glück war eine Illusion. Marthas Reaktion: Sie will die Liebe wiederfinden – und entdeckt Paul in Alexander. Der Wahnsinn hat Methode in „Über uns das All“. Hüller spielt himmlisch „unpsychologisch“, ihre Martha steckt voller Überraschungen, und vieles ist denkbar in dieser glasklar erzählten, wunderbar rätselhaften, aber nie anstrengend verrätselten Kino-Koproduktion!

      ZAPPELPHILIPP (BR/ARD)
      Beglau, Zertz, Walther, ADHS und eine Lehrerin, die hinter den Kids verschwindet
      Eine Lehrerin aus Leidenschaft bekommt die Grenzen des (Schul-)Systems zu spüren. Einen Problemschüler mit ADHS will sie in ihre Klasse integrieren und ihm Medikamente ersparen. Bibiana Beglau spielt jene Hannah als Herzlichkeit in Person, als Fleisch gewordene Empathie, stets bereit, für Schüler, Lehrer und Eltern gleichermaßen Verständnis aufzubringen. Silke Zertz und Connie Walther gehen die „Problematik“ des Films nicht monokausal, sondern strukturell an. Wahrnehmungsphilosophie dominiert über Küchenpsychologie und Pädagogik-Einmaleins. „Zappelphilipp“ wirft viele Fragen auf und ist auch filmisch ein „Erlebnis“!

      Bastian Pastewka in "Mutter muss weg"
      Foto: ZDF / Julia Terjung

      Loriot hat seinen würdigen Nachfolger gefunden: Pastewka in "Mutter muss weg"

      • Serien & Mehrteiler

      AUFSCHNEIDER (ORF/Arte) (3sat, 29./30.1.)
      Josef Hader, David Schalko & die schräge Perspektive auf die Wiener Seziertische
      In Wien wohnt der Tod. „Aufschneider“ mit Josef Hader spielt mit diesem Mythos. Keiner kann mit mehr Schmäh, Witz und Sarkasmus das pralle Leben zwischen Leichen erzählen als unsere südlichen Nachbarn. Ein hinreißend schräger und skurriler Spaß um einen ebenso erfolgreichen wie schroffen Pathologiechef, der im Privatleben ein Totalversager ist. Trocken im Witz, doppelbödig und eine ungewöhnliche Fernsehvariante des Pathologenberufs.

      DECKNAME LUNA (ZDF)
      Mühe, George, Ferch. Die Sechziger: Kalter Krieg, Raumfahrt, Familiengeheimnisse
      „Deckname Luna“ ist ein Film über den Kalten Krieg, über Spionage und die Eroberung des Weltraums. Aber auch ein Film über das Erwachsenwerden, das Hineinwachsen in eine von kühlem Pragmatismus geprägte Zeit, ein Film, der zugleich etwas von der Faszinationskraft der Technik und dem unbeugsamen Zukunftsglauben der 60er Jahre spiegelt. Christian Jeltsch & Monika Peetz sowie Ute Wieland setzen auf einen spannenden Genre-Mix: Einer Familien-Geschichte und einem Ost-West-Drama werden die Daumenschreiben des Spionage-Thrillers angelegt und das Ganze beeindruckend durch den Wolf des Wohlfühlfilms gedreht.

      DER TURM (MDR/degeto/BR/NDR/WDR/SWR/rbb/ARD)
      Liefers, Michelsen, Kirchner, Tellkamp. Niedergang einer Familie, Agonie der DDR
      „Der Turm“ erzählt vom Niedergang der DDR, von einer "bildungsbürgerlichen" Familie, die zwischen Opportunismus und Trotz nach Nischen im realen Sozialismus sucht. Der Zweiteiler nach Tellkamps Roman zeigt, wie Ideale an den Mauern der ideologischen Diktatur zerschellen. „Der Turm“ ist eine beispielhafte, klug montierte Literaturverfilmung. Ein Film, der aus seinen Charakteren lebt. Ein Stück gelebte Geschichte. Die DDR auf der Couch, aber auch eine Familie wird Opfer ihrer Zwänge. Kein Event-TV – ein Fernsehereignis!

      LETZTE SPUR BERLIN (ZDF)
      Hans-Werner Meyer, Jasmin Tabatabai, Susanne Bormann. Dramen der Vermissung
      Die Folgen der ZDF-Serie „Letzte Spur Berlin“ beginnen nicht mit dem genreüblichen Mord. Diese Berlin-Krimis öffnen sich dadurch stärker dem Drama. Der Zeitfaktor ist noch entscheidender und der moralische Druck für die Kommissare noch größer. Wenn sie gut sind, können sie Leben retten! „Hoffnungskrimis“ nennt „KDD“-Erfinder Orkun Ertener sein neues Serien-Baby. Ein gutes Darsteller-Team, vor allem die Mädels sind angenehm wenig dem TV-Mainstream verpflichtet. Top-Autoren, Top-Regisseure, Top-Gastschauspieler!

      • Spezial

      Szenenbild (Oliver Munck), Kostümbild (Petra Neumeister), Maske (Fay Hatzius) und Trickgestaltung (Thomas Mulack) für „Hänsel und Gretel“ (rbb/SR/ARD). Höhepunkt der mittlerweile auf 26 Filme angewachsenen ARD-Märchenfilmreihe. Vom Düster-Look geht es ins vermeintliche Paradies, dann obsiegt das Schreckliche, bevor ein bezauberndes Wohlfühlende große und kleine Zuschauer gleichermaßen glücklich aus dem Film entlässt. Wunderbar dicht, bezaubernd gespielt, filmisch aufregend, verführerisch, magisch, berührend. Eine Sternstunde der verschiedensten Gewerke der Filmproduktion.

      Anke Greifeneder (TNT) und Quirin Berg (Wiedemann & Berg) für Idee und Konzeption der Serie „Add A Friend“ (TNT Serie)

      Familienbild mit Kerzenständer: "Der Turm"
      Foto: MDR / Nik Konietzny

      "Und wer kriegt denn nun den Grimme-Preis?" Bei den Hoffmanns stellten sich 1983 andere Fragen. Für Macher & Akteure von "Der Turm" indes keine abwegige Frage!

      KNAPP DIE NOMINIERUNG VERPASST (Nachnominierungskandidaten)

      • Fiktionales in der Sparte Unterhaltung

      DER TATORTREINIGER (NDR)
      Bjarne Mädel, Mizzi Meyer & Arne Feldhusen. Bauernschlaues Blutschrubben
      Mit scharfen Chemikalien und dem Herz am rechten Fleck trifft Heiko „Schotty“ Schotte am Tatort ein, bevor er mit Kraft und praktischer Intelligenz seinen Mann steht. Selbst im Disput mit Neonazis oder einem Mörder gibt „Der Tatortreiniger“ eine gute Figur ab. Das ist vor allem Hauptdarsteller Bjarne Mädel („Mord mit Aussicht“) und Drehbuchautorin Mizzi Meyer zu verdanken. Die drei neuen Folgen halten das hohe Niveau der preisgekrönten Serie.

      GÖTTER WIE WIR (ZDF-Kultur/ZDF)
      Carsten Strauch, Rainer Ewerrien, ZDF-Kultur. Witzeln über die Schöpfung der Welt
      Eine pfiffige Idee, ein göttliches Zweigestirn in Bieder-Outfit die großen Themen der Menschheitsgeschichte – von Adam und Eva über das Casting der Heiligen Drei Könige bis hin zu Jesus Reloaded, der vom Papst gen Himmel zurückgeschickt wird – kompakt und temporeich in 15 Minuten zu erklären. Gäste: Herbst, Avelon, Moor. Das ist nicht immer komisch, aber als Serien-Format für ZDF-Kultur passend – und erfrischend anders!

      MORD MIT AUSSICHT (WDR/ARD)
      Caroline Peters, Bjarne Mädel, Meike Droste. Haas bleibt da, wo sie nie hin wollte!
      Es wird nun doch nichts aus Köln – Sophie Haas bleibt der Eifel erhalten und Hengasch in  leidenschaftlicher Hassliebe verbunden. 13 neue, skurrile Geschichten um das Provinz-Revier mit Phlegma-Dietmar und Wirbelwind Bärbel stehen dem Schmunzel(krimi)fan ins Haus. Wunderbar: Caroline Peters massiver Gesichtseinsatz & Bjarne Mädels köstlich entschleunigte Körpersprache. Das Beste, was der ARD seit langem in Sachen Serie eingefallen ist.

      ALLE WEITEREN NOMINIERUNGEN FÜR DEN GRIMME-PREIS 2013:
      Information & Kultur / Unterhaltung / Besondere Ehrung

      Ursula Strauss & Heino Ferch in "Spuren des Bösen - Racheengel"
      Foto: ZDF / ORF / Domenigg

      In Andreas Prochaskas "Spuren des Bösen – Racheengel" hat Heino Ferch zu alter Klasse zurückgefunden. An seiner Seite: Ursula Strauss, die auch im nominierten Hader-Zweiteiler "Aufschneider" zu sehen ist. 2010 und 2011 "Romy"-Gewinnerin, 2012 gab's für sie den Österreichischen Filmpreis. Ihre leicht mit Wiener Schmäh durchsetzte Krimiserie "Schnell ermittelt" (seit 2009) sollte 2012 im SWR-Dritten laufen. Sollte... Neben "Racheengel" ist noch ein zweiter Film vom österreichischen Ausnahmeregisseur nominiert worden: "Das Wunder von Kärnten" mit Ken Duken (auch der doppelt dabei). Der Film bekam 2012 den Bayerischen Fernsehpreis.

      Rainer Tittelbach arbeitet seit über 25 Jahren als TV-Kritiker & Medienjournalist. Er ist Grimme-Juror & FSF-Prüfer. Seit 2009 betreibt er tittelbach.tv. Mehr


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