Liebe, Verrat und Politik sind seine Themen, er ist ein Meister der Kolportage und ein Botschafter der besseren Welt. Seine Bücher wurden rund 75 Millionen Mal verkauft. Johannes Mario Simmel erlebt seine Renaissance im Fernsehen. „Und Jimmy ging zum Regenbogen“ ist etwas langatmig und wortlastig geraten und lässt Zweifel aufkommen, ob der "Simmel-Touch" taugt fürs moderne, sinnliche TV-Movie.
(Stand: 14.9.2008) Liebe, Verrat und Politik sind seine Themen, er ist ein Meister der Kolportage und ein Botschafter der besseren Welt. Seine Bücher wurden rund 75 Millionen Mal verkauft, in 34 Sprachen ist er übersetzt worden, doch von der Kritik wurde Johannes Mario Simmel lange Zeit verachtet. Erst seine jahrzehntelange Beharrlichkeit in Sachen Antifaschismus, seine moralische Redlichkeit und sein beständiges Bemühen, gesellschaftlich relevante Stoffe populär verpackt an die Leser zu bringen, haben ihn nach und nach die Anerkennung zu teil werden lassen, die ihm gebührt. Für das deutsche Kino der 70er Jahre, das künstlerisch vom Neuen Deutschen Film und kommerziell vom Sexfilm beherrscht wurde, waren seine politisch hochkorrekten Stoffe mit dem nöti-gen Hauch Verruchtheit und Romantik die ideale Fundgrube für den Zeitgeist. Die acht Simmel-Ver-filmungen jener Jahre wurden allesamt Kinohits.
Da wundert es einen nicht, dass sich ein rühriger Filmproduzent wie Oliver Berben an diese „German Classics“ erinnert, die PopArt und Mainstream, Kolportage und Kitsch so erfolgreich vermengten. Auf die Idee, Simmel fürs Fernsehen zu entdecken, sind auch andere Produzenten vor ihm gekommen. Doch er hatte das Glück, dass Mutter Iris Berben und den „Meister des Alptraums“ eine langjährige Freundschaft verbindet. Auch Carlo Rola, der Hausregisseur der Berbens, kennt Simmel gut.
Dennoch zog sich die Vorbereitungsphase fast ein Jahrzehnt hin. „Wir brauchten allein vier Jahre, bis wir die Rechte zusammen hatten“, so Oliver Berben. „Liebe ist nur ein Wort“, „Niemand ist eine Insel“ und „Alle Menschen werden Brüder“ befinden sich derzeit in der Entwicklungsphase. Zwei Filme sind bereits im Kasten, „Gott schützt die Liebenden“, der noch auf einen Sendetermin wartet, sowie „Und Jimmy geht zum Regenbogen“. Der Film um alte Nazis und das dubiose Treiben der Geheimdienste, um die Schuld der Väter und die Unwissenheit der Kinder macht den Auftakt zur Simmel-Collection im ZDF.
Erzählt wird – wie so oft in so genannten Event-Movies – die Geschichte eines Codes. Mit den Worten „Und Jimmy ging zum Regenbogen“ kommt Manuel Aranda der Arbeit seines Vaters, der einen argentinischen Chemiekonzern leitete, auf die Spur und er kommt ihm damit näher, als ihm lieb ist. Der über 80jährige deutschstämmige Wissenschaftler befindet sich auf einer Europa-Reise, als er von einer Rentnerin in Berlin scheinbar grundlos ermordet wird. Die Polizei stellt es als die Tat einer geistig Verwirrten dar und legt den Fall zu den Akten. Doch der aus Argentinien eingeflogene Sohn glaubt nicht an die offizielle Version. Ausgerechnet in der Enkelin der Mörderin, der dunkelhäutigen Polizistin Irene Waldeck, findet Aranda seine einzige Verbündete. Auch wenn es ihm anfangs nicht gefällt, mit dem Fleisch und Blut der Mörderin seines Vaters gemeinsame Sache zu machen, so bleibt ihm doch nichts anderes übrig. Denn er ist in Gefahr. Mehrere Agenten sind auf ihn angesetzt: die einen wollen ihn töten, die anderen wollen ihn lebend, weil sie sich wichtige Informationen von ihm versprechen. Da ist es nicht verkehrt, jemanden an der Seite zu haben, der sich mit Waffen und bösen Buben auskennt.
Autor Jürgen Büscher und Carlo Rola ver-legten die Handlung in die 90er Jahre. „Damit war der Zusammenhang zum Dritten Reich noch möglich“, so Produzent Oliver Berben. Auch sonst wurden kräftigere Striche in Simmels Roman gemacht, als es 1971 Manfred Purzer tat. „Das Bemühen, ein Buch eins zu eins zu verfilmen, ist meist schädlich“, findet Berben. „Man muss vielmehr versuchen, den Geist des Buches, den Geist der Geschichte in den Film zu bringen.“ In diesem Falle heißt das: den Simmel-Touch. Auch Regisseur Rola wollte dem Autor filmisch näher kommen als die filmsprachlich überdrehten 70er-Jahre-Verfilmungen. „Alfred Vohrers Filme haben meine Inszenierung nicht beeinflusst, mein Kameramann Frank Küpper und ich wollten eine heutige Bildsprache entwickeln: eine Art Simmel-Optik.“ Einzige Reminiszenz an den heute reichlich trashig wirkenden „Jimmy“-Film von 1971 ist Judy Winter: damals wie heute spielt sie Nora Hill, jene geheimnisumwitterte Doppelagentin mit Bordellbetrieb. Im Vohrer-Film, der mit langen Rückblenden in die NS-Zeit arbeitet, bekam die damals 25-jährige Schauspielerin in den Jetztzeit-Szenen die Maske einer über 50-Jährigen verpasst. Rolas Film indes, der nur mit kurzen Flashs in das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte leuchtet, zeigt Judy Winter allein als jene in die Jahre gekommene Ost-West-Agentin, als ein Gesicht, in dessen Falten sich der Kalte Krieg tief eingegraben hat.
„Und Jimmy ging zum Regenbogen“ anno 2008 ist nicht unbedingt der Krimi-Thriller, auf den wir alle gewartet haben. Wirkten die Simmel-Verfilmungen der 70er Jahre wie die mit optischen Gimmicks aufgepeppten Nachfahren von Opas Kino, die auf James Bond und „Love Story“ machten, setzen Rola & Co heute auf den „Look“ der televisionären Neuzeit.
Der Ausstatter hat wie immer bei Rola viel zu tun. Noble Architektur, edles Design, kühle Blicke zwi-schen Heino Ferch und Dennenesch Zoudé als das nach der Wahrheit suchende Paar, die sich erwartungsgemäß im Verlauf des Films erwärmen. Hinzu kommt eine moderne, bewegliche Kamera und eine klare, geradlinige Montage, alles vom Feinsten also – und doch wirkt die ZDF-Neuverfilmung etwas langatmig und bleibt seltsam blutarm.
Die Erstarrung von dem großen Namen? Oder ist es Simmel selbst, der dem Film nicht gut tut? Der Autor besitzt einen unheilvollen Hang zum Kalenderspruch. Solange ein solcher Gemeinplatz nur den Titel eines Buchs oder Films ziert, mag er als PR-Vehikel funktionieren. Wenn diese Sprache der bedeutungsvollen Worte aber in Filmdialogen überhand nimmt und wenn die Vergangenheit allein mit Worten erklärt wird, dann hört man das Papier laut rascheln. Simmel ist ein Autor der Begriffe, dem man trotz seines Faibles für das Sujet Liebe nicht gerade einen Sinn für Sinnlichkeit nachsagen kann. „Es tut weh, einen Onkel gefunden und doch verloren zu haben“, „es ist, als ob ich unter einem großen schwarzen Schatten stehe“ oder „es vergeht keine Minute, in dem ich nicht an ihn denke“ – solche Sätze, die Gefühle reflektieren, statt sie unmittelbar auszudrücken, sind typisch für Simmel, dem modernen, gefühlshungrigen (Fernseh-)Film aber entsprechen sie nicht. Dabei hatte sich Rola das alles ganz anders vorgestellt: „Es war mir wichtig, dass die Figuren ungeschützt durchs Leben gehen, dass sie sich den Zuschauern offenbaren – nicht intellektuell, sondern emotional.“