• Analyse   Wehmut kommt nicht auf beim "Tatort"-Abschied von Robert Atzorn

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      Seine „Tatorte“ litten unter falschem Aktionismus: „Und tschüss“ (ARD, 21.45 Uhr)

      Schon beim Namen fing es an. Der „Tatort“-Kommissar Jan Casstorff war keiner, zu dem man als Zuschauer schnell Zugang fand. Zwischen hanseatisch kantig und freundlich kollegial führte er sieben Jahre lang sein Kommissariat. „Ich denke, 15 gute Geschichten sind genug, das ist ein schöner Bogen und wir haben genug über Casstorff erzählt“, so Atzorn.

      (Text-Stand: 24.2.2008)  Schon beim Namen fing es an. Der „Tatort“-Kommissar Jan Casstorff war keiner, zu dem man als Zuschauer schnell Zugang fand. Zwischen hanseatisch kantig und freundlich kollegial führte er sieben Jahre lang sein Kommissariat. „Es hat etwas gedauert, bis Lehrer Specht vergessen war und ich als Casstorff akzeptiert wurde“, erinnert sich Robert Atzorn. Weil der NDR offenbar nicht warten wollte, setzte die Redaktion auf allerlei Kniffe, um den Zuschauern den spröden Ermittler näher zu bringen. Man gab ihm eine geschiedene Frau und einen Sohn an die Seite – und man nahm sie ihm wieder. Wenig später teilte er das Bett und die Fälle mit seiner neuen Staatsanwältin. Mitarbeiterin Jenny wurde kurzerhand ins LKA berufen. So angenehm ruhig der akribische Kripomensch Casstorff oft wirkte, so überflüssig aktionistisch war die Konzeption des Senders.

      Auch der 15. und letzte Fall leidet unter einem falschen Aktionismus. Hausregisseur Thomas Bohn hat für „Und tschüss“ noch einmal in die Vollen gelangt. Ein als „Gutmensch“ bespöttelter Unternehmer kommt bei einem brutalen Entführungsversuch ums Leben. Dann verschwindet plötzlich Casstorffs Herzblatt Wanda Wilhelmi. Die Staatsanwältin ist entführt worden und wird in einem Keller gefangen gehalten. Der Mord und die Entführung münden erwartungsgemäß in einem und demselben Fall: Es geht um die als Entwicklungshilfe getarnte Entsorgung von Elektroschrott, der von Deutschland im großen Stil illegal nach Afrika verhökert wird.

      Ein spannendes Thema, das jeden ein bisschen bewegen sollte. So haben sich das Bohn und der NDR wohl vorgestellt. Dass aber Casstorff und Kollege Holicek Mal wieder den Betroffenheitskommissar raushängen lassen und dem Zuschauer die Welt erklären müssen, das wertet diese Räuberpistole keineswegs auf. Der holzschnittartigen Anlage des Krimis mit der Dämonisierung der Bösen und der moralischen Entrüstung der Guten entspricht auch die Inszenierung Bohns. Uninspiriert kombiniert er die Handlungsstränge, lässt Nebendarsteller peinlich chargieren und der Action-Showdown auf der Elbe ist gefilmt wie eine Butterfahrt. Und das ausgerechnet von Thomas Bohn. War er es doch, der mit „Der Passagier“ und einem Hauch „Stirb langsam“-Touch für einen außergewöhnlichen Atzorn-„Tatort“ sorgte.

      Wehmut kommt also nicht auf beim „Tatort“-Abschied von Atzorn & Co. Nach 35 Minuten nimmt der Held das Ende bereits vorweg: „Wenn Wanda aus der Sache heil rauskommt, dann mache ich ihr einen Heiratsantrag und schmeiße meinen Job hin.“ Dieser leise, aber charakterstarke Abgang von Jan Casstorff versöhnt mit einem Krimi, der allenfalls Gebrauchsfernsehen ist. Die Kombination aus Lederjacke, Dreitagebart und asiatischer Kampfkunst nahm man dieser Figur, die bis zum Schluss eine Kopfgeburt der Redaktion blieb, nie recht ab. Wenn dieser Kommissar etwas war, dann einer, auf den man sich verlassen konnte. Ein Mann der klaren Worte. Und das wiederum passte zu Robert Atzorn. „Ich denke, 15 gute Geschichten sind genug, das ist ein schöner Bogen und wir haben genug über Casstorff erzählt“, so sein abschließender Kommentar. Atzorn wollte nicht mehr. Ab Herbst 2008 ist ein Neuer am Hamburger Tatort: Hauptkommissar Cenk Batu, gespielt von dem 35-jährigen Mehmet Kurtulus. 

      Rainer Tittelbach


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