• Analyse   ARD entstaubt Märchenfilme: „Sechs auf einen Streich“

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      Degeto trifft auf Gebrüder Grimm. Das Ergebnis ist ansprechend gemachte Familienunterhaltung. Die Märchenanalyse 2008 wird zum Fest wieder ausgepackt"!

      „Sechs auf einen Streich“ bietet sechs 60minütige Märchen, werkgetreu und doch zeitgemäß ausgelegt. Laptops, Handys und Jugendsprache mussten draußen bleiben. Da stimmen Konzeption und Umsetzung, Aufwand und Resultat, Sendeplatz und Vermarktung. Für die älteren Kids besonders reizvoll adaptiert, sind Märchen wie „König Drosselbart“ oder „Der Froschkönig“, die um das Wunder der Liebe kreisen. Grundsatz-Analyse 2008.

      (Text-Stand: 20.12.2008)  „Sie ist doch auch nur ein Mensch – mit Nase und Augen…“, sinniert der sonst so selbstbewusste Schneider David. Warum stottert er dann aber, wenn er die holde Prinzessin erblickt. Auch Müllersohn Max hält sich schüchtern zurück, wenn ihm die schöne Lotte schöne Augen macht. Sogar der so clevere König Drosselbart ist ein unbedarfter Tropf, wenn es um seine Gefühle geht. Jungmänner, die sich vergessen, wenn sie hübscher Fräuleins angesichtig werden, und Prinzessinnen, die der Staatsräson zum Trotze nicht den Erstbesten nehmen wollen, gab es schon in den Grimmschen Märchen. So romantisch und zugleich modern ausgespielt wie in der ARD-Märchenfilmreihe hat man in diesem psychologisch wenig ambitionierten Genre die Motive von der ersten Liebe oder den Gefühlen, die sich nicht von den Eltern verordnen lassen, selten gesehen.

      „Sechs auf einen Streich“ heißt die Reihe. Sie bietet sechs 60-Minüter, werkgetreu und doch zeitgemäß ausgelegt. Laptops, Handys und Jugendsprache mussten draußen bleiben. Das ist gut gemachte Familienunterhaltung. Da stimmen Konzeption und Umsetzung, Aufwand und Resultat, Sendeplatz und Vermarktung gleichermaßen. Für die Älteren reizvoll adaptiert, sind Märchen wie „König Drosselbart“ oder „Der Froschkönig“, die um das Wunder der Liebe kreisen. Stärker an die Kleinen richten sich „Frau Holle“ und „Brüderchen & Schwesterchen“, die eine Geschichte hell und freundlich, die andere ein Quell kindlicher Ängste. „Die Botschaft wird gelegentlich etwas nachsichtiger, weniger düster interpretiert“, so ARD-Programmchef Volker Herres, „die Filme verzichten auch darauf, ‚cool’ und ironisch zu sein.“

      Auch die Besetzungslisten sind klug auf eine breite Zuschauerschaft abgestimmt. Da locken Teenagerschwärme wie Kostja Ullmann, Ken Duken oder Sidonie von Krosigk. Und für die Erwachsen laufen vier „Tatort“-Kommissare auf, Andrea Sawatzki, Axel Milberg, Richy Müller und Dietmar Bär. So simpel die Charakterzeichnungen von Märchenfiguren auch sein mögen, so wichtig sind doch Schauspieler, die ihr Handwerk beherrschen. Man kann sich nicht mit Alltagsspiel hinter den Archetypen verstecken. Gefordert sind echte Komödianten.

      Die Märchen nehmen sich Freiheiten. Figuren werden hinzu erfunden, Botschaften modernisiert. „Wir haben den moralisierenden Ton, der den alten Märchenverfilmungen meistens anhaftet, vermieden“, betont Elke Ried. Das von ihr produzierte „Tapfere Schneiderlein“ ist einer der Höhepunkte der Reihe. Was als vermeintliche Parabel auf das postmoderne Aufschneidertum beginnt, entwickelt sich im Stile eines Wohlfühlfilms zu einem gelegentlich augenzwinkernden Loblied auf Zuversicht, Selbstvertrauen und Klugheit.

      Die Moral der Urfassung entstaubt, haben die Macher von „Frau Holle“. Das Ideal der braven Pflichterfüllung wurde durch Altruismus ersetzt: „Sei freundlich, denke auch an andere, nicht nur an dich und begreife, dass das Lebensglück nicht in erster Linie in materiellen Dingen zu suchen ist“, so bringt Regisseur Bodo Fürneisen die neue Botschaft auf den Punkt. Eine emanzipatorisch heutige Perspektive zeigt „Der Froschkönig“. Die Prinzessin rebelliert gegen den Vater mit doppeltem Erfolg: sie gewinnt einen ansehnlichen Prinzen und entwickelt sich zu einer selbstbewussten Frau. Stark strukturell verändert wurde „Tischlein deck dich“, aus dem der Dramaturg Rainer Mihan einen liebenswert klamaukigen Schwank gemacht hat.

      „Märchen vermitteln ihre Botschaften sehr direkt“, befindet Mihan. „Dazwischen gibt es sehr viel Raum für Phantasie, für Interpretationen, denn warum eine Märchenfigur so und nicht anders handelt, wird in den Überlieferungen oft wenig motiviert.“ Und so hat man bei keinem der sechs Märchen den Eindruck, dass ihnen die Macher in irgendeiner Form Gewalt angetan hätten, wie es die mit den Metaphern und Symboliken der Volksweisen comedyhaft verfahrende „Pro-Sieben-Märchenstunde“ getan hat. „Sechs auf einen Streich“ füllt nur die vielen weißen Flecken, die die Märchen besitzen. Die große Kreativität in der Dramaturgie und in der szenischen Umsetzung, die liebevoll nostalgisch ausgestaltet ist und mit echten Hunden, Ziegen, Gänsen und vor allem realen Landschaften besticht, fußt auf langjähriger Erfahrung einiger Macher: viele waren schon bei den traditionsreichen DDR-Märchenfilmen aktiv.  

      Rainer Tittelbach


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