Dass die 70er Jahre sehr viel mehr sind als das, was einem die Retrokult-Industrie heute verkauft, zeigt Arte im „Summer of the 70s“. Der genreübergreifende Programmschwerpunkt präsentiert die Seventies als ein höchst kreatives Jahrzehnt kultureller Vielfalt. Wir können heute aus dem Füllhorn des Jahrzehnts schöpfen. Doch damals musste man sich als Fan entscheiden: Abba oder Zappa, Yes oder Bowie, Rock & Roll oder Disco, Prog-Rock oder Punk?
(Text-Stand: 18.7.2008) Es waren nicht nur die Ikonen, die Plateauschuhe, die Plastikmöbel, der schlabberige Posthippiekult oder das schockierende Punk-Outfit, die die 70er Jahre auszeichneten. Auch wenn es den Nachgeborenen so erscheinen mag. Das Jahrzehnt hatte mehr zu bieten als „Saturday Night Fever“ oder „Musikladen“, T. Rex oder Sex Pistols. Die Popkultur jener Jahre war vielfältig, aber noch kein Selbstbedienungsladen wie heute. Es herrschte noch nicht das unverbindliche Sowohl-als-auch, sondern das rigorose Entweder-oder.
Der Fan musste Farbe bekennen, sich entscheiden: Abba oder Zappa, Yes oder Bowie, Rock & Roll oder Disco, Prog-Rock oder Punk! Es gab eine Philosophie, für Musiker wie Hörer, einen ideologischen Überbau. Mit dem „Summer of the 70s“ bringt Arte Ordnung in das Chaos dieses höchst kreativen Jahrzehnts. Wie der „Summer of Love“ letztes Jahr ist auch dieser genreübergreifende Programmschwerpunkt konzeptionell gelungen. Da kann jeder etwas für sich finden. Das macht Spaß wie das Schmökern in alten Rockmusik-Büchern oder das Reinhören in vergessene Platten.
Besonders sehenswert sind die neu produzierten Dokumentationen. Den Rivalitäten des Jahrzehnts nach geht die zweiteilige Reihe „Style Clash“, die die Möglichkeiten der filmischen Montage vorbildlich ausschöpft. In welchem anderen Medium kann man schon einen Geniekult-Rocker wie Rick Wakeman auf Disco und New Wave schimpfen hören und Sekunden später lauthals die Retourkutsche von Punk-Ikone Iggy Pop genießen? Ebenso telegen wird in Folge 1 „Disco oder Rock?“ (19.8.) die Theorie von der östrogengesteuerten Dancefloor-Welle und dem vom Testosteron angetriebenen Rock-Imperium entwickelt. Autor Dirk Laabs beschäftigt sich nur mit Musik, sonst wäre ihm vielleicht noch eine andere Parallele aufgefallen: die zwischen dem Niedergang der klassischen Rockmusik und dem Aufkommen der Frauenemanzipation.
Umso anschaulicher erklärt wird dafür, warum es mit Disco so schnell zu Ende ging. „Immer derselbe Drumbeat, das wurde langweilig und öde“, erinnert sich Produzent Giorgio Moroder. Die Disco-Industrie war zur Geldmaschine geworden und weil die Platzhirsche der Rockmusik ihre Reviere verteidigen wollten, tobte Ende der 70er Jahre ein regelrechter Kulturkampf: „Disco stinkt“ lautete die Parole. 1979 wurden bei einer öffentlichen Großveranstaltung hunderttausende Disco-Platten öffentlich vernichtet. Dass Disco mehr sein kann als stupider Synthetik-Beat und vor allem, was für eine Geisteshaltung Mitte der 70er Jahre hinter dem Aufkommen der Dance-Welle steckte, zeigt die sehr dichte US-Doku „Disco – Die Geschichte eines Sounds“ (26.8.): Man war der Politik überdrüssig und wollte endlich mal wieder tanzen.
Nur für Einsteiger empfehlenswert ist der zweite „Style Clash“-Beitrag „I hate Pink Floyd“ (26.8.), der in Form einer MTV-verdächtigen tour-de-force versucht, die Rockpop-Stile und Trends der 70er nebeneinander zu stellen: Von Glamrock über Funk, California Sound bis hin zu Mainstream-Pop und New Wave geht die musikalische Reise. Wer sich auskennt mit Rock- und Popmusik, dem werden diese 45 Minuten nichts Neues bringen. Ein positives Gegenstück zu diesem atemlosen Style-Clash bildet der Dokumentarfilm „Roboter essen kein Sauerkraut“ (28.8.) von Stephan Morawietz, eine informationsgesättigte Fleißarbeit mit seltenem Bildmaterial und Interviews mit den wichtigsten deutschen Künstlern jener Zeit. Der Film zeigt, wie politischer Zeitgeist und musikalische Entwicklungen ineinander fließen. „RAF musikalisch“, nannten nicht umsonst einige Krautrock-Gruppen ihr Konzept. Bekannter ist die Parole von Ton Steine Scherben: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“ Weil die Stücke von Gruppen wie Can, Eloy, Tangerine Dream, Guru Guru, Kraan oder Kraftwerk immer länger wurden, Songstrukturen zerschlugen und oft von Improvisation lebten, und der Autor 90 Minuten Zeit hatte, darf man hier den Bands auch mal etwas länger beim (entrückten) Musikmachen zuschauen.
Ob amerikanische, französische oder deutsche Autoren – allen Filmbeiträgen ist gemeinsam der Versuch, die behandelten Pop-Phänomene historisch einzuordnen. Der gesellschaftliche Rahmen bestimmte nicht unwesentlich die musikalischen Ausdrucksformen. „Brecht die Regeln – und macht eure eigenen“, diese Parole spiegelte zunächst politisches Bewusstsein wider, bevor sie in die Musik übernommen wurde. Bei aller Sozialkritik kommt auch der Spaß beim „Summer of the 70s“ nicht zu kurz. Wer einfach nur eintauchen möchte in die Hits und das bunte Treiben dieser Pop-Epoche, der kann sich seine tägliche Portion „Top of the Pops“ (werktäglich, bis Ende August) abholen. Ob Roxy Music oder Pretenders, Rod Stewart oder Elton John, alle sind dabei, die in den 70ern die Grundsteine für kommende Erfolge legten. Gut gelaunt und voll Playback hampeln sie wild auf der Studiobühne herum, während brave Girlies als Publikum das Tanzbein schwingen. Wer „Beat Club“ und „Disco“ liebte, der wird auch nostalgischen Gefallen an der legendären britischen Musiksshow finden.
Die ersten Videoclips ließen noch auf sich warten. Während die Teenager Sendungen wie „Top of the Pops“ liebten, bevorzugten reifere Jahrgänge Konzertfilme. Diesem Trend trägt auch Arte Rechnung mit David Bowies Glamrock-Mythos „Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“ (26.8.), dem Progrock-Ereignis „Pink Floyd at Pompeji“ (5.8.) und dem von George Harrison initiierten „Concert for Bangladesh“ (12.8.). Das Konzert des Ex-Beatle mit Freunden wie Ringo Starr, Eric Clapton oder Bob Dylan war vor allem „ideologisch“ ein Vorreiter. Nachdem immer mehr Rockbands Stadien füllten und so richtig „abkassierten“, war das Bangladesh-Konzert das erste Hilfsprojekt von Superstars und damit ein Vorbild für die späteren Live-Aid- und Live-Earth-Events. Nicht fehlen in einem Seventies-Rückblick darf die erfolgreichste Mainstream-Band jener Dekade: Abba. „Super Troupers“ (19.8.) zeichnet die Karrierehöhen und privaten Tiefschläge der einstigen Grand-Prix-Gewinner nach.
Die kulturellen Errungenschaften der 70er Jahre arbeitet die Reihe „Die wilden Seventies“ (ab 4.8.) auf. Sexuelle Befreiung, politischer Kampf bis hin zum Terrorismus, Frauen- und Schwulenemanzipation, die Grenzen der Zukunftsvisionen – das sind die Themen, um die die fünf 45-Minüter kreisen. Menschen, die an der Geschichte des Jahrzehnts mitgeschrieben haben wie der Filmemacher Bernardo Bertolucci, die Schauspielerin Hanna Schygulla, der Sponti-Denker und Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit, der Fotograf Jim Rakete oder die Pop-Ikone Amanda Lear, die auch durch die Themenabende führt, beschreiben und analysieren die Zeit aus ihrer Sicht. Die Reihe macht deutlich, was sich noch extremer in der Doku „Style Clash“ zeigt und dort zum Prinzip erklärt wird: Es gibt nicht nur viele Popmusik-Stile zwischen 1970 und 1979, es gibt auch sehr unterschiedliche Äußerungen über jene Jahre. Hier kommen keine Wissenschaftler und nur einige wenige Publizisten zu Wort, sondern Menschen mit ihren Meinungen. Nicht jeder ist wie Cohn-Bendit ein glänzender Analytiker. So bleibt dem Zuschauer etwas „Arbeit“, um sich aus den Statements (s)ein Bild über die 70er Jahre zu basteln.