• Analyse   "Der Erbe von Granlunda" und die Erben des Groschenromans

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      Filmgeschichte und Kinokult-Klassiker 02/2012 auf einen Blick

      Wenn sich das ZDF nach England und Schweden aufmacht, der Krimi-Nation die Romantik zu lehren

      Nach 16 Jahren Rosamunde Pilcher und 28 „Inga Lindström“-Melodramen macht sich Heike Hempel, die neue ZDF-Chefin für die leichten Fälle, so ihre Gedanken. Trotz hoher Einschaltquoten hat das Gefühlsgenre dringend eine Frischzellenkur nötig.

      (Text-Stand: 8.2.2009)  „Ich werde mich einfach ein bisschen treiben lassen“, sagt die Tierärztin Karin zu ihrem väterlichen Lebenspartner Paul während eines Stockholmbesuchs. Spätestens bei diesem Satz ahnt der Zuschauer, dass bald eine schicksalhafte Begegnung anstehen dürfte. Eine Liebe zwischen einer Mittdreißigerin und einem fast 60-Jährigen, das passt auch nicht ins Weltbild von „Inga Lindström“ alias Christiane Sadlo. Und das will auch kein Zuschauer sehen. Die Zuschauererwartung aber ist allein das Maß aller Dinge für die amourösen Verwicklungen im Sehnsuchtsland Schweden, wohin sich das ZDF nun schon seit fünf Jahren aufmacht, um der Krimi-Nation die Romantik zu lehren. Doch auch die ältere ZDF-Klientel darf sich nicht nur an der Liebe der jüngeren Leute erfreuen. Für alle fügt es sich zum Guten. Glücklicherweise ist da noch die Jugendliebe von Paul, die – wie das Filmleben so spielt – die Mutter von Karins neuer Liebe ist. Und diese neue Liebe ist der Titel gebende „Erbe von Granlunda“.

      Die Österreicherin Simone Heher, die bei uns durch ihre „Da wo…“-Filmchen mit Hansi Hinterseer eine eher fragwürdige Popularität erlangt hat, Nicki von Tempelhoff („Das Experiment“), der offenbar dem Drehland Schweden nicht widerstehen konnte, und der in Ehren ergraute Souverän Michael Greiling mühen sich redlich, dieser telegenen Erbschaft des Groschenromans, die vor naivem Optimismus nur so strotzt, ein paar ergreifende, vor allem aber entlastende Momente abzugewinnen. Doch eigentlich ist ein solches Möchtegern-Melo, in dem quasi im Vorbeigehen die großen Menschheitsdramen zu aller Zufriedenheit gelöst werden, nicht glaubhaft spielbar.

      Die Geschichten von Lindström ergehen sich wie auch die „very deutschen“ Pilcher-Rührstücke vornehmlich in schicksalhaften Konstruktionen, in denen den Helden keinerlei Psychologie auf den Weg zum unvermeidlichen Happy End mitgegeben wird. Es ist keine kleine Kunst, einer Geschichte, deren Dramaturgie verbraucht ist, und zwischenmenschlichen Gefühlsstandards wie Liebe, Eifersucht oder Familienglück einen luftigen Erzählfluss zu geben und dem Spiel Spurenelemente von Alltäglichkeit, Beiläufigkeit und Witz beizumischen. Manchmal gelingt es. Bei „Der Erbe von Granlunda“ geht es daneben.

      Autorin Christiane Sadlo ist die Mutter des Erfolgs. Sie verbirgt sich hinter dem wohlklingenden Pseudonym und der erfolgreichen Marke Inga Lindström. Die 55-Jährige hat alle 28 Drehbücher geschrieben. So langsam scheint sie alle Trivialmuster ausgereizt und hinlänglich kombiniert zu haben. „Große Liebesgeschichten in schöner Landschaft“ lautet ihr Auftrag seit fünf Jahren. Die Vorgaben: nicht zu viel Intrige, nicht zu viel Verbrechen! Für Mord und Totschlag ist sonntags der „Tatort“ zuständig. Schweden soll mit schönen Landschaften und schönen Menschen locken.

      „Einen Hauch von Astrid Lindgren“ versuche Sadlo, ihren Geschichten zu geben. Vergleicht man ihre Bücher mit anderen TV-Melos, so ist ihr eines nicht abzusprechen: eine Genauigkeit in Dialog und Szene. Sie trifft den Umgangston der Leute, hat ein Händchen für die Banalitäten des Alltags. „Ich erfinde jede Geschichte neu, ich habe kein Muster im Kopf, das ich jedes Mal anwende“, wehrt sich die Autorin gegen den Vorwurf, ihre zahllosen Romanzen (5-6 pro Jahr) allzu gleichförmig zusammenzuschrauben. Es gehe ihr vor allem um „die Wahrhaftigkeit von Figuren“ und um „Emotionen, die nachvollziehbar sind“. Ein ambitionierter Autor würde seine Intentionen kaum anders formulieren.

      „Sag mal, ZDF – hört das denn nie mehr auf?!“, fragt in Anbetracht der aktuellen Schönwetter-Schmonzette, bei der man sich genau so wie beim Namen des Regisseurs – Gunter Krää – die Augen reibt, eine Programmzeitschrift. Solange sechs bis acht Millionen Zuschauer den Erben des Groschenromans die Treue halten, solange wird es weitergehen mit den Hannssons, Asmundsons und Frederik-sons am Sonntagabend. Auch wenn sich Heike Hempel, die neue ZDF-Frau für die besonders leichten Fälle, so ihre Gedanken macht. Vor zwei, drei Jahren entdeckte sie noch in der renommierten ZDF-Talentschmiede des „Kleinen Fernsehspiels“ Filmemacher von Format wie die Preis-Abräumer Buket Alakus („Eine andere Liga“), Benjamin Heisenberg, Katinka Feistl, Eoin Moore oder Sabine Derflinger.

      Heute lobt Hempel die Universalität des Trivialen. „In diesen Geschichten finden Sie die ganze Palette menschlicher Emotionen ausgedrückt: da ist Reue, Rache, Missgunst, Euphorie, Nostalgie, Glück“, betont die ausgewiesene Filmkennerin. Zum Erfolgsrezept der Schären-Schmonzetten gehören außerdem die jungen, blonden Heldinnen, die bekannten deutschen Schauspieler und vor allem die schwedischen Schauplätze. „But this is not Sweden“, sagte einst der schwedische Service-Producer nach dem Blick ins erste Drehbuch, erinnert sich Bavaria-Produzent Ronald Mühlfellner. „Und er zeigte uns Locations, die perfekt für einen Krimi gewesen wären.“ Die Schweden sehen ihr Land anders, so, wie es bei Mankell gezeigt wird. Mühlfellner: „Mittlerweile nehmen die Schweden aber mit Wohlwollen zur Kenntnis, dass mit dem Erfolg der Reihe der Tourismus aus Deutschland signifikant zugenommen hat.“

      Der ZDF-Sonntagsfilm ist für die „Unterhaltungschefin Wort“ eine Art „romantische Verabredung.“ Es sei die Frau, die sich für das Programm entscheidet, so Hempel, „und der Mann schaut mit, aber hoffentlich nicht notgedrungen, sondern voller Vergnügen.“ Das Vertrauen des Zuschauers sei groß, weil die Verlässlichkeit der Filme groß sei. "Bei allem Vertrauten gibt es aber auch den Wunsch nach Überraschung", ist sich Hempel sicher. "Auch die Älteren sind heute fit und aktiv und reisen viel, das sind nicht mehr die klassischen Oma-und-Opa-Figuren - entsprechend haben sie auch ein anderes Unterhaltungsbedürfnis." Hempel erkennt bei allem erwarteten Eskapismus zunehmend den Wunsch der weiblichen Zielgruppe, „zeitgenössische Realität und vertraute Lebenswelten in den Geschichten wieder zu finden“.

      Im Klartext: Die neue ZDF-Frau für die leichten Fälle, möchte Lindström, Pilcher & Co behutsam modernisieren. So wie sie einst als Hans Jankes rechte Hand die jungen Wilden vom „Kleinen Fernsehspiel“ zum anspruchsvollen „Fernsehfilm am Montag“ holte, so erhofft sie sich auch einen Transfer vom Nachwuchsfilm und Premium-Movie zum neu programmierten Unterhaltungsfilm am Mittwoch, aber sogar auch zur sonntäglichen Romanze. „Zwar ist der Krimi leichter zu erneuern, weil er offener für den Genre-Mix und zeitgenössische Themen ist“, so Hempel. „Aber natürlich kann man auch im Melodram Figuren vertiefen, überraschender und etwas schneller erzählen, eine etwas andere Musik verwenden und einen moderneren Look anstreben.“

      Rainer Tittelbach


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