• Analyse   Herausragende 90-Minüter auf einen Blick

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      Auf einen Blick: Kinokult & Filmgeschichte im Mai. 60 Spielfilmtipps

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      Ein extrem guter Fiktion-Monat. Mai-Highlights auf einen Blick

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      3sat-Zuschauerpreis zum 16. Mal: Fernsehfilm-Highlights des Jahres (12.-17.11.)

      Rainer Tittelbach
      Zum 16. Mal präsentiert 3sat ein Dutzend der besten Fernsehfilme der Saison. An sechs Tagen können sich die Zuschauer ein Bild machen vom hohen Qualitätsstand der aktuellen deutschsprachigen TV-Fiktion. Mit "Die Hebamme" und "Neue Vahr Süd" heben sich ein historischer und ein komödienhafter Film am deutlichsten ab von den Krimi-, Familien- und Gesellschaftsdramen, die den 3sat-Zuschauerpreis wie jedes Jahr dominieren. In diesen Genres gibt es 2011 zwei überragende Produktionen: "Homevideo" und "Die fremde Familie". Aber auch der Rest ist zumeist anspruchsvolles und zugleich spannendes Fernsehen. tittelbach.tv hat die elf deutschen Fernsehfilme gesehen – und eine Top 11 erstellt.

      Jonas Nay
      Foto: Arte / NDR / Gordon Timpen

      Den Deutschen Fernsehpreis haben "Homevideo" und sein Hauptdarsteller Jonas Nay schon bekommen... Das überragende Cyber-Mobbing-Drama läuft am 17.11.

      Die 3sat-Sendedaten der Filme finden Sie bei den Einzelkritiken!

      Platz 1:  HOMEVIDEO (NDR)
      Jonas Nay, Woran Wilke Möhring und ein Vakuum aus Scham, Angst und Selbsthass

      Ein Mitschüler kommt an ein intimes Video von Filmfreak Jakob. Die Hormone laufen Amok. Er weiß, was sich mit dem "Material" alles machen lässt. Die Kamera, die dem 15-Jährigen die „böse Welt“ auf Distanz hielt, wird Jakobs größter Feind. "Homevideo" erzählt von medialem Mobbing und einer Form der Mediatisierung von Wirklichkeit, die "wertvolle" Sozialpraktiken schleichend verändert. Der Film erzählt aus der Opfer-Perspektive. Darüber, was den Jugendlichen im Film fehlt, Empathie, wird der Zuschauer in die Geschichte hineingezogen. Diese Tragödie konsequent subjektiv zu erzählen, nicht vornehmlich einen sozialkritischen Diskurs zu führen und ebenso auf eine genrehafte Zuspitzung zu verzichten – das macht „Homevideo“ eine Spur radikaler als "Wut" oder "Ihr könnt euch niemals sicher sein".

      Platz 2:  DIE HEBAMME (ZDF/ORF)
      Eine Offenbarung: Brigitte Hobmeier, Dagmar Hirtz, Jo Heim und ein historisches Drama, das eine Hebamme 1813 im Widerstreit zeigt mit Kirche und Schulmedizin
      Die Heldin in „Die Hebamme – Auf Leben und Tod“ ist eine Reisende zwischen den Welten und den Zeiten. Zwischen den Autoritäten anno 1813, der Kirche und der Wissenschaft, bleibt Rosa Koelbl eine Fremde. Die Zeit ist noch nicht reif für die Werte, die diese Frau verkörpert. Der Film erzählt eine Geschichte. Er plottet nicht. Das Erzählte lebt durch die Erzählweise. Das Medium heißt nicht umsonst Fern-Sehen. Jo Heims Kameraarbeit ist von einer Präzision und von einer ästhetischen Raffinesse, wie man es lange nicht gesehen hat. Und Brigitte Hobmeier ist eine Offenbarung. Ein Gesicht wie aus jener Zeit. Ein sinnlicher Hochgenuss – und zugleich ein historischer Film, der etwas vermittelt über seine Zeit.

      Platz 3:  NEUE VAHR SÜD (WDR)
      Sven Regener, Frederik Lau, Hermine Huntgeburth, Christian Zübert und ein
      "Hippie-Typ" und notorischer Verweigerer, der vergessen hat zu verweigern

      Christian Zübert und Hermine Huntgeburth ist eine wunderbare Roman-Adaption gelungen. Der Autor konzentriert sich auf den Konflikt des konfliktscheuen "Pionier Lehmann" und auf die gesellschaftlichen Widersprüche der frühen 80er Jahre. Vortrefflich gelingen ihm der lakonische Grundton und die episodische Erzählweise der Vorlage – über alle Regeln der Dramaturgie hinweg. Die Regisseurin leistet "historisch" ganze Arbeit und Frederick Lau packt sich den von einer vielschichtigen Absurdität durchdrungenen Film auf seine Schultern. Überragender Soundtrack. "Neue Vahr Süd" hat (auf DVD) das Zeug zum Kult-Film!

      Platz 4:  DIE FREMDE FAMILIE (BR)
      Katja Riemann, Daniel Nocke, Stefan Krohmer: Realismus in höchster Perfektion
      „Die fremde Familie“ erzählt vom Abenteuer der häuslichen Pflege in den Zeiten der Patchworkfamilie. Wie alle Filme des Dream-Teams Krohmer/Nocke ist dieses Familiendrama ein Ensemble-Stück, bei dem die Interaktion, die Rituale, die Rollenspiele, die Selbstlügen der Figuren die Handlung bestimmen. Oft hat man das Gefühl, mit am Küchentisch zu sitzen, sich den Kopf zu zerbrechen, mitzudiskutieren, zu streiten oder einfach nur da zu sitzen und mitzufühlen. Die Dialoge sind dem Alltag abgelauscht, konzentriert, komprimiert, dazu lebensecht gespielt – bis in den kleinsten Nebensatz, den Kloß im Hals, das Grummeln im Bauch – von fünf großartigen Schauspielern. Spannender kann Realismus nicht sein!

      Platz 5:  POLIZEIRUF 110 – DENN SIE WISSEN NICHT, WAS SIE TUN (BR)
      Brandt, Sturm, Jeltsch, Steinbichler und die Suche nach der zweiten Terror-Bombe
      Ein schlechter Tag für Hanns von Meuffels. Morgens erschießt sich ein Kinderschänder vor seinen Augen. Dann geht eine Bombe hoch. Bleibt es bei der einen? „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ ist ein „Polizeiruf“ und er ist zugleich ein Versuch über den Glauben, er erzählt von falschen politischen Aktionen und einem richtigen Weg der Menschlichkeit und einer Schuld, die sich kaum wieder gut machen lässt. Außerdem zeigt Steinbichlers Kammerspiel, wie es im Angesicht des Todes zu einer Um(be)wertung der „Dinge“ kommen kann. Ein politisches Erlöserdrama von bleierner Schwere, das sicher nicht jedermanns Sache ist!

      Brigitte Hobmeier
      Foto: ZDF / ORF / Christian Hartmann

      Eine schauspielerische und filmästhetische Offenbarung: "Die Hebamme – Auf Leben und Tod" mit Brigitte Hobmeier. Historischer Film mit interessantem Thema  

      Platz 6:  UNTER VERDACHT – DIE ELEGANTE LÖSUNG (ZDF/Arte)
      Senta Berger, Rudolf Krause, Aelrun Goette und der Euro-Grenzschutz im Mittelmeer
      Ausland-Einsatz für Senta Bergers Eva Maria Prohacek. Unter Verdacht, Flüchtlinge zu misshandeln, stehen die vor der Küste Italiens operierende Militärpolizei und die Agentur für den europäischen Grenzschutz im Mittelmeer. Ist ein deutscher Grenzschützer ermordet worden, weil er die Übergriffe nicht länger akzeptieren wollte? "Die elegante Lösung" ist ein präzise erzählter, tief bewegender Politkrimi, der es sich nicht moralisch einfach macht.

      Platz 7:  DIE LETZTE SPUR – ALEXANDRA 17 JAHRE (Sat 1/ORF)
      Richy Müller, Ann-Kathrin Kramer, Andreas Prochaska. Eine Träne erzählt mehr als...
      „Die letzte Spur – Alexandra 17 Jahre“ beschreibt die Chronologie einer Vermissung. Der Zuschauer wird Zeuge einer aufwendigen Polizeiaktion und erfährt, wie die Familie mit der Situation umgeht. In einem perfekten System aus Andeutungen und Auslassungen, Beobachtungen und Stimmungen, beredten Bildern und knappen Dialogen, aus präziser sinnlicher Informationsvergabe kann sich der Zuschauer in Empathie üben, ohne dass ihm von den Figuren Gefühle aufgeschwatzt oder von der Filmsprache aufgedrängt würden. Ein Film, der sich selbst erzählt – spannend, bestens besetzt, lang, aber nicht zu lang!

      Platz 8:  ES IST NICHT VORBEI (SWR/RBB)
      Kling & Noethen. Den misshandelten Frauen von Hoheneck eine Stimme geben!
      Carola Weber saß wegen Republikflucht im DDR-Frauengefängnis Hoheneck. Sie wurde misshandelt. Über 20 Jahre später trifft sie auf ihren größten Peiniger von damals. Wieder hat er die Macht. Es ist eine grausame Ironie des Schicksals, dass das, was man der Heldin damals mit der Verabreichung schwerster Psychopharmaka angetan hat, jetzt zu Lasten ihrer Glaubwürdigkeit geht. „Es ist nie vorbei“ gelingt es, einen politisch-thematischen Diskurs zu führen, und zugleich zu zeigen, was diese Erfahrungen psychisch mit einem machen können.

      Platz 9:  DER VERLORENE SOHN (NDR)
      Katja Flint, Kostja Ullmann, Nina Grosse. Der Sohn – eine tickende Zeitbombe?
      Muttis Liebling konvertierte im Teenageralter zum Islam und ließ sich offenbar von Fanatikern anstecken. Nach zwei Gefängnis in Israel gibt sich der junge Mann geläutert. Die Mutter kämpft für die Reintegration – und hat selbst Zweifel... Regisseurin Nina Grosse nennt „Der verlorene Sohn“ einen „leisen Thriller“. Das Wechselspiel von Misstrauen und Vertrauen, das die Mitmenschen der Titelfigur entgegenbringen, setzt sich beim Zuschauer fort. Ein starkes, eindrucksvoll gespieltes, universales Drama, ein Drama eines doppelten Verlustes.

      Platz 10:  KASIMIR & KAROLINE (ZDF-Kultur/Arte)
      Christina Hecke, Golo Euler, Robert Gwisdek. Das Oktoberfest ein einziges Tollhaus
      „Kasimir & Karoline“ ist entstanden nach einem Bühnenstück von Ödön von Horváth, einer Kleine-Leute-Ballade von 1931 um eine Kleine-Leute-Liebe, die in Zeiten der Wirtschaftskrise zum Scheitern verurteilt ist. Die derzeitige Krise macht das Stück thematisch wieder aktuell. Zeitgemäße Dialoge, ein filmisch reizvoller Look und ein frisches Ensemble machen aus dem Film alles andere als einen Theaterfilm. Gigantisch bunt die Kirmes, knallig blau der Himmel – und der Alkoholpegel steigt, genau so wie die Angst. Kleines Budget, große Wirkung!

      Platz 11:  DIE MUTPROBE (ORF/MDR)
      Elisabeth Lanz in einem Missbrauchs-Melodram, das sein Thema missbraucht
      Vergreift sich der Gönner eines Dorfs an pubertierenden Mädchen? Der MDR kündigt „Die Mutprobe“ als Melodram an – vielleicht in der Hoffnung, die Erwartungen des Zuschauers so herunterschrauben zu können. Denn verglichen mit den gängigen Ein-Dorf-hält-dicht-Krimidramen oder gar dem Kunzendorf-Meisterstück „In aller Stille“ ist diese deutsch-österreichische Koproduktion mit ihrer unreflektierten, naiven Art des Erzählens indiskutabel. Unentschlossen pendelt der Film zwischen Drama, Melodram, Krimi. Verrat am Thema!

      Lau & Co
      Foto: WDR / Thomas Kost

      Nirgends richtig zuhause. Frederick Lau ist Frank Lehmann. Für "Neue Vahr Süd", die Zeitgeistkomödie nach Sven Regeners Kultroman, gab's den Grimme-Preis.


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