• Analyse   "Gefühlsecht": Ausgeschlafene Debütfilme für Nachteulen

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      Filmgeschichte und Kinokult-Klassiker 02/2012 auf einen Blick

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      Das ZDF zeigt Höhepunkte des "Kleinen Fernsehspiels" zu nachtschlafender Zeit

      Nachdem die Reihe „Debüt im Ersten“ seit einigen Wochen für die öffentlich-rechtliche Grundversorgung in Sachen deutsche Fiktion sorgt, erinnert sich wie jedes Jahr im Sommerloch nun auch das ZDF an seinen Programmauftrag. Wie gewohnt müssen Fans junger, frischer Filme, die sich nicht in dramaturgische Korsetts der TV-Primetime zwängen lassen, entweder Nachteulen sein oder sie müssen den DVD-Rekorder programmieren.

      (Text-Stand: 16.8.2009)  Nachdem die Reihe „Debüt im Ersten“ seit einigen Wochen für die öffentlich-rechtliche Grundversorgung in Sachen deutsche Fiktion sorgt, erinnert sich wie jedes Jahr im Sommerloch nun auch das ZDF an seinen Programmauftrag. Wie gewohnt müssen Fans junger, frischer Filme, die sich nicht in dramaturgische Korsetts der TV-Primetime zwängen lassen, entweder Nachteulen sein oder sie müssen den DVD-Rekorder programmieren. Zwischen 23.30 und 0.30 Uhr starten sechs der sieben Filme, allesamt Kino-Koproduktionen, die auf Filmfestivals für Furore sorgten, aber nur im Einzelfall den Weg ins Kino gefunden haben. Viele der Filme sind hochkarätig besetzt. Es scheint, als müssten sich unsere Vorzeigeschauspieler bei Nachwuchsproduktionen vom Krimi und vom Kitsch der Mainstream-Fernsehfilme erholen.

      Den Auftakt macht die Tragikomödie „Selbstgespräche“. In einem Call-Center treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander: Sascha, der vom Karrierestart als Showmaster träumt, die allein erziehende Marie, die in ihrem Beruf als Architektin keinen Job bekommt, Adrian, das verhaltensauffällige Verkaufsgenie mit hochromantischer Ader und Harms, Chef und Antreiber, der auch in seiner Ehe mehr Coach als Mensch ist. Eines haben alle vier gemeinsam: sie reden viel, aber verstehen wenig – weil keiner dem anderen zuhört. „Obwohl wir scheinbar pausenlos kommunizieren, findet nur in den seltensten Fällen eine wirkliche Begegnung statt“, sagt Filmemacher André Erkau. Das Call-Center wird in seinem Film zum Sinnbild der Sprachlosigkeit, in dem sich gescheiterte Existenzen das Leben schönreden. August Zirner, Maximilian Brückner und Johannes Allmayer bewegen sich wie fremd gesteuert durch ein System der Zahlen und Erfolgsquoten. Schräger Slapstick und überzogene Dialoge halten sich die Waage in diesem thematisch etwas überambitionierten Film.

      Existenziellere Fragen stellen sich die Hauptfiguren, durchweg Anti-Helden, in den anderen Filmen. Sie gehen härter mit sich ins Gericht und treffen grundsätzlichere Entscheidungen. Heike Makatschs Musikagentur-Tussi in „Schwesterherz“ (23.8.) muss im Urlaub mit ihrer jüngeren Schwester erkennen, dass es kein richtiges Leben im Falschen gibt. In der schwarzen Tragikomödie „Die Eisbombe“ (7.9.) bricht der 19-jährige Tom, Allergiker, Phobiker und Sorgenkind einer vom Öko-Wahn befallenen Familie, aus dem krankhaften Zwangssystem aus und sucht sich seinen eigenen Weg. Identitätssuche und Abgrenzung auf dem Hintergrund einer politischen Haltung ist auch das Thema des leichtfüßigen Brüder-Dramas „Nichts geht mehr“ (17.8.). Ein Sponti-Spaß zieht ein Leben im Untergrund nach sich – bis der jüngere sich freischwimmt und dem vermeintlich cooleren großen Bruder die rote Karte zeigt.

      Zwei besonders überzeugende Filme sind Ulrike Grotes „Was wenn der Tod uns scheidet?“ (31.8.) mit Ulrich Noethen und der unlängst verstorbenen Monica Bleibtreu, eine Tragikomödie um die Themen Sterben und Verlassenwerden, die das ZDF ausnahmsweise um 20.15 Uhr zeigt, und die atmosphärische Coming-Of-Age-Mär „Früher oder später“ (24.8.). Ulrike von Ribbeck ist eine sensible Pubertätsstudie gelungen und zugleich ein ebenso betörender wie verstörender Film, der hinter die Fassade kreuzbraver Bürger blickt. Großartig die Darsteller, allen voran Lola Klamroth, die Tochter von Peter Lohmeyer, der auch im Film ihren Vater spielt.

      Mit dem „Kleinen Fernsehspiel“ hat das ZDF die längere Tradition in Sachen Nachwuchs- und Talentförderung als die ARD. Dennoch bietet auch diesen Sommer das Konkurrenz-Label „Debüt im Ersten“ die etwas größere thematische und formale Vielfalt in seinen Erstlingsfilmen. Die Nase vorn hat die ARD auch bei der Sendezeit: 22.45 Uhr ist eine für das Programm reelle Uhrzeit. Vielleicht bekommt es das ZDF nächstes Jahr besser hin?!

      Rainer Tittelbach


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