Arte räumt mit diversen Vorurteilen über die schlecht beleumundete Dekade der 80er Jahre auf. Dabei lässt der Kulturkanal live rocken und setzt auf Kino-Klassiker. Ein journalistisches Highlight ist auch dabei: die sechsteilige Doku-Reihe „Welcome to the Eighties“.
(Text-Stand: 22.7.2009) Als ein an Geschmacklosigkeiten kaum zu überbietendes Jahrzehnt sind die 80er Jahre in die populäre Kulturgeschichte eingegangen. Neonfarben, Schulterpolster, bizarr gestylte Haare, Kunststoffleggins, Markenlogos auf Kleidungsstücken, Aerobic- und Fitnesswahn – diesen Heimsuchungen durch Modeindustrie und Zeitgeist konnten sich die Konsumenten nur schwer erwehren. Die Kultur der 80er Jahre kreiste um den Körperkult. Madonna, Michael Jackson oder Prince gaben die Vortänzer – und damit alle Welt mitmachen konnte, heizten Videoclips das Klima um die global agierenden Superstars künstlich auf. Die Reihe der bedenklichen kulturellen Errungenschaften der Dekade ließe sich fortsetzen: „Dallas“, die Neue Deutsche Welle, Popperbands wie Spandau Ballet oder Duran Duran, die Anfänge des deutschen Privatfernsehens oder Modern Talking.
Arte nimmt sich in den nächsten Wochen dieser schlecht beleumundeten Dekade an. Wie schon in den beiden vorausgegangenen Jahren bei „Summer Of Love“ und „Summer of the 70s“ begnügt sich der deutsch-französische Kulturkanal nicht damit, ein paar beliebige Schubladen zu ziehen, um so dem Zuschauer ein gut konsumierbares, allein von Nostalgie getragenes Bild eines Jahrzehnts zu vermitteln. „Summer of the 80s“ versucht vielmehr, dem Jahrzehnt die Vielfalt in der Erinnerung wieder zu geben, die es besessen hat. Ein Jahrzehnt, in dem AIDS Liebe und Sex veränderte, in dem die Aufrüstung in Ost und West die Leute auf die Straße trieb, in dem der Neoliberalismus der konservativen Politik die Gesellschaften polarisierte, in dem die Grünen, Tschernobyl, Perestroika, Solidarnosc und der Mauerfall Geschichte schrieben, kann kein Jahrzehnt bleiben, das sich allein durch Michael Jacksons Moonwalk, die Breite der Schulterpolster oder die blasierte Coolness einiger auf dem Vulkan tanzenden Gender-Bender-Narzissten definiert.
Und waren die 80er Jahre musikalisch tatsächlich nur die Hölle? Bands wie Soft Cell, Human League oder Depeche Mode mit ihrem unverkennbaren Synthie-Sound können so schlecht nicht gewesen sein – würden sich sonst so viele kluge Bands der Gegenwart auf sie berufen? Die Arte-Filme der „Pop Galerie reloaded“, in denen von Ober-Hedonist Falco (28.7.) über das Intellektuellen-Duo Eurythmics ( 30.7.) bis zu den Stadionrockern von U2 (4.8.) und der Post-Seventies-Band Queen (25.8.) wegweisende Musiker in ebenso clippigen wie informationsgesättigten Collagen vorgestellt werden, ist jedenfalls keine Reise in die Hölle. Allenfalls die Überbetonung des Visuellen, in der Kultur des Videoclips auf den optischen Punkt gebracht, mag kulturpessimistische Regungen aufkommen lassen. Aber waren die 80er Jahre mit ihrem naiven Diktat des Bildes gegenüber den sexistisch aufgeladenen Pop-Images der Gegenwart nicht eher eine harmlose Angelegenheit? Sängerin Alison Moyet jedenfalls sieht das so: „Ich war groß, ich war dick, und ich sah nicht aus wie ein Star. Ich glaube nicht, dass ich, so wie ich aussehe, im neuen Jahrtausend einen Platz gefunden hätte.“
Popkultur lebt nicht allein von seinen Künstlern, das Publikum ist mehr denn je in einem Jahrzehnt gefragt, in dem jeder für einen Tag oder eine Nacht zum Star werden kann. Narzissmus ist das Prinzip, Selbstinszenierung die zeitgemäße Ausdrucksform. Auch in den vermeintlich oberflächlichen Achtzigern gab es die Subkulturen, die sich gelegentlich zum Mainstream auswuchsen. „No Wave – Underground 80“ (13.8.), eine Dokumentation des Insiders Christoph Dreher (Die Haut), geht auf Spurensuche in New York und Berlin, den damals bankrotten Metropolen, in denen kreativ-subversive Subkulturen um Selbstausdruck rangen. Jim Jarmusch, Nick Cave und Blixa Bargeld lebten damals eine etwas andere deutsch-amerikanische Freundschaft als Ronald Regan und Helmut Kohl.
Sicher waren die Hilfsprojekte der Zeit wie das Live-Aid-Spektakel 1985 oder das von Michael Jackson initiierte Band-Aid-Projekt mehr als Acts der Selbstinszenierung. Auch können die Charity-Aktivitäten von Skandalnudel Madonna, von Messias Bono und der etwas anderen Kronprinzessin Lady Di nicht als Marketing-Maschen herabgewürdigt werden. Dennoch, es geht auch weniger gigantisch, weniger laut. In „The real World of Peter Gabriel“ (6.8.) wird das jahrzehntelange Engagement des Engländers für Musiker aus der dritten Welt vorgestellt. „Die Welt einen und erforschen“ so der Grundgedanke von Gabriels sozialen Projekten. Dank Internet muss er nicht mehr nur träumen von einem humanistischen Netzwerk, das den Mächtigen auf die Finger schaut.
Höhepunkt der Zeitreise in die Dekade von Alf, Boris Becker, „Dirty Dancing“ sowie dem Siegeszug von Walkman und MTV ist die sechsteilige Doku-Reihe „Welcome to the Eighties“ (ab 11.8.), die am deutlichsten zeigt, wie sehr doch private und kollektive Mythologien ein Jahrzehnt belegen. Da sind sie auf einmal alle wieder: die Supercoolen, die New Romantics, die Haircut-Bands, die pubertären NDW-Hitparadenstürmer, die Nonsens-Dadaisten, die Kommerzmiezen und One-Hit-Wonder-Deppen oder Milli Vanilli, die Tänzer ohne Stimme – und ihre nicht minder Styling-bewussten Anhänger. Sie alle bestätigen das Bild von den dekadenten Achtzigern der Modekasper, der Aufsteiger, der gewissenlosen Hedonisten.
Aber es gibt auch die andere Seite: die Community in Schwarz, die Gothic-Fans, die Jünger des Untergangs, die Liebhaber von Depression und Dunkelheit, die sich scharen um Bands wie Joy Division, Siouxsie & The Banshees, The Cure oder Bauhaus. Auch wer House- und Acid-Partys feierte, ließ sich zumindest zwei Tage in der Woche nicht vereinnahmen vom grassierenden Yuppietum. Die interessanteste Gegenkultur der Eighties aber war die Rap-, Breakdance- und Graffiti-Szene zu Beginn des Jahrzehnts. Damals, als noch Afrika Bombaataa oder Grandmaster Flash im Namen von Toleranz und Völkerverständigung rappten und der Aufstand, der von der Straße kam, ein Aufstand der Zeichen war. Es waren die Street-Gangs mit ihren artistischen Einlagen, die dem aggressiven Rap den Weg ebneten. Und so waren am Ende des Jahrzehnts dem HipHop alle guten Geister ausgetrieben.
„Welcome to the Eighties“ analysiert die Phänomene der Zeit. Die Autoren zeigen Entwicklungen auf, gehen konzeptionell, nicht chronologisch vor. Dabei vermitteln die Filme eine starke Direktheit, weil sie die filmischen Materialien auf eher musikalische Art montieren. Es werden auch immer wieder Bezüge zur Gegenwart gesucht. 30 Jahre nach den ethnischen Unruhen in England ist das Königreich wieder schwer angeschlagen. Kann es da Zufall sein, dass ausgerechnet zwei populäre Bands, die den Soundtrack jener politisch aufgeladenen Postpunk-Ära maßgeblich mitbestimmten, Madness und The Specials, wieder große Erfolge feiern? Oder dass Bands wie Frank Ferdinand oder Interpol in Sound und Look an den Post-Punk anschließen? Auch die Urväter des HipHop stehen wieder am Plattenteller – wenn sie nicht in der Kirche singen wie Kurtis Blow – und scratchen für die gute Sache.
Das Motto des Arte-Schwerpunkts, der am 25. August endet, könnte lauten: „Alles so schön bunt hier“, jener Textzeile aus dem 1978er(!)-Klassiker „TV-Glotzer“ von Nina Hagen. Die Auswahl einer solchen tour-de-force durch ein Jahrzehnt ist ein Stück weit beliebig. Für die deutschen Zuschauer wären ein paar Folgen „Formel Eins“ ein nettes Schmankerl gewesen. Auch längere Passagen vom Live-Aid-Festival hätte man sich gewünscht. Oder einen analytischen Beitrag über das Phänomen, das die Augenkultur jener Jahre am eindrucksvollsten prägte: den Musikvideoclip. Bis auf die „Welcome to…“-Reihe und die Doku „Von Madonna bis Lady Di – Ikonen der 80er“ (25.8.) kocht Arte diesen Sommer journalistisch auf Sparflamme. „Pop Galerie reloaded“ sind bis auf kleine Ergänzungen Wiederholungen. Dafür lässt man es lieber anständig rocken – mit „Queen Live at Wembley“ (28.7.) oder „101 – Depeche Mode“ (13.8.), zeigt noch einmal Stings „Bring On The Night“ (4.8.) und holt mit „Paris Texas“ (6.8.), „Diva“ (11.8.) und „Ein mörderischer Sommer“ (18.8.) mit Isabelle Adjani Sehenswertes aus dem Kino-Archiv. Der „Summer of The Eighties“ hat etwas von Kaufhaus. Nicht ganz unpassend für ein Jahrzehnt, dem lustvoller Konsumrausch ohne kritische Ambitionen nachgesagt wird.