Wenn die großen Fernsehfilme Pause machen, dann schlägt die Stunde der kleinen Kino-Koproduktionen mit ihren gesellschaftlichen Entwürfen, den biografisch angereicherten Geschichten und den erfrischenden Ästhetiken. Um moderne Transformationen der Glückssuche, um Familien, die als sicherer Hort der Kindheit und Jugend nicht mehr funktionieren, geht es in den neuen Filmen der diesjährigen „Debüt im Ersten“-Reihe.
Eine Frau verprügelt ihren Mann mit allem, was im trauten Heim greifbar ist. Sie ist Lehrerin, er ist Polizist, nach außen geben sich beide freundlich und hilfsbereit, doch in ihren vier Wänden durchleben sie die Hölle. „Der Film handelt von Liebe und Abhängigkeit; Gewalt ist eher der Glutkern der Geschichte“, sagt Jan Bonny über seinen Film „Gegenüber“. Draufhauen und Ducken als zwei Seiten einer Medaille, zwei Möglichkeiten, Verlustängste auszuleben. Wenn diese gnadenlose Koexistenz ihren physisch radikalsten Ausdruck findet, wenn es auf dem Wohnzimmerteppich Hiebe setzt, dann ist man ganz nah bei dem verzweifelten Paar, das sich selbst nur in solchen Momenten nahe zu kommen vermag.
Um pervertierte Nähe, um moderne Transformationen der Glückssuche, um Familien, die als sicherer Hort der Kindheit und Jugend nicht mehr funktionieren, geht es in den neuen Filmen der diesjährigen „Debüt im Ersten“-Reihe. Wenn die großen Fernsehfilme Pause machen, dann schlägt die Stunde der kleinen Kino-Koproduktionen mit ihren gesellschaftlichen Entwürfen, den biografisch angereicherten Geschichten und den erfrischenden Ästhetiken.
Mit „Shoppen“, der immerhin 300.000 Kinozuschauer hatte und den Bayerischen Filmpreis bekam, startete das allsommerliche Jungfilmer-Schaulaufen der ARD höchst unterhaltsam in die neunte Staffel. „Gegenüber“ ist jetzt am Montag zu sehen. Es ist der nachhaltigste Film der neun vorgestellten Produktionen – nicht zuletzt wegen seiner beiden überragenden Hauptdarsteller: Victoria Trautmannsdorff als überforderte Ehefrau und Matthias Brandt als der Meister des Erduldens.
Ein weiterer Film, bei dem einem als Zuschauer gelegentlich der Atem stocken kann, ist „Höhere Gewalt“ von Lars Henning Jung. An einem letzten Wochenende kommt eine Jugendclique noch einmal zusammen, um einige persönliche Dinge zu klären. Doch es werden keine Stunden der Wehmut. Die vergangenen Jugendjahre werden nicht romantisch verklärt, sondern als ein ewiger Machtkampf beschrieben, der an diesem Wochenende sein blutiges Finale erfährt. Manipulation, Vergewaltigung, Meuchelmord – so überzogen diese Motive erscheinen mögen, der Film, der fast ausschließlich in einem abgelegenen Landhaus spielt, entwickelt einen magischen Sog. Dichte Dramaturgie, spannungsintensive gruppendynamische Prozesse, eine klaustrophobische Enge durch eine Kamera, die an den Figuren klebt, und ein vorzügliches Schauspieler-Sextett (besonders überzeugend: Vinzenz Kiefer und Alice Dwyer) machen „Höhere Gewalt“ zu einem „Aufreger“ in mehrfacher Hinsicht. Konsequent der Einsatz der drastischen Sprache: „Sie ist der Mittler auf dem Weg zu den tätlichen Angriffen“, so Regisseur Jung.
Nicht nur schwere Dramen sind in den nächsten Wochen zu erwarten. In „Reine Geschmackssache“ beispielsweise schlüpft Edgar Selge in die Rolle eines Handelsvertreters für Damenoberbekleidung. Das ist köstlich und hat auch seine Tiefen. Auch der Frauenfilm „Frei nach Plan“, der sich dem Klassiker „Familienfest“ annimmt, ist nicht frei von Komik. Ebenso wie das gut gespielte Gefühlsfindungskammerspiel „Blindflug“ oder die „Die Unerzogenen“, eine Wenn-ich-groß-bin-werde-ich-Spießer-Geschichte um eine 14-Jährige, die von dem Althippie-Habitus ihrer Eltern angeödet ist. Kleine dramaturgische Hänger sind bei Erstlingsfilmen üblich. So setzt das Workaholic-Drama „Vineta“ lange auf Verrätselung und Ästhetisierung, um am Ende eine eher banale sozialutopische Auflösung zu geben: Vineta ist ein Entsorgungsprojekt für „untragbare“ Mitarbeiter, die selber nichts von ihrer Ausmusterung ahnen.
Fast allen Filmen gemeinsam ist die Präsenz namhafter Schauspieler. In die Galerie der bekannten Köpfe reihen sich dieses Jahr ein: Matthias Schweighöfer, Marie Zielcke, Dagmar Manzel, Corinna Harfouch, Peter Lohmeyer, Ulrich Matthes, Justus von Dohnányi, Christoph Bach und Franziska Walser. Deutschlands 1-A-Mimen wollen sich offenbar nicht in TV-Schmonzetten verschleißen und spielen lieber in kleinen Filmen mit kleineren Gagen. Ein Signal für Qualität.