Nicolette Krebitz, Til Schweiger und Udo Wachtveitl haben es gemacht. Ina Weisse hat Blut geleckt und auch Uwe Ochsenknecht und Matthias Schweighöfer wollen es wissen. Immer mehr deutsche Schauspieler drängt es auf den Regie-Stuhl. Nicht alle sind so talentiert wie Ulrike Grote ("Was wenn der Tod uns scheidet?").
Sieben Menschen, die mitten im Leben stehen und für die der Tod allgegenwärtig ist. Da ist eine Frau, bei der ein Gehirntumor festgestellt wird. Da ist ein Paar, das den Unfalltod ihres Kindes nach Jahren noch nicht verarbeitet hat. Da ist ein Sohn, der mit der zunehmen-
den Demenz seiner Mutter das eigene Leben vernachlässigt. Tod, Abschiednehmen, Absterben von Gefühlen – um diese verdrängten Themen dreht sich „Was wenn der Tod uns scheidet“. Der episodisch angelegte Debütfilm von Ulrike Grote ist auch bemerkenswert, weil ihn eine Frau gemacht hat, die über den Schauspielerberuf zur Regie gefunden hat.
Obwohl „Was wenn der Tod uns scheidet?“ nicht über einige Festival-Einsätze und gute Kritiken hinauskam, ist die Aufmerksamkeit, die die Filmemacherin Grote gegenüber der Schauspielerin Grote bislang bekam, sehr viel größer. 2005 gewann die Hamburgerin den internationalen Studenten-Oscar. Ihr Film „Der Ausreißer“ wurde anschließend für den Oscar als „Bester Kurzfilm“ nominiert. Regisseur Hark Bohm war ihr Mentor. Der ehemalige Leiter der Hamburg Media School vermittelte ihr das klassische amerikanische Erzählen. Sie lernte die Regeln, wendete sie in ihren Übungsfilmen an, um sie in ihrem ersten Langfilm auf eine komplexere Erzählstruktur zu übertragen. Außerdem hielt sie sich an Bohms Credo, persönliche Geschichten zu erzählen. Deshalb das Thema Tod. Grote: „Plötzlich stirbt die beste Freundin, plötzlich stirbt der Vater – und dann denkt man: der Nächste bin ich.“
Eine andere Schauspielerin, die aus der Rolle fällt, ist Ina Weisse. Ihr Gesicht ist seit zehn Jahren präsent auf dem Bildschirm, wo sie zuletzt in Lars Beckers „Die Weisheit der Wolken“, Matti Geschonnecks „Duell in der Nacht“ und der ersten Staffel von „Doktor Martin“ geradezu magische Auftritte hatte. Trotz herausragender Rollen absolvierte auch sie parallel ein Studium der Filmregie und auch sie hielt sich an Hark Bohm. Fast vier Jahre plante und entwickelte sie ihren ersten Langfilm. Auch sie hat sich für ein Drama mit schwerem Thema entschieden. „Der Architekt“, der im Wettbewerb der Berlinale zu sehen war und der beim Max-Ophüls-Festival den Preis für das beste Drehbuch gewann, erzählt von einem klassischen Patriarchen, der nach dem Ableben seiner Frau dem eigenen Tod entgegentaumelt. Weisse hat großartige Kollegen verpflichtet: Josef Bierbichler, Sophie Rois, Matthias Schweighöfer.
Schauspielern wird es oft zu langweilig
Weisse und Grote sind keine Einzelfälle. Immer mehr Schauspieler hierzulande gehen fremd. Die Gründe sind unterschiedlich. Auch wenn in einem Gewerbe, in dem Image und Eitelkeit zur Währung des Erfolgs gehören, keiner zugeben würde, dass die Rollenangebote schlechter geworden sind – Tatsache ist: der Produktionsboom ist seit Anfang dieses Jahrzehnts ins Stocken geraten. Wer nicht in Kommissar-Rollen versauern will und wer sich nicht für den größten Kitsch der Welt mit Dreharbeiten an den schönsten Plätzen der Welt entschädigen lassen möchte, der muss sich etwas einfallen lassen.
Herbert Knaup und Uwe Ochsenknecht machen nebenher Musik. Kai Wiesinger und Hannes Jaenicke drehen Dokumentarfilme, Ken Duken führte Regie bei einigen Musikvideos. Ann-Kathrin Kramer, Nina Hoger, Heike Makatsch oder Heikko Deutschmann versuchen sich am Drehbuchschreiben. Es sei mitunter schon schwierig, gute Rollen zu bekommen, sagt Kramer. „Vielleicht ist auch nicht jedes Jahr etwas Herausragendes für einen dabei, aber es lohnt sich daran zu arbeiten und dabei auch mal auf die Nase zu fallen.“ Um mal wieder etwas nach ihrem Geschmack spielen zu dürfen, schrieb sie die Hartz-IV-Komödie „Heiratsschwindlerin mit Liebeskummer“ – und eine knackige Hauptrolle für sich gleich mit. Zurzeit schreibt Kramer an ihrem zweiten Drehbuch. Auch Makatsch entwickelte die Geschichte zu „Schwesterherz“ selbst, um mal wieder eine Herzensrolle spielen zu können. Schauspieler aus der zweiten Reihe wie Edda Leesch („Was glücklich macht“) oder Maria Bachmann („Fünf Tage Vollmond“) haben das Schreiben als zweites Standbein entwickelt.
"Warum muss der denn auch noch auf dieser Wiese grasen?"
Es kommt nicht von ungefähr, dass auch immer öfters deutsche Schauspieler auf dem Regiestuhl Platz nehmen. Mit prominentem Beispiel voran ging Til Schweiger, der sich zunächst als Autor und Produzent („Knocking On Heaven’s Door“) hervortat, bevor er mit „Barfuß“ und „Keinohrhasen“ (sechs Millionen Zuschauer) den Nerv des deutschen Kinopublikums traf. Auch Matthias Schweighöfer und Uwe Ochsenknecht haben erste Regiearbeiten in Planung. Im Fernsehfilm war es Udo Wachtveitl, der bereits vor zehn Jahren der zu oberflächlichen Storys neigenden TV-Movie-Ära mit dem Alten-Drama „Silberdisteln“ und „Krieger und Liebhaber“ etwas Anspruchsvoll-Schräges entgegensetzte. Doch Sender und Produzenten hielten sich danach bedeckt. „Die haben sicher gedacht: ‚Dem geht’s doch als Schauspieler gut – warum muss der denn auch noch auf dieser Wiese grasen?’“, spekuliert der „Tatort“-Star über die null Angebote. Zurzeit entwickelt Wachtveitl eine eigene Idee für einen Thriller – Schauplatz Kasachstan.
Von der Skepsis der Produzenten kann auch Franka Potente ein Lied singen. „Jeder Regie-Versuch eines Schauspielers wird von vornherein grundsätzlich angezweifelt“, betont sie. Dennoch gelang ihr mit dem 43-Minüter „Der die Tollkirsche ausgräbt“, einem Experiment auf den Spuren des Stummfilmkinos, ein Achtungserfolg. Auch Nicolette Krebitz, Ex-Darling der Feuilletonisten, machte sich auf Bildschirm und Leinwand rar. Weil sie nicht die ewige Mädchen-Nummer abziehen wollte, flüchtete sie hinter die Kamera. Für den Omnibus-Film „Deutschland 09“ hat sie eine Episode beigesteuert. Eine Perle des Arthaus-
Kinos ist ihre finstere Beziehungsmär „Das Herz ist ein dunkler Wald“ mit Nina Hoss.
„Viel mehr Geld mit weniger Arbeit“
Als Regisseure versuchen sich vor allem Schauspieler, die unzufrieden sind mit dem Status Quo deutscher Filme. „Ich habe mir zu oft bei Dreharbeiten gedacht, ‚das kann ich besser’“, so Udo Wachtveitl. Für viele ist die Regie eine willkommene Abwechslung. „Wenn ich jemand anderen gespielt habe, muss ich mir selber etwas ausdenken, um wieder zu mir zu kommen“, sagt Nicolette Krebitz. Für Ulrike Grote bedeutet der Rollenwechsel zwei Seiten einer Medaille. Der Regisseur ist für sie „kein Zampano, sondern einer, der eine Vision hat und ein Korrektiv ist für den Schauspieler.“
Ina Weisse empfindet es hilfreich, dass sie „weiß, wie Schauspieler empfinden und welche Ängste sie haben“. Die Lebenspartnerin von Ausnahmeregisseur Matti Geschonneck hat Blut geleckt und würde am liebsten sofort wieder als Autor und Regisseur arbeiten. Pragmatisch sieht es Til Schweiger: „Als Schauspieler verdient man viel mehr Geld mit weniger Arbeit.“ So nervig auch das Warten am Set und die Inkompetenz eines Regisseurs sein mögen – Regie ist ein Knochenjob. „Man muss tausend Antworten für tausend Fragen haben.“
So unterschiedlich die Motivationen – eines haben alle Filme von Regisseuren, die Schauspieler sind, gemeinsam. Sie sind Schauspieler-orientiert und haben große Namen aufzuweisen. Selbst ein kleiner Film wie „Was wenn der Tod uns scheidet?“ hat mit Peter Jordan, Janna Striebeck, Ulrich Noethen und der kürzlich verstorbenen Monica Bleibtreu eine exquisite Besetzungsliste. Ein Mehrwert für den Zuschauer ist also erkennbar, wenn Schauspieler Regie führen. Und was bringt es den Protagonisten selbst? „Ich bin ein besserer Schauspieler geworden“, sagt Udo Wachtveitl. „Ich weiß nun um die Nöte der Regisseure und stelle nicht mehr so viele falsche Fragen wie früher.“