Herbert Knaup ist Kommissar Kluftinger. Er kommt uns als verfressener Ignorant, als rustikaler Mann vom alten Schlag, der schon mal auf der Toilette des Gastgebers eine Zwischenmahlzeit einlegen muss – und er ist in dieser Rolle zum Niederknien komisch. Wenn er so dasteht in seinem Janker, aus dem er wie seine geliebte Bratwurst, die er schön schwarz bevorzugt, zu platzen scheint – das ist große Charakterkomödie von Valentinschem Zuschnitt. Auch als Stasi-Offizier, der zugleich der beste Papi der Welt ist (keine leichte „Doppelrolle“), gibt Knaup in „Jenseits der Mauer“ sein Bestes.
Wie der „Ehebrecher“ nach der passenden Mimik sucht, wenn seine Frau unangemeldet auftaucht oder sie ihm nach dem Rinderbraten bei der Geliebten zuhause noch mal sein Leibgericht auftischt, so sucht für diese Suche Edgar Selge die richtigen Nuancen – und er findet bei diesem Liebhaber von der traurigen Gestalt ebenso passende wie bei seinen grotesken Stadtneurotikern. Noch eine Spur feinnerviger als dieser betrügerische Gatte in „Die Freundin der Tochter“ gibt Selge den Familienvater in „Jenseits der Mauer“. Dieser Mann, der der Zwangsadoption seiner Tochter zustimmen muss, um nicht im Stasi-Knast zu landen, kann den Schmerz nicht unterdrucken. Immer wieder bricht es aus ihm heraus. Gefühlsausbrüche können im Film schnell in die falsche Richtung gehen. Deshalb werden sie im Fernsehen kaum gewagt. Wenn es einer schafft, dann Selge!
Wie Martin Brambach in dieser Nudistenkomödie diesen natürlichen, realistischen Ton trifft, das ist unnachahmlich. Dazu passt auch, dass er nackt so spielt, als ob er angezogen sei. Er ist einer unserer Besten – nur es hat sich noch nicht genügend herumgesprochen!
Liefers mischt reichlich Melancholie in dieses wunderbar inszenierte Melodram. Mit demselben Faible für Pausen, mit authentisch gespielter Nachdenklichkeit und einem Unterton, der bitter klingt, aber zugleich auch große Zärtlichkeit ausdrückt, entwickeln er und Ehefrau Anna Loos sowie Janek Rieke ein magisches Beziehungsdreieck.
Schüttauf darf mit Led Zeppelin im Ohr mal wieder kraftvoll auf Lonesome Rider machen – und wirkt einmal mehr wie der Sohn von Schimanski. Die Nacht gehört ihm und seinen Oberservierungen. Wunderbar als Gegengewicht zu Sawatzkis ätherischer Art.
Wie spielt man eine posttraumatische Störung? Jochen Nickel gibt seinem Afghanistan-Heimkehrer wenig emotionale Nuancen. Dieser Ex-Soldat ist seelisch tot. Er ist ein Mensch, der durch sein Verhalten und seine Physiognomie seine Umwelt, die zur Tagesordnung übergehen möchte, provoziert. Genau so wie er (und der Film) das Ruhebedürfnis des Zuschauers provoziert. Ihn so wie Nickel zu spielen ist psychologisch plausibel und passt sich ein in das distanzierte Gesamtkonzept von Züli Aladags „Bloch“.
Deutschmann über seine Rolle, die einst Cary Grant spielte: „Wenn man das Buch nicht vordergründig unterhaltend interpretiert, dann geht es hier um einen Menschen, der mit seinem Unglück nicht umgehen kann: der mit seinen Schmerzen nicht umgehen kann, der mit seiner Trauer nicht umgehen kann, der seine Kinder verliert, weil er ihnen nicht ermöglicht, um die gestorbene Mutter zu trauern. Dieser Mann hat ein extremes Defizit. Man könnte die Geschichte aus dem leichten Kontext nehmen und daraus einen bitteren Film machen. Ich glaube, es gibt sehr viele Menschen, die nicht trauern können. Die es sich nicht trauen, sich so weit sich selbst und ihren Gefühlen, ihren Ängsten, zu stellen. Das war das, was ich erzählen wollte, so, dass man berührt ist, aber nicht zerstört.“
Sein angeborenes „Schmunzeln“ gibt diesem bei der Kritik umstrittenen Melodram eine zusätzliche erfrischende Note. Rieke ist ein oft unterschätzter Schauspieler. Brilliert er sonst häufig in Komödien, so passt er sich in „Lilys Geheimnis“ wunderbar der Tonlage und der Spielart von Liefers und Loos an: Pausen füllt auch er mit authentisch gespielter Nachdenklichkeit und sympathischem Grundgestus an.
Zwei kleine Rollen, die in Erinnerung bleiben: seinen Politiker in „Lilys Geheimnis“ spielt er mit angemessener Würde und „ehrlichen“ Gefühlen, den transzendentalen Asia-Freund spielt er im wahrsten Sinne ganz im Hintergrund (köstlich!).
Zumindest im Rahmen eines solchen ProSieben-Popcorn-Pantoffelkino-Genre-Glanzstücks ist er der richtige Typ am richtigen Platz: komisch, kraftvoll, körperlich!