"Der letzte schöne Tag" / "Verführerin Adele Spitzeder" / "Alleingang" / "Spuren des Bösen"
ARD und ZDF lassen es wie jedes Jahr im Januar so richtig fiktionmäßig krachen. Der zuschauerintensivste Monat des Jahres wartet mit rund 40 Fernsehfilm-Premieren auf. Da gibt es Überragendes zu entdecken wie das Nach-dem-Selbstmord-Drama "Der letzte schöne Tag" und "Die Verführerin Adele Spitzeder". Da ist mit "Spuren des Bösen", der zehnten "Nachtschicht"-Episode und dem Sat-1-Reihenpilot "Hannah Mangold & Lucy Palm" beim Krimi-Thriller handwerklich Brilliantes dabei. Mehr als das findet man in Hartmut Schoens kriminalistisch angelegter Reise ins Ich – "Alleingang". Schwach dagegen der "Tatort". Insbesondere der (perfide) SR-Fall "Verschleppt" könnte und sollte eine Krimiästhetik-Diskussion lostreten. Ein Riesenfest für Fernsehfilmfans sind die Wiederholungen!!! mehr
Im Programm sind filmhistorisch relevante Kinofilme leicht zu übersehen. tittelbach.tv präsentiert deshalb jeden Monat die Alltime Classics, Filme, die traditionelle Filmgeschichte geschrieben oder die cool und kultig die Popkulturgeschichte maßgeblich geprägt haben.
Im Dezember haben alle Sender ihr Kinofilm-Pulver verschossen. Der ersten zwei Januar-Wochen bringen allenfalls ein solides Spielfilm-Programm aus Filmgeschichtesperlen, "Metropolis", "Leoparden küsst man nicht" oder "Citizen Kane" und modernen Klassikern wie "Chinatown" oder "Im Körper des Feindes". Die zweite Januar-Hälfte lebt von Arte: der Film-Noir-Reihe mit "Die Killer", "Die Lady von Shanghai" oder "Frau ohne Gewissen" und der "Godfather"-Trilogie. Krönender Abschluss: Lubitschs "Sein oder Nichtsein"! mehr
2011 war ein gutes Fernsehfilm-Jahr mit den Leuchttürmen „Homevideo“ und „Die Hebamme“ und den WDR-Stücken „Kehrtwende“ und „Nacht ohne Morgen“ und ein miserables Serien-Jahr. 2011 war vor allem aber ein überragendes Krimireihen-Jahr. Beim „Tatort“ hatte die Grimme-Nominierungskommission die Qual der Wahl: zwei HR-Perlen und ein Kleinod aus Wien machten das Rennen. An Kunzendorf, Kròl, Krassnitzer, Neuhauser und Tukur kamen die sieben Juroren, die fast drei Wochen von morgens bis in die Nacht gemeinsam Filme sahen, nicht vorbei. Aufregend auch das eigenwillige, physisch starke Duo aus Rostock: Sarnau & Hübner wurden für Spezial nominiert. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den beiden BR-„Polizeiruf“-Episoden: Der Einstand von Matthias Brandt, Dominik Grafs provokanter Polizeifilm „Cassandras Warnung“ setzte sich am Ende durch. Ein tolles Jahr auch für Maria Simon: die neue „Polizeiruf“-Frau wurde nominiert für das Vergewaltigungsdrama „Es war einer von uns“. Gleiches Thema, andere Geschichte: „Der Brand“, ein kleiner großer Debütfilm. Nicht fehlen darf „Dreileben“. Auch Sat 1 ist dabei – mit dem exzellent erzählten Krimidrama „Die letzte Spur“ von Ösi-Top-Regisseur Andreas Prochaska. Die Charts der nominierten Sender führen das ZDF (9), der WDR (4), der HR (3), Arte (3) und ORF (3) an. Bei den Machern die üblichen Verdächtigen: Lars Kraume, Andreas Kleinert, Hartmut Schoen, Kai Wessel, Dominik Graf, Matti Geschonneck. mehr
Petra Winter ist eine Person, die alles besser weiß. Dass sie dabei oft Recht hat, macht sie nicht beliebter – weder beim Kollegium noch bei ihren Schülern. Doch durch den gelungenen Doppelpass mit einem lockeren Hausmeister gewinnt die Lehrerin Lust und Gelassenheit und die Erfahrung, dass preußische Disziplin nicht alles ist... Thekla Carola Wied ist die Ideal-Besetzung. Und Peter Sattmann als sächselnder "Sturmpartner" ist (fast) nicht peinlich. mehr
„Meine Schwester und ich“ ist die Film gewordene Frauenzeitschrift. Übersteigerter Narzissmus ist in den Blättern der gehobeneren Sorte ebenso ein Thema wie das „sich aufopfern“, die noch immer beliebteste weibliche Verhaltensstrategie. In dem Degeto-Film werden diese psychologischen Muster dramaturgisch unterfüttert und familientechnisch ins Lot gebracht. Ein Fall für "Brigitte"-Leserinnen. Gut gespielt, stereotyp besetzt. mehr
Eine romantische Komödie mit reichlich Wohlfühl-Momenten, etwas Tiefgang und Screwball-Touch – das ist doch mal was! In „Manche mögen’s glücklich“ trifft Komik auf Liebesbedürfnis, begibt sich das Lachhafte auf Glückssuche, küsst das Genre den Alltag. Die Figuren werden nicht am Gängelband der Romantic-Comedy-Klischees durch die vorhersehbare Handlung geführt. Ursprung allen Wohlgefühls: die charakterstarken Figuren und zwei attraktive Schauspieler zum Gernhaben – Julia Brendler und Stephan Luca. mehr
Ein Haus in der Pampa wird zum Projekt eines Sommers, zum Hoffnungsträger für die Beziehung eines großstadtflüchtigen Paars. Leicht, ironisch und beiläufig ist die Erzählhaltung dieses wunderbar gespielten, kleinen Beziehungsfilms. Die Haltungen der thirtysomethings anno 2008 bleiben im Vagen, im Spielerischen. Sehr frei nach Goethes „Wahlverwandtschaften“. Wunderbar gespielt, luftig gefilmt im Stil der Berliner Schule. mehr
Ein psychisch gestörter Kunde einer Online-Partnervermittlung und Single-Hotline ist offenbar so sehr enttäuscht von den Leistungen der Flirt-Firma und der von ihr engagierten Frauen, dass er sich rächen will. Auch mit dem dritten „Stralsund“-Krimi ist Autor Sven S. Poser und Autor-Regisseur Martin Eigler ein spannungsästhetisch ausgefeilter Krimi-Thriller gelungen. Die Dramaturgie lebt vom Zeitdruck der Handlung, der Film von seinen Gesichtern. mehr
Von wegen nur eine Episode einer Krimi-Reihe. „Tod im Kloster“ ist ein Film von makelloser Schönheit. Die kunstvolle Cadrage, die auf die „Wesenheit“ der Dinge abzielende Montage, der Mythos Kloster, die schwere Ausstattung, die stummen Räume, die permanenten Topshots als Zeichen für eine „höhere Gerechtigkeit“ – all das treibt dieses Krimidrama stärker an als die vordergründige Handlung. Alles stimmt – auch das Buch von Ex-Fehlfarben-Gitarrist Thomas Schwebel & die Kamera der Kloster-erfahrenen Nathalie Wiedemann. mehr
„Die Kinder von Blankenese“ folgt einer Gruppe jüdischer Waisenkinder, die aus dem Lager Bergen-Belsen kommend, in einer Villa an der Elbe im Frühjahr 1945 langsam wieder ins Leben zurückfinden. Die Stärke dieses Doku-Dramas liegt in der klaren, fließenden und nicht auf Effekte setzenden Vernetzung der dominierenden Spielszenen mit den Interview-Passagen. Die große Ausstrahlung der Zeitzeugen schlägt wunderbar auf die Figuren durch. Raymond Ley illustriert Geschichte nicht, sondern er erzählt sie. Ein vorbildliches Doku-Drama. mehr
Einen kompakten Erpresser-Krimi, der in 24 Stunden seine „Mörderische Verfolgung“ abspult, gab es länger nicht. Das Genre aber ist wohlbekannt – und so kam man schnell wieder auf den Geschmack. Erleichtert wurde einem der Zugang durch eine abwechslungsreiche Besetzung: Katharina Wackernagel als Polizistin – warum nicht?! mehr
Eine schöne Bescherung. Da ist Franzi gerade auf dem Sprung in einen neuen Lebensabschnitt, will mit ihrem Liebsten von Hamburg nach Peking ziehen, da kommt ihr – und vor allem ihrem Verlobten – diese dumme Chinesin dazwischen... Auch so können Serien sein, komisch verspielt, undramatisch, ohne das obligatorische Problem pro Serienfolge. mehr
Was 25 Jahre galt, kann doch nicht plötzlich Schnee von gestern sein! „Trau niemals deinem Schwiegervater“ lebt von dieser Überzeugung seines Helden und das TV-Movie kostet diese (tragi)komisch aus. Und bald liegen bei allen die Nerven blank. Schwiegereltern-Lustspiele gab und gibt es viele. Bei dieser Sat-1-Komödie mit Walter Sittler unterhält man sich 90 Minüten köstlich und ohne Reue. Prima Situationskomik, dramaturgisch dicht, Top-Besetzung! mehr
Sommer 1944. Lena Gräfin von Mahlenberg kehrt nach Ostpreußen zurück. Dort trifft sie auf ihren kranken, unversöhnlichen Vater und ihren ewigen „Verehrer“ Graf von Gernstorff. Schnell entwickelt sie ein Verantwortungsgefühl der Familientradition, dem Gut und den Bediensteten gegenüber. Doch ihre Heimat ist nicht zu retten... Handwerklich hochwertiger Event-Movie-Zweiteiler, in dem revanchistisches Gedankengut keine Chance hat. mehr
„Viele Tote, keine Quote!“ Ein Krimiserien-Star ohne Rolle scheint von der Rolle zu sein. Fritz Wepper spielt zu seinem Siebzigsten Peter Lindburg, einen Schauspieler, der seine Rollen-Erfahrung als Kommissar in die Realität einbringt und einen Staatsanwalt des Mordes bezichtigt. Launiger, schwungvoller Schmunzelkrimi mit Anleihen an Weppers Krimiserien-Vergangenheit, "Derrick" & "Der Kommissar", und mit einer namhaften Besetzung. mehr
Pferde, Hunde, Kinder, ein Baby, Schicksal vor Landschaft – das geht immer. In diesen Geschichten bekommt jeder Topf seinen Deckel – nicht immer, was die Liebe, sondern was die Dramaturgie angeht: finanzielle Sorgen vs. Lotto-Gewinn, Heldin-Ärztin vs. kranker Partner etc. Zu jeder These die passende Gegen-These – und die Synthese heißt Johanna Lohmann. Diese „Schicksalswege“ sind so überschaubar, die Konflikte so sehr mit Ansage zusammengeschraubt, dass es selbst in Anbetracht des Heimatfilm-Genres weh tut. mehr
Ein Lebenslänglicher ist aus dem Knast ausgebrochen, um sich an einem Kommissar zu rächen. Der laute, hyperaktive Prolet trifft einen Polizisten, der lieber schweigt. Die Handlung klingt nach Krimi – und fühlt sich doch nach Drama an. Die „Äußerlichkeiten“ fallen zunehmend ab – von den Protagonisten, von der Geschichte. Hartmut Schoen lässt alles auf ein Duell hinauslaufen, doch die Erschöpfung lässt die Kontrahenten zu sich selbst kommen. Als parabelhafte Reise ins Ich ist das stimmungsvolle Schauspieler-Stück angelegt. mehr
„Aus Mangel an Beweisen“ ist ein ziemlich ernsthaft erzählter Fall. Kindesentführung, Missbrauchsverdacht, ein Ehepaar in Panik – da ist nicht gut witzeln. Und doch ist „Wilsberg“-Pionier Jürgen Kehrer ein recht passabler Krimifall gelungen. Alles ein wenig überkonstruiert. Aber das kennt man ja vom Westfalen. Und für den Witz sorgt Ekki. mehr
Peter Lohmeyer ist Jan Fabel, ein Mann, der tut, was ein Mann tun muss. Eine markante Bewerbung für eine Reihe geben auch die krimigestählten Lisa Maria Potthoff und Hinnerk Schönemann ab. „Wolfsfährte“ lebt mehr als andere 90-minütige Krimis von Atmosphäre, Rhythmus und den Charakteren. Das ist nicht der fernsehkrimiübliche Dienst nach Vorschrift, das ist Stil an der Waffe – ein guter Mix aus Psychologie, Action und Mythenzauber. mehr
Vor 17 Jahren war sie von einem italienischen Austauschschüler schwanger und gab das Kind zur Adoption frei. Die Juristin Susanne Jacob übertritt das Gesetz – und nähert sich ihrer Tochter, die nicht weiß, dass sie ein Adoptivkind ist. „Das Haus ihres Vaters“ transportiert einen realen Konflikt ins Emotionale. Die Autoren verzichten, den „Fall“ diskursiv und juristisch aufzudröseln. Konsequent lassen sie die Gefühle den Handlungsverlauf bestimmen. Stark von Sarnau und Stopper gespielt. Ein Degeto-Melo, das Schule machen sollte. mehr